Schülerinnen in Nigeria. © bmszealand / shutterstock
Schülerinnen in Nigeria. © bmszealand / shutterstock

Nigeria Militär zerstört Dörfer als Reaktion auf vermehrte Angriffe von Boko Haram

14. Februar 2020
Als Antwort auf vermehrte Angriffe der bewaffneten Gruppe Boko Haram brannte das nigerianische Militär ganze Dörfer nieder und vertrieb deren Einwohnerinnen und Einwohner. Das zeigen aktuelle Recherchen von Amnesty International vor Ort.

«Die grausame Zerstörung ganzer Dörfer sollte als potenzielles Kriegsverbrechen geahndet werden. Ohne zwingenden militärischen Grund wurden absichtlich Häuser zerstört und die Bewohnerinnen und Bewohner vertrieben», sagt Osai Ojigho, Direktor von Amnesty International Nigeria.

Seit Beginn des jahrzehntelangen bewaffneten Konflikts im Nordosten des Landes hat Amnesty International immer wieder derartige Vergehen und schwere Menschenrechtsverletzungen seitens des Militärs dokumentiert.

«Die nigerianische Regierung darf diese Vergehen nicht unter den Teppich kehren. Sie müssen untersucht und mutmassliche Verbrecher müssen zur Rechenschaft gezogen werden. Die Regierung muss sicherstellen, dass es keine weiteren Angriffe des Militärs auf die Zivilbevölkerung gibt», sagt Osai Ojigho.

 «Die Regierung muss sicherstellen, dass es keine weiteren Angriffe des Militärs auf die Zivilbevölkerung gibt.» Osai Ojigho, Direktor von Amnesty International Nigeria

Neben der Zerstörung der Dörfer nahmen Militärstreitkräfte willkürlich sechs vertriebene Männer fest. Die Männer wurden nahezu einen Monat lang in Isolationshaft gefangen gehalten und misshandelt, bevor sie am 30. Januar 2020 wieder freigelassen wurden.

Gesetzeswidrige Taktiken

Seit Dezember 2019 führte Boko Haram verstärkt Angriffe im Nordosten Nigerias aus; besonders entlang der wichtigen Strasse zwischen Maiduguri und Damaturu, den Hauptstädten der Bundesstaaten Borno und Yobe. Recherchen von Amnesty International in Borno bestätigten, dass das nigerianische Militär als Reaktion auf die Angriffe zu ungesetzlichen Massnahmen greift, die schreckliche Folgen für die Zivilbevölkerung haben und Kriegsverbrechen gleichkommen.

Amnesty International sprach mit 12 Frauen und Männern, die am 3. und 4. Januar 2020 aus ihren Häuser in drei verschiedenen Dörfern nahe der Strasse zwischen Maiduguri und Damaturu (zwischen Jakana und Mainok im Staat Borno) fliehen mussten. Die Organisation analysierte auch Daten der Satellitenfernerkundung und konnten so drei Brände lokalisieren, die am und um den 3. Januar aktiv waren. Satellitenbilder von Bukarti, Ngariri und Matiri zeigten, dass nahezu alle Gebäude der Dörfer zerstört worden waren. Bilddaten zeigten auch, dass auch Nachbardörfer von den Bränden in Mitleidenschaft gezogen worden waren.

«Sie sagen, sie hätten uns vor Boko Haram gerettet, aber das ist eine Lüge»

Medien gaben Aussagen des nigerianischen Militärs wieder und bestätigten, dass Soldaten der Brigaden 5 und 29 gemeinsam mit dem Spezialeinheiten-Bataillon 2 die Einsätze zwischen Jakana und Mainok am 3. Januar ausführten. Die Militärstreitkräfte gaben an, sie hätten sechs «Verdächtige» festgenommen und «461 Gefangene von Boko Haram» aus einigen Dörfern, einschliesslich Bukarti und Matiri «befreit».

ZeugInnen, die von Amnesty International befragte wurden, gaben an, Boko Haram sei nicht in ihren Dörfern gewesen. Sie sagten, dass sie sich deutlich sicherer in ihren Dörfern gefühlt hätten als in dem Lager für Binnenvertrieben, wohin sie das Militär gebracht hatte. «Sie sagen, sie hätten uns vor Boko Haram gerettet, aber das ist eine Lüge», sagte ein etwa 65-jähriger Mann. «Boko Haram kommt nicht in unser Dorf.»

«Wir halten in unserem Dorf Tiere und lagern Erntevorräte. Wenn uns Boko Haram bereits einen Besuch abgestattet hätte, denkt ihr nicht, sie hätten das alles mitgenommen?», sagte eine ältere Dame aus Bukarti. «Die Jungs [von Boko Haram] haben kein Interesse an uns.»

Einige Bewohnerinnen und Bewohner der Dörfer Bukarti und Ngariri sagten, ihr Dorf liege so nahe an der Hauptstrasse, dass es für Boko Haram undenkbar sei, sich hier niederzulassen. Sie sagten, dass nigerianische Soldaten häufig in die Gegend ihrer Dörfer kamen und oft mit den EntscheidungsträgerInnen im Dorf sprechen würden.

Vier ZeugInnen gaben Amnesty International gegenüber an, dass nigerianische Soldaten gestellte Fotos der DorfbewohnerInnen verbreitet hätten. Diese zeigten, wie diese auf Militärlastwägen zugingen und sollten den Anschein erwecken, das Militär habe sie «gerettet».

Vermehrte Angriffe von Boko Haram

Die Militäroperationen finden speziell in den Gebieten entlang der Strasse zwischen Maiduguri und Damaturu statt. Dort hat es auch eine Zunahme der Angriffe von Boko-Haram gegeben: Bei ihrem tödlichsten Angriff seit Jahresbeginn soll die bewaffnete Gruppe am 10. Februar in der Nähe des Dorfes Auno 30 Autofahrer getötet haben. Es war der sechste Angriff der bewaffneten Gruppe auf Auno innerhalb von zehn Monaten. Er zeigt das menschenverachtende Vorgehen von Boko Haram sowie die zunehmende Gefahr für die Zivilbevölkerung entlang dieser lebenswichtigen Route, die den Bundesstaat Borno mit dem Rest Nigerias verbindet.