«Das Leben ist sehr hart und wir haben es nie selbst in der Hand»
- Anita Haldar | © Gargi Sen
Die 26-jährige Anita Haldar arbeitet als Hausangestellte in Delhi. Sie lebt mit ihrem Mann und ihrem fünfjährigen Sohn in einem Zimmer. Ihren ältesten Sohn hat sie verloren.
Als ich 14 war, bin ich nach Delhi gekommen. Ich wurde verheiratet, als ich 17 war und als Hausangestellte arbeitete. Meine Mutter hat das für mich arrangiert. Sie arbeitete auch als Hausangestellte, aber sie wohnte im Süden Delhis, während ich im Westen lebte. Ich fühlte mich einsam. Ich bekam nicht genügend zu essen.Ich war es gewohnt, viel Reis zu essen, aber es wurde nicht genug gekocht. Aber ich habe gerne dort gearbeitet, weil mir meine Chefin Schreiben und Lesen beigebracht hat.
Ich bin in einem Dorf in Bengalen aufgewachsen. Wir waren acht Kinder. Mein Vater war Bauer und besass ungefähr 1,2 Hektaren Land. Er baute Gemüse an, einen Teil davon verkaufte er auf dem Markt. Es ging uns recht gut. Wir hatten ein grosses, zweistöckiges Haus aus Lehm. Als ich 13 war, stürzte mein Vater von einer Kokospalme. Seither ist er gelähmt. Später, von seinen Brüdern beeinflusst, warf er meine Mutter aus dem Haus. Sie ging allein nach Delhi, wo sie anfing, als Hausangestellte zu arbeiten. Nachdem sie gegangen war, hat mein Vater auch mich aus dem Haus geworfen. Ich bin meiner Mutter gefolgt und habe ebenfalls angefangen zu arbeiten.
Meine Mutter hat Milan, meinen Mann, durch Beziehungen kennen gelernt. Sie hat ihn gut gemocht, vor allem, weil er für die Heirat keine Mitgift wollte. Meine Hochzeit wurde schnell arrangiert, und ich habe mich in meinem neuen Leben zurechtgefunden. Milan war lieb, ich musste nicht mehr bei anderen arbeiten gehen, und einmal mehr dachte ich, es wäre möglich, zu träumen – während meiner ganzen Kindheit hatte mein Vater davon gesprochen, mir eine Ausbildung zu ermöglichen und aus mir eine Beamtin zu machen.
Aber Milan hat seine Arbeit verloren und mein Leben hat sich nochmals verändert. Er hat keine Festanstellung gefunden und ich musste wieder anfangen zu arbeiten. Als mein erster Sohn geboren wurde, konnte ich mich noch über Wasser halten. Drei Jahre später kam der zweite auf die Welt, und es wurde schwierig, zu arbeiten und gleichzeitig nach den Kindern zu schauen. Meine Arbeitgeber hatten es nicht gerne, dass mich die Kinder zur Arbeit begleiteten. Schliesslich hat Milan aus Verzweiflung unsere beiden Söhne zu seiner Schwester ins Dorf gebracht und sie dort gelassen. Am 12. Januar 2005 ist der ältere in einen Teich gefallen und ertrunken, drei Tage vor seinem vierten Geburtstag.
Ich habe den jüngeren zu mir nach Delhi genommen. In der Zwischenzeit hat Milan eine regelmässige Anstellung gefunden, und ich habe auch ein Haus gefunden, in dem ich Vollzeit arbeiten kann. Zurzeit wohne ich mit Milan und meinem Sohn in einem Hausangestelltenzimmer. Mein älterer Sohn fehlt mir; ich konnte nichts für ihn tun. Den grössten Teil seines kurzen Lebens hat er verängstigt und, ohne willkommen zu sein, an verschiedenen Orten zugebracht. Ich bin fest entschlossen, den jüngeren in die Schule zu schicken. Er ist in einer guten Schule, und ich hoffe, dass er ein gutes Leben haben wird.
Meine Geschichte ist nicht einzigartig. Das Leben ist sehr hart und wir haben es nie selbst in der Hand. Wenn ich Geld gehabt hätte, wäre mein Sohn heute vielleicht noch am Leben. Jetzt träume ich von einer Wohnung, die mir gehört und aus der mich niemand wegjagen kann. Ich träume von einem regelmässigen Einkommen, damit ich aufhören kann, als Hausangestellte zu arbeiten, und Zeit für mich habe, um besser Schreiben und Lesen zu lernen, damit ich meinem Sohn bei seinen Aufgaben zur Seite stehen kann.

