Geschlechtergerechte Sprache

Literaturhinweise
Für Gerechtigkeit und gegen Diskriminierung auch in der Sprache: Die sprachliche Gleichbehandlung von Frauen und Männern bei Amnesty International.

Im Rahmen der 2004 lancierten weltweiten Kampagne «Stoppt Gewalt gegen Frauen» hat Amnesty International auch einen internen Prozess der Sensibilisierung für Geschlechterfragen innerhalb der gesamten Bewegung in Gang gesetzt. Im Zuge dieses «Gender Mainstreaming»-Prozesses wurde in der Schweizer Sektion unter anderem die geschlechtergerechte Verwendung von Sprache und Bildern überprüft. Daraus entstanden die«Regeln für die sprachliche Gleichbehandlung von Frauen und Männern bei AICH».

Warum sprachliche Gleichbehandlung bei AICH?

Sprache spiegelt Realitäten, schafft aber auch Realitäten. Das gilt für die schriftliche, für die gesprochene Sprache und für die Bildsprache.

Sachverhalte differenziert darstellen

In ihrer Recherche- und Dokumentationsarbeit zur Verwirklichung der Menschenrechte weltweit legt Amnesty International besonderen Wert darauf, dass Sachverhalte genau wiedergegeben werden. Dazu gehört die Klarstellung, ob es sich bei Handelnden wie auch bei Opfern von Menschenrechtsverletzungen um Frauen oder um Männer handelt. Denn hinter den oft unterschiedlichen Rollen und Erfahrungen von Frauen und Männern stehen gesellschaftliche Realitäten und Machtverhältnisse, die für das Verständnis von Menschenrechtsfragen von grösster Bedeutung sind.

Menschen beiderlei Geschlechts ansprechen

Amnesty International will Frauen und Männer, Mädchen und Jungen gleichermassen ansprechen, für Menschenrechtsfragen sensibilisieren und für einen Einsatz für die Menschenrechte gewinnen. Deshalb soll auch sprachlich nicht nur das eine Geschlecht erwähnt werden, und in unserer Kommunikation soll deutlich werden, ob das andere Geschlecht «mitgemeint» ist oder ob nur von Männern oder nur von Frauen die Rede ist.

Sprache ist nicht neutral, sondern transportiert auch Denk- und Wahrnehmungsgewohnheiten, Vorurteile und Stereotype. Sprache kann dementsprechend auch verändernd auf unsere Wahrnehmungs- und Denkgewohnheiten einwirken.

Die wichtigsten Sprachregeln bei Amnesty International (deutschsprachige Schweiz)

Die Verwendung der männlichen und der weiblichen Form als Grundregel.

Wo Frauen und Männer gemeint sind, werden in Texten von AI-CH grundsätzlich die weibliche und die männliche Form nebeneinander verwendet.

Gerade auch dort, wo üblicherweise nicht an beide Geschlechter gedacht wird, ist die Verwendung beider Formen wichtig, um nicht selbstverständliche Realitäten sichtbar zu machen:

Die geschlechtsneutrale Formulierung als Ausweichlösung

Wo die Verwendung beider Formen zu lang und zu schwerfällig wirkt, kann eine «geschlechtsneutrale» Formulierung verwendet werden: Sammelbegriffe wie «Angehörige», «Mitglieder», «Führungskräfte» und substantivierte Formen wie «Jugendliche», «Studierende».

Solche Formen bergen allerdings die Gefahr, dass die Beteiligung beider Geschlechter wieder undeutlich wird. Deshalb greifen wir nur ausnahmsweise auf diese Lösung zurück.

Das «Binnen-I» als Möglichkeit für Kurztexte, Formulare etc.

In besonders kurzen Texten - z.B. Formularen, Flyern, Kästchen, Bildlegenden - die keine Anwendung beider Formen zulassen, kann als Zusammenzug der männlichen und der weiblichen Form das Binnen-I verwendet werden. Die Kurzform muss dabei grammatikalisch richtig verwendet werden: der Wortteil vor dem Binnen-I muss ein vollständiges Wort ergeben, darf also nicht «amputiert» sein. Grammatikalisch nicht richtig ist z.B. «StudentInnen».

Die Anwendung in der Praxis

Amnesty International verwendet in der internen und externen Kommunikation grundsätzlich eine geschlechtergerechte Sprache. Faktentreue, Verständlichkeit und Lesbarkeit bleiben dabei als journalistische Grundsätze bestehen.

In der internen Kommunikation sowie in den eigenen Printmedien von AICH wird die Sprache ausnahmslos geschlechtergerecht gehandhabt. In Mediencommuniqués wie auch auf der Website finden die Regeln wo immer möglich Anwendung,  Kompromisse zugunsten der gebotenen Kürze oder der Lesbarkeit sind jedoch in Ausnahmefällen erlaubt. In Beiträgen an andere Medien, die selbst keine geschlechtergerechte Sprache verwenden, versucht AICH die geschlechtergerechte Sprache für die von ihr verantworteten Beiträge durchzusetzen.

Bildsprache: auch hier ist Geschlechtersensibilität angezeigt!

Bilder spielen in der Kommunikation von Amnesty International eine wichtige Rolle – und sind ein starker Träger von Botschaften. Die wichtigsten Regeln:

  • Keine Stereotype reproduzieren! (Frauen sind nicht nur immer schluchzende Opfer,  Männer nicht immer böse Täter)
  • Frauen und Männer möglichst auch einmal in «ungewohnten» Rollen darstellen – natürlich mit entsprechenden Begleittexten.
  • In Bildunterschriften genau sein (z.B. nicht «Demonstranten vor der amerikanischen Botschaft», wenn auf dem Bild ausschliesslich Frauen zu sehen sind)
Last but not least: Kreativität statt Zwang!

Wer einen Text zuerst in der männlichen Form schreibt und dann versucht, die weibliche Form im nachhinein zu ergänzen, erzeugt damit meist einen schwerfälligen und langweiligen Text, in dem die geschlechtergerechte Sprache gezwungen wirkt.

Statt die Schwerfälligkeit geschlechtergerechter Texte als Argument zu brauchen, um beim männlichen Sprachgebrauch zu bleiben, ist Kreativität gefragt, um gute Formulierungen zu finden!

Fachstelle für Gleichstellung von Frau und Mann des Kantons Basel-Landschaft (Hrsg.): «...denn  nicht jeder ist eine Frau... »: Geschlechtergerechte Sprache – wirkungsvolle Kommunikation. Kurzanleitung mit Beispielen. 2. Aufl., Basel 2001

Häberlin, Susanna; Schmid, Rachel; Wyss, Eva Lia: Übung macht die Meisterin. Richtlinien für einen nichtsexistischen Sprachgebrauch. Zürich 1991