China: Keine Organentnahmen von Hingerichteten
Im Rahmen des 23. International Congress of The Transplantation Society (TTS) vom 15. bis 19. August 2010 in Vancouver trafen Führungskräfte aus der Pharmaindustrie mit TransplantationsexpertInnen aus der ganzen Welt zusammen. Die Schweizer Sektion von Amnesty International hat einen Aufruf an die chinesische Regierung und Pharmaunternehmenlanciert, insbesondere an Roche und Novartis, alle notwendigen Massnahmen zu ergreifen, damit Organtransplantationen in China nicht mit Menschenrechtsverletzungen einhergehen. Die Unternehmen müssen in dieser heiklen Frage eine besondere Sorgfaltspflicht beachten, damit sie bei der Forschung oder beim Handel mit Immunsuppressiva nicht direkt oder indirekt die Organentnahme von hingerichteten Gefangenen unterstützen. Es braucht klare, gemeinsam vereinbarte und von unabhängiger Seite überprüfbare Richtlinien.
Amnesty International hat wiederholt über die Probleme in Zusammenhang mit Hinrichtungen in China informiert. In China wird für 68 Delikte die Todesstrafe verhängt, darunter fallen auch Straftaten ohne Gewalteinwirkung wie Wirtschafts- und Drogendelikte. Die Todesstrafe hat zu einem lukrativen Geschäft mit Organen von Hingerichteten geführt. Anlässlich einer internationalen Konferenz über Lebertransplantationen im Juli 2005 räumte Vize-Gesundheitsminister Huang Jiefu ein, dass in China die Mehrheit der Organe, die für Transplantationen verwendet werden, von hingerichteten Gefangenen stamme. Er wiederholte diese Aussage im März 2010 während einer Konferenz über Organspende und Transplantation in Madrid.
Amnesty International wie auch die Transplantationsgesellschaften verurteilen diese Praxis, da die zum Tode Verurteilten unter Zwang und dem Trauma der bevorstehenden Exekution stehen. Sie sind nicht in der Lage, freiwillig und mit den nötigen Informationen versehen einer Transplantation zustimmen.
Neues Gesetz genügt nicht
Im März 2007 hat die chinesische Regierung neue gesetzliche Bestimmungen über die Organtransplantation erlassen, um den Kauf und Verkauf von Organen zu verbieten. Diese Bestimmungen betreffen aber vor allem die Vorgehensweise bei lebenden SpenderInnen und ermöglichen weiterhin die Transplantation der Organe von Hingerichteten, die auch zurzeit noch die Mehrheit der transplantierten Organe ausmachen. Zudem führt die mangelnde Transparenz bei den Hinrichtungen dazu, dass die Herkunft von transplantierten Organen nicht zurückverfolgt werden kann, wie es die Richtlinien der Weltgesundheitsorganisation WHO für die Transplantation menschlicher Organe verlangen.
Roche testet Medikament in China
Mehrere Pharmaunternehmen, darunter die Schweizer Firmen Roche und Novartis, vertreiben in China ihre Medikamente, die zur Vermeidung von Organabstossung dienen. Roche führt derzeit noch klinische Studien über die Wirksamkeit des Medikaments CellCept an etwa 300 PatientInnen durch, denen in chinesischen Spitälern eine Leber oder Niere transplantiert wurde. Die Firma weiss nicht, woher die transplantierten Organe stammen.
Einzelne Unternehmen bemühen sich, dieses Problem in den Griff zu kriegen, in dem sie beispielsweise ein Projekt des chinesischen Roten Kreuzes unterstützen, welches eine Datenbank mit freiwilligen SpenderInnen einzurichten versucht. Die Tatsache bleibt jedoch bestehen, dass die chinesische Regierung nicht über die notwendigen Mechanismen verfügt, um die internationalen Richtlinien für Organtransplantationen umzusetzen, die Transparenz und Rückverfolgbarkeit der Herkunft der Organe unter Wahrung der Privatsphäre der Spender fordern (s. WHO Richtlinien).
Pharmakonzerne müssen handeln
Amnesty International hat die Schweizer Unternehmen Roche und Novartis aufgerufen, zusammen mit den TransplantationsexpertInnen und den anderen ausländischen Unternehmen, die in dieser Branche tätig sind (darunter Astellas und Pfizer-Wyeth), einen gemeinsamen Verhaltenskodex zu erstellen. Dieser Verhaltenskodex muss die Modalitäten definieren, wie eine angemessene Sorgfaltspflicht (entsprechend der Definition des UN-Sonderbeauftragten für Wirtschaft und Menschenrechte John Ruggie) umgesetzt werden kann und wie unabhängige und wirksame Kontrollmechanismen eingerichtet werden können. Pharmaunternehmen, die sich einen ethischen Kodex zugelegt haben, können Praktiken, mit denen die Menschenrechte und die medizinische Ethik verletzt werden, nicht unterstützen.
13. August 2010 - aktualisiert am 23. September 2010

