Nachruf Nelson Mandela, 1918 – 2013

05. Dezember 2013.
Nelson Mandela ist tot. Die Welt hat eine visionäre Führungsfigur im Kampf um Gerechtigkeit und Menschenrechte verloren. Doch sein Erbe bleibt.

nm650.jpg Nelson Mandela - Ambassador of Conscience Award 2006 © Mark Morrison

Nelson Mandela, der sein Leben dem politischen Kampf widmete und dabei sich selbst opferte, wird für Millionen von Menschen noch lange ein Vorbild sein. Mit seinem leidenschaftlichen Engagement für Menschenwürde, gleiche Rechte und Zugang zum Rechtssystem für alle hat er nicht nur Südafrika verändert, sondern die ganze Welt.

In Erinnerung bleibt Nelson Mandelas unerschütterliche Entschlossenheit, die Rassendiskriminierung während der Apartheid auszurotten. In Erinnerung bleibt aber auch sein mutiges und entschlossenes Engagement für Millionen von HIV/Aids-Infizierten im südlichen Afrika und weltweit. Dass er darauf beharrte, deren Rechte als Menschenrechte wahrzunehmen, trug dazu bei, dass das Thema auf der weltweiten Traktandenliste blieb.

«Wenn Mandela zu einem sprach, hatte man das Gefühl, man selbst sei die wichtigste Person und nicht er.»
Louis Blom-Cooper, Mitbegründer von Amnesty International.

«Dieser aussergewöhnliche Mann beeindruckte alle», erinnert sich Louis Blom-Cooper, Mitbegründer von Amnesty International in den frühen sechziger Jahren und Prozessbeobachter während des langjährigen Gerichtsverfahrens gegen Nelson Mandela und andere führende Apartheid-Gegner, das im März 1961 mit einem Freispruch endete. «Wer ihn sah und ihn sprechen hörte, spürte, dass er einen ganz besonderen Menschen vor sich hatte. Sein Gesicht war sehr ausdrucksstark, und wenn er zu einem sprach, hatte man das Gefühl, man selbst sei die wichtigste Person und nicht er.»

Nelson Mandela und Amnesty International

Im November 2006 verlieh Amnesty International Nelson Mandela für sein langjähriges Engagement zugunsten der Menschenrechte den Preis des «Gewissensbotschafters». Bei der Entgegennahme des Preises anerkannte Mandela seinerseits grossmütig den Beitrag von Amnesty International im Kampf um die Menschenrechte: «Wie Amnesty International habe auch ich jahrelang für Gerechtigkeit und Menschenrechte gekämpft», sagte er. «Jetzt habe ich mich aus dem öffentlichen Leben zurückgezogen. Doch solange Unrecht und Ungleichheit auf unserer Welt weiter bestehen, wird sich niemand von uns wirklich ausruhen können. Wir müssen noch stärker werden.»

Die gegenseitige  Anerkennung war keine Selbstverständlichkeit: In ihren Anfangszeiten hatte Amnesty International 1964  den umstrittenen Entscheid gefällt, Nelson Mandela nicht als «Gewissensgefangenen» zu adoptieren. Mandela war damals zu lebenslanger Haft verurteilt worden im Zusammenhang mit der Entscheidung des ANC, zum bewaffneten Kampf gegen das Apartheid-Regime überzugehen. Amnesty betrachtete ihn deshalb nicht als jemanden, der allein aufgrund des friedlichen Ausdrucks seiner Überzeugungen inhaftiert war. Amnesty-Aktivistinnen und -Aktivisten konnten sich somit nicht wieder für seine bedingungslose Freilassung einsetzen, wie sie dies zuvor getan hatten, als er wegen illegalen Verlassens des Landes und «Anstiftung» zum Streik zu fünf Jahren Haft verurteilt worden war.

Dem Entscheid war eine heftige interne Debatte vorangegangen. Der damalige Generalsekretär versicherte jene, die gegenüber einem auf friedliche Weise nicht zu beeindruckenden Unrechtregime nur noch den Weg über die Gewalt sahen, der Sympathie von  Amnesty International: «Wir können sie zwar nicht als Gewissensgefangene im Sinne unserer Definition anerkennen, aber wir können uns auf humanitärer Basis aktiv für sie engagieren, und tun das auch.»

Seither haben sich sowohl die Menschenrechte wie auch Amnesty International weiter entwickelt. Heute fordert Amnesty regelmässig die Freilassung von Gefangenen, die unter Verletzung des Legalitätsprinzips inhaftiert werden und im Kontext politischer Repression unfaire Gerichtsverfahren erleiden.

Mandela war ein politischer Gefangener auch aufgrund seiner Überzeugungen. In jedem Fall aber war es seine unbeirrbare moralische Integrität, die ihm seinen weltweiten Ruhm einbrachte. Jetzt gilt es, sein Erbe weiter zu führen.