Die Kosten für medizinische Hilfe sind enorm und staatliche Hilfe für Opfer von Schusswaffengewalt gibt es kaum. © Roman Tiraspolsky / Shutterstock.com
Die Kosten für medizinische Hilfe sind enorm und staatliche Hilfe für Opfer von Schusswaffengewalt gibt es kaum. © Roman Tiraspolsky / Shutterstock.com

Waffengewalt in den USA Staatliche Unterstützung für Überlebende notwendig

Medienmitteilung 11. Juli 2019, London/Bern – Medienkontakt
Die ausufernde Waffengewalt fordert in den USA jährlich Tausende von Toten und Verletzten. Gleichzeitig ignoriert die Regierung die Bedürfnisse von Überlebenden und macht ihnen das Leben durch bürokratische Hürden schwer.

Der Amnesty-Bericht «Scars of Survival: Gun Violence and Barriers to Reparation in the USA» zeigt auf, mit welchen Problemen die Menschen konfrontiert sind, die einen Schusswechsel oder einen Amoklauf überlebt haben: Die Kosten für medizinische Hilfe sind enorm, staatliche Hilfe ist fast nicht zu bekommen. Amnesty International fordert die US-Regierung dazu auf, sicherzustellen, dass die Betroffenen umfassend entschädigt und unterstützt werden.

«Die meisten der von uns befragten Betroffenen haben gesagt, dass die Schussverletzungen erst der Beginn ihres Alptraums waren», sagt Sanhita Ambast, Amnesty-Expertin für wirtschaftliche, soziale und kulturelle Rechte. Für Überlebende sind die Kosten für die Behandlung ihrer chronischen Schmerzen oft unerschwinglich. Viele können kaum mehr ihren Lebensunterhalt finanzieren.

Von der Regierung im Stich gelassen

Recherchen von Amnesty International zeigen, dass die US-Regierung Überlebende nicht ausreichend unterstützt oder Schadensersatz gewährt. Oft erhalten die Betroffenen keine angemessene ärztliche Behandlung oder Rehabilitation.

Amnesty International hat bereits im vergangenen Jahr aufgezeigt, dass die US-Regierung ihre menschenrechtlichen Verpflichtungen gegenüber der eigenen Bevölkerung missachtet, indem sie den Kauf, den Besitz und den Einsatz von Schusswaffen durch Privatpersonen nicht angemessen reguliert.

Während es in den meisten Ländern Regulierungs- und Kontrollsysteme für den Besitz von Schusswaffen gibt, fehlen diese in den USA auf Bundesebene fast vollständig. So existiert weiterhin kein landesweites Waffenregister. Kein anderes Land der Welt hat so viele Besitzer von Pistolen und Gewehren wie die USA.

Megan Hobson war 16 Jahre alt, als sie 2012 in einem Schusswechsel schwer verletzt wurde. Sie überlebte dank eines Notarzt-Einsatzes, aber sie hat weiterhin Schwierigkeiten beim Gehen, Beschwerden durch Geschosssplitter im Unterleib und benötigt psychologische Unterstützung. Megan Hobson erklärte Amnesty International, dass sie aufgrund der Behandlungskosten immer noch Schulden habe. «Ich war ein Opfer, ich habe kein Verbrechen begangen. Ich war lediglich zur falschen Zeit am falschen Ort», sagt sie.

Jamie Williford wurde 2009 durch Schüsse in den Rücken verletzt. Damals war sie 16 Jahre alt. Sie ist seitdem querschnittgelähmt und leidet heute immer noch unter  Gesundheitsproblemen. Ihre Behandlung wird zwar durch Medicaid finanziert, ein Regierungsprogramm, das die Gesundheitsversorgung einiger Menschen mit niedrigem Einkommen sichert. Doch es ist enorm schwer für sie, einen Mediziner zu finden, der Medicaid akzeptiert. Wie viele andere Überlebende von Schussverletzungen mit dauerhaften Behinderungen hat auch sie, Schwierigkeiten, eine bezahlbare und barrierefreie Wohnung zu finden.

Nach ihrer Verletzung wurde sie in einer staatlichen Einrichtung für Erwachsene untergebracht, hatte dort aber keinen Zugang zu psychologischer Betreuung oder eine Schulausbildung. Seit ihrem 18. Geburtstag lebt sie in Wohngemeinschaften, konnte aber bislang keine dauerhafte Wohnung finden, die rollstuhlgängig ist.

Der Fall von Jamie Williford steht beispielhaft für das Leid der Betroffenen und das Versagen der Behörden: Es fehlt an Unterstützung für Menschen mit Behinderung. Es gibt massive Schwierigkeiten, ausreichende gesundheitliche Versorgung und bezahlbaren barrierefreien Wohnraum zu bekommen. Bürokratische Hürden hindern Überlebende daran, an staatliche Unterstützungsleistungen zu gelangen.

Unterstützung sicherstellen

«Amnesty International fordert die US-Regierung und die Behörden der einzelnen Bundesstaaten auf, sicherzustellen, dass Überlebende von Schusswaffengewalt Zugang zu der benötigten Gesundheitsversorgung und Unterstützung erhalten und dass sie umfassend darüber informiert werden, welche Gesundheitsversorgung und welche Zuwendungen ihnen zustehen», sagte Amnesty-Expertin Sanhita Ambast.

Die Menschenrechtsorganisation fordert die Behörden zusätzlich auf, eine umfassende und wirksame Entschädigung für Überlebenden von Schusswaffengewalt zu gewährleisten – darunter Schadenersatzzahlungen für das Leid, das ihnen widerfahren ist.