Ein Bereitschaftspolizist feuert Tränengas auf Demonstranten während einer Demonstration gegen die Regierung in Medellin, Kolumbien, am 28. Mai 2021 ©  AFP via Getty Images
Ein Bereitschaftspolizist feuert Tränengas auf Demonstranten während einer Demonstration gegen die Regierung in Medellin, Kolumbien, am 28. Mai 2021 © AFP via Getty Images

Kolumbien Schwere Augenschäden bei mehr als 100 Menschen nach Polizeieinsatz

26. November 2021
Gewalt und Repression durch die kolumbianischen Sicherheitskräfte, insbesondere durch die Bereitschaftspolizei (ESMAD), haben dazu geführt, dass Hunderte von Opfern schwere Augenverletzungen erlitten, so Amnesty International, Temblores und das Programa de Acción por la Igualdad y la Inclusión Social (PAIIS) der Universidad de los Andes in einem Bericht.

Der Bericht «Colombia: Shoot on Sight: Eye Trauma in the Context of the National Strike» (Kolumbien:  Auf Sicht schiessen: Augenverletzungen im Rahmen des Nationalen Streiks) dokumentiert 12 Fälle von Polizeigewalt, die zu einem irreversiblen Augentrauma führten. Vier der Fälle ereigneten sich in den Vorjahren und acht im Zusammenhang mit dem landesweiten Streik 2021 in den Städten Bogotá, Popayán, Florencia, Medellín und Manizales.

«Es ist erschütternd zu sehen, wie Beamte Bereitschaftspolizei absichtlich auf die Augen so vieler Menschen schossen, nur weil sie es wagten, ihr legitimes Recht auf friedlichen Protest auszuüben.» Erika Guevara-Rosas, Direktorin für Amerika bei Amnesty International

Die Digitale Verifikationseinheit von Amnesty International analysierte mehr als 300 Elemente audiovisuelles Material über die unverhältnismässigen und repressiven Massnahmen der ESMAD zwischen dem 28. April und dem 20. Oktober. Die Analyse ergab, dass die Beamten massive Menschenrechtsverletzungen gegen Demonstranten verübten, indem sie ihnen durch den unverhältnismässigen Einsatz potenziell tödlicher Waffen Augenverletzungen zufügten.

«Es ist erschütternd zu sehen, wie Beamte der Bereitschaftspolizei absichtlich auf die Augen so vieler Menschen schossen, nur weil sie es wagten, ihr legitimes Recht auf friedlichen Protest auszuüben. Die kolumbianischen Behörden müssen den Opfern Gerechtigkeit, umfassende Versorgung und Wiedergutmachung garantieren und die notwendigen Massnahmen ergreifen, um eine Wiederholung dieser schweren Menschenrechtsverletzungen zu verhindern», sagte Erika Guevara-Rosas, Direktorin für Amerika bei Amnesty International.

Der Bericht hebt die Geschichten von Opfern, denen schwere Augenverletzungen zugefügt wurden hervor und beschreibt die zahlreichen Hindernisse, die sie überwinden mussten, um eine angemessene medizinische und psychosoziale Versorgung zu erhalten. Mehrere der Opfer sahen sich grösseren Hürden gegenüber, wenn es darum ging, eine menschenwürdige Arbeit zu finden oder ihre Ausbildung unter gleichen Bedingungen fortzusetzen.

Gezielte Angriffe und unverhältnissmässige Gewalt

«Polizeigewalt darf nicht länger zu unserem Alltag gehören. Wir dürfen uns nicht daran gewöhnen, dass der Staat wahllos die Rechte der Bürgerinnen und Bürger verletzt.»Alejandro Rodríguez, Koordinator von Grita (Beobachtungsstelle für Polizeigewalt, Temblores)

In ihren Berichten wird detailliert beschrieben, dass ihre Verletzungen nicht zufällig entstanden, sondern dass es sich um gezielte Angriffe handelte, mit denen sie für die legitime Ausübung ihres Rechts auf sozialen Protest bestraft werden sollten. Die Berichte zeigen einmal mehr Muster im Vorgehen der ESMAD-Einheiten, und bestätigen damit die regelmässigen Beschwerden über den systematischen Charakter der übermässigen und unverhältnismässigen Gewaltanwendung.

«Polizeigewalt darf nicht länger zu unserem Alltag gehören. Wir dürfen uns nicht daran gewöhnen, dass der Staat wahllos die Rechte der Bürgerinnen und Bürger verletzt, ganz zu schweigen von denjenigen, die ihr Recht auf Protest wahrnehmen. Die Fälle von Polizeigewalt und insbesondere die Augenverletzungen während des Streiks 2021, die wir auf unserer Plattform registriert haben, zeigen, dass das Vorgehen der Polizei nicht den internationalen Menschenrechtsstandards entspricht und dass eine Polizeireform notwendig ist, um die Sicherheit und das Leben der Menschen zu gewährleisten», sagte Alejandro Rodríguez, Koordinator von Grita, der Beobachtungsstelle für Polizeigewalt von Temblores.

Verlust eines Auges nach Teilnahme an Protest

Einer der emblematischsten Fälle in dem Bericht ist der von Leidy Cadena, einer Studentin der Politikwissenschaften, die am 28. April mit ihrem Freund und einigen Freunden im Zentrum von Bogotá friedlich demonstrierte, als ESMAD-Beamte sich ihnen auf aggressive Weise näherten. «Ich rief nur 'Lasst uns gehen', und sofort danach fühlte sich mein Gesicht sehr heiss an. Ich konnte mit beiden Augen nicht mehr sehen, ich war sehr verzweifelt», sagte Leidy. 

Amnesty International überprüfte ein Video, das nach dem Vorfall aufgenommen wurde und auf dem fünf ESMAD-Mitglieder mit Schilden zu sehen sind, zwei von ihnen tragen Einsatzkleidung in den Händen, darunter auch Waffen zum Abschiessen kinetischer Aufprallgeschosse. Im Video ist zu sehen, wie Leidy ihr blutendes Auge bedeckt und offensichtlich unter Schmerzen leidet. Ihre Begleiter bitten um Hilfe, aber die ESMAD-Beamten helfen ihr nicht.

Leidy verlor bei dem Angriff ein Auge. Sie glaubt, dass es sich um einen Akt geschlechtsspezifischer Gewalt handelte, da ihre Begleiter unverletzt blieben und sie seit Beginn der Demonstrationen mehrere Angriffe auf Frauen beobachtet hatte. Nachdem sie den Vorfall bei der Generalstaatsanwaltschaft gemeldet hatte, bestätigte Leidy, dass sie mindestens zehnmal zu dem Vorfall befragt wurde und dadurch erneut zum Opfer wurde. Sie erhielt zudem Drohungen in den sozialen Medien, und wurde am 16. Oktober Opfer eines Angriffs, als Schiesspulver unter ihre Tür geschoben wurde. Aufgrund dieser Drohungen waren Leidy, ihre Mutter und ihr Partner gezwungen Kolumbien zu verlassen.

Auf Grundlage der in dem Bericht dargelegten Beweise und Aussagen fordern Amnesty International, Temblores und PAIIS die kolumbianischen Behörden auf, den Empfehlungen der Interamerikanischen Menschenrechtskommission im Anschluss an ihren Arbeitsbesuch im Juni 2021 unverzüglich nachzukommen und insbesondere sicherzustellen, dass der Einsatz nicht-tödlicher Waffen zur Kontrolle der öffentlichen Ordnung strengen, öffentlich zugänglichen Protokollen unterliegt. Um die übermässige Anwendung von Gewalt bei Protesten zu verhindern, müssen die kolumbianischen Behörden eine strukturelle Reform der nationalen Polizei, insbesondere der ESMAD, durchführen, die einen zivilen Ansatz bei ihren Einsätzen sowie unabhängige und wirksame Überwachungssysteme und Untersuchungsprotokolle zur Untersuchung von polizeilichen Übergriffen gewährleistet. Ebenso müssen sie Wege für die Unterstützung von Opfern von Augenverletzungen und geschlechtsspezifischer Gewalt schaffen, die Prävention, Behandlung, Rehabilitation und psychosoziale Betreuung umfassen.

Augenverletzungen scheinen für die Opfer eine Strafe dafür zu sein, dass sie ihr legitimes Recht auf Protest wahrgenommen haben, die ihnen in ihr Gesicht und ihr Leben eingeprägt wird»
Juliana Bustamante, Direktorin von PAIIS.

Schwere Verletzungen als Strafe Für Demonstrierende

«Wir hatten das Privileg, mehrere Opfer von Augenverletzungen zu unterstützen, die vor der Interamerikanischen Menschenrechtskommission Zeugnis über ihre Fälle ablegten, und wir bieten einigen von ihnen weiterhin rechtlichen Beistand. Wir verstehen ihren Kampf und ihre Frustration und unterstützen ihre Forderungen nach Gerechtigkeit. Wir sind davon überzeugt, dass es notwendig ist, weiterhin auf die Art und Weise aufmerksam zu machen, in der die Sicherheitskräfte die Rechte der Bürger nicht nur nicht garantieren, sondern sie bewusst verletzen. Augenverletzungen scheinen für die Opfer eine Strafe dafür zu sein, dass sie ihr legitimes Recht auf Protest wahrgenommen haben, die ihnen in ihr Gesicht und ihr Leben eingeprägt wird», sagte Juliana Bustamante, Direktorin von PAIIS.

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