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China

Drohende Hinrichtung eines Opfers von häuslicher Gewalt

Li Yan
Li Yan | © Private

Lange hatte Li Yan unter den Schlägen und Folterungen ihres Ehemannes gelitten, bis sie endlich die Polizei und andere Institutionen um Hilfe bat. Als niemand half, erschlug sie ihren Mann mit einer Schusswaffe. Dafür soll Li Yan nun hingerichtet werden.

Das mittlere Volksgericht der Stadt Ziyang verurteilte Li Yan am 24. August 2011 wegen vorsätzlichen Mordes zum Tode. Sie legte Rechtsmittel gegen die Todesstrafe ein, doch das höhere Volksgericht der Provinz Sichuan bestätigte das Urteil am 20. August 2012. Trotz der Aussagen Li Yans über den Missbrauch, den sie erlitten hatte, und bestätigender Zeugenaussagen erhielt das Gericht die Todesstrafe aufrecht. Inzwischen sind alle Rechtsmittel erschöpft, und Li Yan könnte jederzeit hingerichtet werden.

In einem bewegenden Zeugnis schildert ihr acht Jahre jüngerer Bruder Li Dehuai die tragische Geschichte seiner Schwester.

«Li Yan, meine ältere Schwester, wurde von ihrem Ehemann oft geschlagen. Auch sperrte er sie mitten im Winter in leichter Bekleidung auf den Balkon und quälte sie, indem er brennende Zigaretten auf ihrem Gesicht ausdrückte. Er hat ihr sogar einen Finger abgeschnitten. Wiederholt hat sie die Polizei gebeten, sie zu schützen. Schliesslich, im November 2010, hat sie ihn wieder und wieder mit einer Pistole auf den Kopf geschlagen, damit die Gewalt endlich aufhörte.

Meine Schwester war eine intelligente und sehr praktisch veranlagte junge Frau, die sich nach einem stabilen Familienleben sehnte. Mit 16 Jahren war sie von zuhause weggezogen, um in einer Fabrik zu arbeiten. Ihre erste Ehe, mit einem jüngeren Mann, dauerte 14 oder 15 Jahre, bevor sie mit einer Scheidung endete. Der zweite Mann war fünf Jahre älter als sie. Die ganze Familie war gegen ihre Heirat mit ihm gewesen, weil er für seine Gewalttätigkeit bekannt war und schon drei Scheidungen hinter sich hatte. Mein Vater drohte sie zu verleugnen.

Wenn sie von Zeit zu Zeit ihre Eltern besuchte, sprach sie wenig. Ich glaube sie nahm es sich selber übel, dass sie nicht auf uns gehört hatte. Einmal habe ich sie gefragt, woher die Zigaretten-Brandmale in ihrem Gesicht kämen. Sie gab vor, es handle sich um Verbrennungen von Ölspritzern, die sie sich beim Kochen zugezogen hätte. Ich fragte, wieso denn nur auf dem Gesicht und nicht auch auf den Armen, aber sie schien etwas verstecken zu wollen. Ich wusste dass sie nicht glücklich war, aber dass es derart übel zu und herging, wusste ich nicht. Während der beiden Monate vor jener Schicksalsnacht schaute sie jeweils nur noch ganz kurz zuhause vorbei. Sie machte kaum mehr Besuche bei Freundinnen oder den Eltern. Wahrscheinlich kämpfte sie damals gegen viele Emotionen.

Am 2. August 2010 hatte ihr Mann sie wieder einmal brutal geschlagen. Daraufhin bat sie bei ihrem lokalen  Einwohnerkomitee (Juweihui) um Hilfe. Dort riet man ihr, ins Krankenhaus und zum Gericht zu gehen. Sie ging in ein grosses Spital in ihrem Bezirk, wo ein Arzt ihr attestierte, dass sie massive äussere Verletzungen an der Brust und am linken Bein aufwies. Doch das blieb ohne Folgen. Am 10. August wurde sie wieder geschlagen. Diesmal ging sie zur Polizei, wo man Fotos von ihren Verletzungen machte. Aber die Polizei dachte sich wohl, das sei mal wieder ein ehelicher Streit, und somit eine «private Angelegenheit».

In der chinesischen Gesellschaft ist die Ansicht noch immer weit verbreitet, dass Frauen weniger wert sind als Männer. Wenn in einer Familie Gewalt gegen ein schwächeres Familienmitglied ausgeübt wird, denkt das Opfer, in den meisten Fällen eine Frau, sie müsse eben Geduld haben und verzeihen, ganz nach dem Sprichwort «wo in der Familie Friede herrscht, wird auch der Wohlstand folgen» oder «wasch deine schmutzige Wäsche nicht in der Öffentlichkeit». Einwohnerkomitees, Frauenschutzorganisationen oder die Polizei können normalerweise nicht viel für die Frau tun, wie der Fall meiner Schwester zeigt. Oft beschränkt sich die Massnahme auf einen verbalen Verweis, und wenn die physische Gewalt keine grösseren Verletzungen oder eine Behinderung zur Folge hatte, wird normalerweise auf eine Versöhnung gesetzt.

Was meine Schwester betrifft, möchten die meisten Leute nicht zu ihren Gunsten aussagen, weil sie sich nicht mit der Familie ihres Mannes anlegen möchten.

Ich danke allen, die sich in den verschiedensten Weltregionen für Milde und Gerechtigkeit gegenüber meiner Schwester eingesetzt haben.»

Urgent Action zu Li Yan

Februar 2013