Die Lebensbedingungen der Arbeiterinnen und Arbeiter in Nkaneng, Marikana, sind nach wie vor hart. © Clare Fermont /Amnesty International
Die Lebensbedingungen der Arbeiterinnen und Arbeiter in Nkaneng, Marikana, sind nach wie vor hart. © Clare Fermont /Amnesty International

Das Versagen von Lonmin Erbärmliche Unterkunftsbedingungen rund um die südafrikanische Platinmine Marikana

Medienmitteilung 15. August 2016, Johannesburg/Bern – Medienkontakt
Die Arbeiter in der südafrikanischen Platinmine Marikana leben weiterhin im Elend. Auch vier Jahre nach der blutigen Niederschlagung der Arbeiterproteste durch die Polizei hat es die britische Minengesellschaft Lonmin verpasst, für angebrachte Wohnungen und Häuser zu sorgen.

Das zeigt der neue Bericht von Amnesty International: «Smoke and mirror: Lonmin’s failure to address housing conditions at Marikana» 66 S. pdf, englisch  (Rauch und Spiegel. Die Unterkunftsbedingungen in Marikana und das Versagen von Lonmin).

Der britische Platin-Gigant Lonmin Plc hat immer noch keine adäquaten Wohnungen für seine Arbeiter in Marikana bereitgestellt. Der neue Bericht von Amnesty International deckt auf, dass sich für die rund 20‘000 Minenarbeiter in Marikana wenig verbessert hat. Viele von ihnen leben immer noch unter elenden Bedingungen, obwohl sich das Unternehmen rechtlich dazu verpflichtet hatte, mehr Häuser zu bauen.

Die blutige Niederschlagung der Arbeiterproteste und Streiks, die 2012 zum Tod von 34 Arbeitern führten, haben Lonmin offenbar nicht zum Umdenken bewogen. «Die katastrophalen Ereignisse vom August 2012 hätten für Lonmin ein Weckruf sein sollen, endlich die erbärmlichen Lebensbedingungen zu verbessern», sagt Deprose Muchena, Direktor von Amnesty International für das südliche Afrika. «Das Versagen des Unternehmens ist unverständlich und extrem unverantwortlich. Lonmin ist sich bewusst, dass die grässlichen Wohnbedingungen zu den Protesten vor vier Jahren beigetragen haben, die schliesslich zum Tod von Dutzenden von Minenarbeitern führten.»

Tausende leben in Barracken

2012 lebten Tausende von Lonmin-Angestellten unter erbärmlichen Umständen in improvisierten Siedlungen rund um die Platin-Mine. Lonmin war die Situation sehr wohl bewusst. Das Unternehmen hatte sich 2006 mit einem Arbeits- und Sozialplan (SLP) dazu verpflichtet, 5‘500 Häuser für seine Arbeiter zu bauen. Baracken-artige Herbergen sollten zudem bis 2011 zu anständigen Wohnungen für Alleinstehende und Familien umgebaut werden. Doch bis 2011 hatte das Unternehmen erst drei Vorzeigehäuser errichtet und 60 von 114 Herbergen umgebaut.

Und noch heute hat sich wenig verbessert. Nkaneng, einer der Tausenden von Arbeitern, die in den Siedlungen rund um die Mine lebt, sagte zu Amnesty: «Uns geht oft das Wasser aus, wir haben häufig keinen Strom. Normal ist das nicht und das kann Tage so dauern. Auch die Toiletten, die wir hinter den Hütten benutzen, sind schrecklich. Es ist alles voller Fliegen.»

Amnesty hat die Verantwortlichen von Lonmin 2016 in Interviews und auch schriftlich dazu aufgefordert, zu erklären, wie sie ihr Versagen beim Bereitstellen anständiger Wohnungen erklären und was sie zur Verbesserung der Situation zu tun gedenken.

Widersprüchliche und falsche Aussagen

Das Unternehmen gab zu, dass 13‘500 Arbeiter immer noch keine formelle Unterkunft erhalten haben. Lonmin brachte gleichzeitig eine Reihe oft widersprüchlicher und in einigen Fällen auch falscher Entschuldigungen für das Versagen vor. Irreführende Aussagen wurden auch gegenüber den Aktionären in den Nachhaltigkeitsberichten des Unternehmens gemacht.

Die Verantwortlichen von Lonmin erklärten gegenüber Amnesty International, dass die Firma nicht die Absicht habe, die versprochenen 5‘500 Häuser zu bauen. Dies obwohl sich die Firma 2006 formell dazu verpflichtet hatte. «Lonmin spielt ein gefährliches Spiel und macht Versprechen, ohne die Absicht diese auch einzuhalten», sagt Deprose Muchena. Lonmin arbeitet derzeit unter einem neuen SLP für 2014-2018. Obwohl auch hier zwei Initiativen zur Verbesserung der Wohnsituation aufgeführt sind, hat die Firma bis Mitte 2016 kaum Fortschritte erzielt. Die finanzielle Beteiligung an den Vorhaben müsse aufgrund der Wirtschaftslage neu ausgehandelt werden, erklärt die Firma.

Hintergrund

Lonmin wurde 1909 in Grossbritannien gegründet. Die Haupttätigkeit des Unternehmens konzentriert sich auf die südafrikanische Nordwest-Provinz. Marikana macht 95 % der Produktion von Lonmin aus. Am 16. August 2012 erschoss die Polizei 34 Männer in Marikana. Mehr als 70 weitere wurden schwer verletzt. Es handelte sich um streikende Angestellte der Firma, die gegen die tiefen Löhne und gegen die Bedingungen in der Mine protestiert hatten. Zehn weitere Personen waren bereits im Vorfeld gestorben.

Zum Zeitpunkt der blutigen Arbeiterproteste hielt Xstrata 23,9 Prozent der Aktien von Lonmin. Die Anteile wurden 2015 in Folge der Fusion von Glencore mit Xstrata veräussert. Gemäss den Uno-Leitprinzipien für Wirtschaft und Menschenrechte, die 2011 einstimmig verabschiedet wurden, müssen alle Unternehmen eine sogenannte Sorgfaltsprüfungpflicht (human rights due diligence) vornehmen, um Verletzungen der Menschenrechte vorzubeugen. Auch Unternehmen, die Anteile an anderen Gesellschaften haben – wie im Fall von Xstrata und Lonmin – sind grundsätzlich daran gebunden.

Um diese Vorgaben auch wirklich durchsetzen zu können, hat eine grosse Koalition von rund 65 Schweizer Organisationen die Konzernverantwortungsinitiative lanciert: In der Schweizer Verfassung soll eine Sorgfaltspflicht verankert werden, damit Schweizer Konzerne gesetzlich verpflichtet sind, Menschenrechte und Umwelt überall auf der Welt zu respektieren.

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