Szenen des Grauens: Diese auf Zeugenaussagen basierende Zeichnung zeigt eine Foltersituation in Nigeria. © Chijioke Ugwu Clement
Szenen des Grauens: Diese auf Zeugenaussagen basierende Zeichnung zeigt eine Foltersituation in Nigeria. © Chijioke Ugwu Clement

Nigeria Selbst Kinder und Frauen systematisch gefoltert

Amnesty International dokumentiert erschütternde Berichte über Folter in Nigeria. Selbst zwölfjährige Kinder und Frauen gehören zu den Opfern. Unter dem Deckmantel des Kampfes gegen die Terrorgruppe Boko Haram foltern Militärs und Polizeibeamte willkürlich Menschen. Die nigerianische Regierung muss endlich handeln und Folter zum Straftatbestand machen sowie die Täter bestrafen.

Folter gehört für nigerianische Polizisten und Soldaten zur Routine. Zu diesem Schluss kommt Amnesty International in dem in Abuja veröffentlichten Bericht «Welcome to hell fire». Gefoltert wird als Bestrafung, um Geld oder Geständnisse zu erpressen und so Fälle schneller zu «lösen». Obwohl durch internationale Verträge verboten, ist Folter in Nigeria kein Straftatbestand und die Täter werden in der Regel nicht zur Verantwortung gezogen.

«Frauen, Männer und sogar Kinder, die teilweise erst zwölf Jahre alt sind, werden von  Sicherheitsbeamten gefoltert. Dabei sollten Polizisten und Soldaten die Menschen eigentlich schützen. Amnesty wird oft mit Schilderungen von Folter konfrontiert. Aber das Ausmass und die Form der Misshandlungen, die wir in diesem Bericht zusammengetragen haben, sind auch für uns schockierend», sagt Patrick Walder, Kampagnenverantwortlicher bei Amnesty International Schweiz.

Folter ist in Nigeria laut Verfassung verboten, trotzdem existieren auf einigen Polizeiwachen sogenannte Folterkammern. Auch Soldaten misshandeln regelmässig Gefangene. In Nigeria gibt es bislang kein Gesetz, wonach ein solches Vergehen bestraft wird. Folter wird auch dadurch erleichtert, dass viele Gefangene ohne Kontakt zur Aussenwelt inhaftiert werden und ihnen jeder Kontakt zu Anwälten, Gerichten oder ihrer Familie verweigert wird.

Foltermethoden

Das Ziehen von Nägeln und Zähnen, Würgen, Elektroschocks und sexuelle Gewalt sind fester  Bestandteil der Folterpraktiken nigerianischer Polizisten. Viele Polizeiwachen haben inoffizielle «Folterbeauftragte».

«Soldaten verhaften willkürlich Hunderte Menschen auf der Suche nach mutmasslichen Unterstützern oder Mitgliedern der Terrorgruppe Boko Haram. Die Verdächtigen werden dann einem <Screening> unterzogen, das einem Hexenprozess aus dem Mittelalter gleicht», so Patrick Walder.

In den meisten Fällen, die Amnesty International dokumentiert hat, ermittelten die Behörden nicht ernsthaft gegen mutmassliche Folterer und unternehmen nichts, um sie vor Gericht zu bringen. In den Hunderten von Amnesty International untersuchten Fällen wurde kein einziges Folteropfer entschädigt.

Amnesty-Forderungen

«Nigeria muss Folter endlich zum Straftatbestand machen, den Gefangenen Zugang zu Anwälten und ihren Angehörigen erlauben, sowie alle Misshandlungsvorwürfe gründlich untersuchen. Die Regierung weiss um die Folterpraktiken, doch sie räumt dem Kampf gegen Folter keine Priorität ein», so Walder. «In den vergangenen zehn Jahren wurden zahlreiche Arbeitsgruppen beauftragt, das Justizwesen zu reformieren, um Folter zu stoppen.  Doch die dort erarbeiteten Reformen werden entweder gar nicht oder nur sehr zögerlich umgesetzt.»

Fallbeispiele aus dem Bericht

Abosede, 24 Jahre alt, schilderte Amnesty International brutale Misshandlungen durch die Polizei. Sie leidet seitdem unter dauerhaften gesundheitlichen Schäden: «Eine Polizistin führte mich in ein kleines Zimmer und befahl mir, mich nackt auszuziehen. Sie spreizte meine Beine und feuerte Tränengas in meine Vagina. (…) Ich sollte einen bewaffneten Raubüberfall gestehen. (…) Ich habe geblutet und leide auch heute noch unter Schmerzen in meinem Unterleib.»

Mahmood, ein 15-jähriger Junge aus dem Bundesstaat Yobe, wurde mit 50 weiteren Verdächtigen verhaftet, grösstenteils Jungen zwischen 13 und 19 Jahren. Er berichtete Amnesty International, dass er vom Militär für drei Wochen festgehalten wurde. In dieser Zeit wurde er immer wieder mit Gewehrkolben, Schlagstöcken und Macheten geschlagen. Geschmolzenes Plastik wurde über seinen Rücken geschüttet, er musste über Scherben laufen und sich in ihnen wälzen und wurde gezwungen, aussergerichtliche Hinrichtungen von Mitgefangen anzusehen.

Ein zwölfjähriger Junge wurde in Yobe durch das Militär verhaftet. Die Soldaten schlugen und traten ihn, übergossen ihn mit Alkohol und befahlen ihm, sein Erbrochenes mit blossen Händen aufzuwischen.

Über den Bericht

Für diesen Bericht sind VertreterInnen von Amnesty International in den vergangenen zehn Jahren insgesamt 20 Mal nach Nigeria gereist, haben zahlreiche Gefängnisse besucht und über 500 Interviews geführt.

Medienmitteilung veröffentlicht: Bern / Abuja, 18. September 2014
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