Brasilien Gespräch mit Atila Roque, Direktor Amnesty Brasilien

25. Juni 2013
Anlässlich seines kurzen Besuchs in der Schweiz konnten wir mit Atila Roque, dem Direktor des neuen Amnesty-Büros in Brasilien, über seine Einschätzung der aktuellen Demonstrationen in Brasilien und seine Sicht auf den Zustand der brasilianischen Zivilgesellschaft sprechen.

130625_Atila_Roque.jpg Atila Roque Direktor von AI-Brasilien. © AI

Wie hat Amnesty Brasilien auf die Demonstrationen in Rio, Sao Paolo und anderen Grossstädten reagiert?
Amnesty war die erste Organisation, welche der Protestbewegung ihre Unterstützung ausgesprochen hat, vor allem unter Berufung auf das Recht auf Versammlungsfreiheit. Vom zweiten Tag an haben wir vor einer exzessiven Gewaltanwendung seitens der Polizei gewarnt. Wir haben auch Verhaltensregeln für die Polizei aufgestellt, die von den Medien breit aufgegriffen wurden.

Inzwischen haben sich die Demonstrationen ja auf das ganze Land ausgeweitet. Wie haltet Ihr Euch über das Geschehen auf dem Laufenden?
Tatsächlich entwickelt sich die Situation sehr rasch, und es wird an den verschiedensten Orten demonstriert. Wir sind aber nur gerade elf Angestellte für ganz Brasilien! Deshalb müssen wir auf unsere Mitglieder zählen, die uns über die sozialen Netzwerke informieren, bauen aber auch auf die Informationen anderer zivilgesellschaftlicher Organisationen. Angesichts der Grösse unseres Landes sind wir darauf angewiesen, dass alle ihre Informationen miteinander teilen.

Amnesty Brasilien steht also mit anderen Menschenrechtsorganisationen in engem Kontakt?
Ja, und zwar von Anfang an. Unser Büro wurde ja erst 2012 eröffnet, viele Organisationen waren aber schon lange vor uns aktiv. Das können wir nicht einfach ignorieren: Wir müssen und wollen mit ihnen zusammen arbeiten. Dabei kommen uns ihre profunden Kenntnisse der lokalen Gegebenheiten zugute, während sie vom ausgezeichneten Ruf profitieren können, den Amnesty bei der brasilianischen Bevölkerung geniesst. Unsere Räumlichkeiten sind inzwischen zu einer wichtigen Stätte der Begegnung und zur Austauschplattform für NGOs, Aktivistinnen und Aktivisten geworden. Wir sind eher ein grosses offenes Haus als ein klassisches Büro! Eigentlich war uns ja empfohlen worden, ein gut gesichertes Gebäude in einem der reichen Stadtteile zu beziehen, aber das wollte ich nicht. Eine Organisation wie Amnesty, die so stark auf ihre Mitglieder zählt, muss alle Bevölkerungsschichten ansprechen können.

Habt ihr in so kurzer Zeit bereits eine aktive Mitgliedschaft aufbauen können?
Ja, weil die brasilianische Bevölkerung gut informiert und vor allem sehr interessiert ist. Dank der breiten Bekanntheit und dem guten Ruf von Amnesty wurden wir mit offenen Armen empfangen, und die Zahl unserer Mitglieder steigt kontinuierlich. Schwieriger ist es, Mitglieder im ganzen Land zu mobilisieren und nicht nur in Rio de Janeiro, wo wir unseren Sitz haben. Deshalb versuchen wir so oft wie möglich auch in andere Landesteile zu reisen, um uns mit Aktiven und mit befreundeten NGOs zu treffen.

Welches sind eure Arbeitsschwerpunkte?
Zurzeit führen wir eine breite Untersuchung über das brasilianische Justiz- und Strafsystem durch. Wir recherchieren zur Gesetzgebung, zu den Haftbedingungen, zum Vorgehen der Polizei. Dieses Projekt wird noch bis 2014 dauern, dann wollen wir die Resultate der Regierung vorlegen. Wir interessieren uns auch stark für Fragen rund um Demokratie und Entwicklung. Angesichts des explodierenden Wirtschaftswachstums in Brasilien müssen wir dringend darüber nachdenken, welches Entwicklungsmodell wir fördern wollen. Amnesty setzt sich für ein wohlüberlegtes Wachstum ein, das die Menschenrechte respektiert und vor allem auch die Rechte der Indigenen, welche oft Opfer von Landübernahmen oder Vertreibungen werden. Und schliesslich halten wir aufgrund der wachsenden Sichtbarkeit Brasiliens auf dem internationalen Parkett unsere Politikerinnen und Politiker dazu an, sich in der Aussenpolitik konsequent für die Menschenrechte einzusetzen.