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Taser

Umwerfende Spannung

Unverhältnismässiger Einsatz: Polizisten in Pittsburgh setzen den Taser gegen einen Demonstranten ein © Matt Toups/Pittsburgh Indymedia
Unverhältnismässiger Einsatz: Polizisten in Pittsburgh setzen den Taser gegen einen Demonstranten ein | © Matt Toups/Pittsburgh Indymedia

Elektroschockpistolen, so genannte Taser, finden immer häufiger den Weg in Polizei- und Militärarsenale in aller Welt. Obwohl sie von ihren Fabrikanten als nichttödliche Waffe angesehen werden, hat Amnesty International zwischen 2002 und August 2008 alleine in den USA 334 Fälle dokumentiert, bei denen Menschen nach einem Taser-Einsatz gestorben sind.

Wer je einen Taser-Stromschlag am eigenen Leib erlebt hat, vergisst ihn nie mehr. «Sie nennen es die fünf längsten Sekunden deines Lebens. Niemand möchte ein zweites Mal davon getroffen werden», sagt ein Sheriff aus dem US-Bundesstaat Michigan. Und ein US-Waffenexperte gibt zu: «Ich habe niemals grössere Schmerzen empfunden.»

Kein Wunder: Ein Taser jagt Strom in der Stärke von 50 000 Volt durch den Körper. Mit der Elektroschockpistole können aus einer Distanz von maximal sechs Metern zwei kleine Pfeile abgefeuert werden, die durch dünne Drähte mit dem Gerät verbunden bleiben und so den Stromfluss aufrechterhalten. Die hohe Spannung lähmt für einige Sekunden das Nervensystem. Die beschossene Person bricht zusammen und kann widerstandslos festgenommen werden.

334 Menschen starben nach Taser-Einsätzen

Der Elektroschock habe keine langfristigen gesundheitlichen Folgen und diene deshalb sowohl dem Schutz von Polizeibeamten wie auch mutmasslichen Delinquenten. So argumentieren die Herstellerfirma und Polizeikorps, die den Taser anwenden. Laut Informationen von Amnesty International (AI) sieht die Bilanz jedoch deutlich düsterer aus: Zwischen 2001 und August 2008 starben in den USA 334 Menschen nach einem «Taser»-Einsatz.

In den meisten der untersuchten Todesfälle spielten weitere Faktoren wie Drogen eine Rolle. Trotzdem kamen GerichtsmedizinerInnen und Justizbehörden zum Schluss, dass die Stromstösse von Tasern in mindestens 50 Fällen direkt oder indirekt zum Tod führten.

«Taser»-Waffen als Folterinstrument

Das Uno-Komitee gegen Folter hat sich in einer öffentlichen Stellungnahme vom 23. November 2007 äusserst besorgt gezeigt über die Tatsache, dass «die Verwendung von «Taser»-Waffen, welche enorme Schmerzen verursachen und eine Form der Folter darstellen, unter gewissen Umständen tödlich sein können».

«Taser»-Waffen müssen als potentiell tödliche Waffen angesehen werden, vor allem beim Einsatz gegen Personen, die an Herz- oder Atemproblemen leiden.

Wie Amnesty International fordert das Uno-Komitee gegen Folter, dass der Einsatz von Elektroschockwaffen ausschliesslich in Situationen grösster Gefahr erlaubt werden, anstelle des Einsatzes von tödlichen Feuerwaffen.

Schweiz bewilligte als erstes europäisches Land Taser-Einsatz

Berichten zufolge setzen mehr als 11'000 Strafverfolgungs- und Vollzugsbehörden in den USA die Taser-Pistolen versuchsweise oder definitiv ein. Die US-Armee verwendete Taser unter anderem bei der Überführung von Terrorverdächtigen nach Guantánamo Bay. Seit einigen Jahren führen auch europäische Länder die Elektroschockpistole ein – allen voran die Schweiz.

Im Sommer 2003 liess die Herstellerfirma verlauten, die Schweiz habe als erstes europäisches Land den Taser offiziell bewilligt. Anlass war eine Empfehlung der Schweizerischen Polizeitechnischen Kommission an die Polizeikorps, die Waffe zu beschaffen.

Polizeikorps in mehreren Kantonen und Städten haben Taser-Pistolen in Einsatz genommen oder getestet. Versuchsweise eingeführt wurden die Taser-Waffen bei den Kantonspolizeien Aargau, Appenzell Ausserrhoden, Appenzell Innerrhoden, Bern, Basel-Land, Basel-Stadt, Nidwalden, Schwyz, St.Gallen, Thurgau, Zug, Zürich sowie bei den Stadtpolizeien Dübendorf (zu Ausbildungszwecken) und Zürich.

Andererseits haben die Polizeikorps der Kantone Neuenburg und Waadt die Taser-Beschaffung explizit abgelehnt. Der Kanton Wallis verzichtet nach einer Testphase auf eine Einführung. «Der Taser kommt für uns zurzeit nicht in Frage», sagt Jean-Marie Bornet von der Walliser Kantonspolizei. Über die genauen Gründe schweigt er sich aus – lokale Medien hatten indes berichtet, die Polizei halte die Verletzungsgefahr für zu hoch.

Gefahr des unverhältnismässigen Einsatzes

Der Taser richte im Durchschnitt weniger Schaden an als eine Schusswaffe, argumentiert die Taser-Lobby. Dies mag richtig sein, geht indes von der Voraussetzung aus, dass die Elektroschockpistole praktisch nur als Alternative zur Schusswaffe eingesetzt wird.

Die Praxis aus den USA zeigt aber, dass die Schwelle für eine Anwendung ständig sinkt. Zum Beispiel streckte ein Polizist in Arizona ein neunjähriges, psychisch behindertes Mädchen nieder, das aus einem Heim davongelaufen war. Hunderte von Häftlingen in den USA werden jedes Jahr mit Tasern diszipliniert.

Dieser Beitrag ist eine im Dezember 2008 aktualisierte Version eines Artikels, der im Februar 2005 im Magazin AMNESTIE! erschienen ist.

Kinderbuchheld auf Abwegen

Der Name «Taser» ist ein Akronym von «Thomas A. Swift’s Electrical Rifle» und geht auf ein Kinderbuch aus dem Jahre 1911 von Victor Appleton zurück. Die ersten Taser wurden in den 70er-Jahren in Kalifornien entwickelt. Als erste grössere Institution führte das L.A. Police Department 1974 den Taser ein.

Marktführerin ist heute die Firma «Taser International» aus Arizona. Sie lancierte 1999 das Gerät «M26» mit einer Spannung von 50000 Volt und einer Leistung von 26 Watt. 2003 kam der «X26» auf den Markt, der über dieselben Leistungsmerkmale verfügt, aber nur halb so gross und schwer ist. Sogar für den Heimgebrauch bietet die Firma ein Modell an, allerdings «mit einer etwas geringeren Leistung».