Die Taliban haben am 28. September 2015 die Kontrolle über Kundus erlangt. ZeugInnen berichten von Morden, Vergewaltigungen und anderen Greueltaten an den EinwohnerInnen.© Steve Dupont
Die Taliban haben am 28. September 2015 die Kontrolle über Kundus erlangt. ZeugInnen berichten von Morden, Vergewaltigungen und anderen Greueltaten an den EinwohnerInnen. © Steve Dupont

Afghanistan Die Schreckensherrschaft der Taliban in Kundus

Medienmitteilung veröffentlicht: London/Bern, 2. Oktober 2015. Medienkontakt
Massenmorde, Vergewaltigungen und Todesschwadronen der Taliban, die Häuser durchkämmen – das sind nur einige der Schreckenstaten, von denen Augenzeugen aus Kundus Amnesty International nach der Befreiung der Stadt durch die afghanische Armee berichtet haben.

«Die grauenvollen Berichte, die wir erhalten haben, beschreiben eine Schreckensherrschaft während der brutalen Eroberung von Kundus», sagt Horia Mosadik, Afghanistan-Expertin von Amnesty International. «Die afghanischen Sicherheitsbehörden müssen vor allem in den umkämpften Gebieten viel mehr für den Schutz der Zivilistinnen und Zivilisten tun».

Die Taliban haben bei ihrem Eroberungszug im afghanischen Kundus schwerste Verbrechen begangen. Mit Morden an Zivilpersonen, Gruppenvergewaltigungen, Entführungen und dem Einsatz von Todesschwadronen haben die Taliban innert kürzester Zeit eine Schreckensherrschaft in der Stadt errichtet.

Skrupellose Brutalität

Amnesty befragte zahlreiche Augenzeuginnen und Augenzeugen, vor allem Frauen, die nach dem Angriff der Taliban am Montag aus Kundus geflohen waren. Frauenrechtlerinnen sprachen von einer «Todesliste» der Taliban, mit der gezielt Aktivisten und BürgerrechtlerInnen gesucht wurden.

Die Taliban schickten kleine Jungen auf Erkundungstouren durch die Häuser, um ihre Opfer, vor allem Frauen, ausfindig zu machen. Familienangehörige von afghanischen Polizisten und Soldaten, darunter auch Kinder, wurden gezielt ermordet, weibliche Verwandte vergewaltigt.

Eine Hebamme wurde wegen ihrer Tätigkeit von einer Gruppe von Männern vergewaltigt und dann zusammen mit einer Kollegin ermordet, wie Verwandte des Opfers gegenüber Vertreterinnen von Amnesty International aussagten.

«Als die Taliban die Kontrolle über Kundus hatten, haben sie verkündet, sie würden Recht und Ordnung und die Scharia in der Stadt einführen», sagte eine Bürgerrechtlerin. «Alles, was sie taten, hat dagegen verstossen. Ich weiss nicht, wer uns aus dieser Situation befreien kann.»

Angst vor Rache

Amnesty International fordert die afghanischen Soldaten auf, keine Vergeltung zu üben an gefangenen oder verletzten Taliban-Kämpfern. Jeder Fall von schweren Menschenrechtsverletzungen oder Verstössen gegen humanitäres Völkerrecht durch die Taliban soll genauestens untersucht werden. Die Täter müssen in fairen Gerichtsverfahren verurteilt werden, ohne, dass ihnen die Todesstrafe droht.

«Die afghanischen Sicherheitskräfte und Soldaten müssen den Teufelskreis der Gewalt durchbrechen und zu Recht und Ordnung zurückkehren. Rache an Gefangenen nehmen wäre ein Kriegsverbrechen», sagt Horia Mosadik.