Nach der Machtübernahme durch die Taliban wurden mehrere Zivilisten getötet. © MARCUS YAM / LOS ANGELES TIMES
Nach der Machtübernahme durch die Taliban wurden mehrere Zivilisten getötet. © MARCUS YAM / LOS ANGELES TIMES

Afghanistan Sicherheitskräfte der ehemaligen afghanischen Regierung von Taliban getötet

Medienmitteilung 5. Oktober 2021, London/Bern – Medienkontakt
Die Taliban haben 13 Angehörige der ethnischen Gruppe der Hazara getötet und damit laut Amnesty International wohl ein Kriegsverbrechen begangen. Eine aktuelle Untersuchung zeigt, dass neun Sicherheitskräfte der ehemaligen afghanischen Regierung ohne Gerichtsprozess hingerichtet wurden, nachdem sie sich ergeben hatten.

Taliban-Kräfte haben in der afghanischen Provinz Daykundi 13 Angehörige der ethnischen Gruppe der Hazara unrechtmässig getötet, wie eine neue Untersuchung von Amnesty International ergab. Bei elf der Opfer handelte es sich um ehemalige Angehörige der afghanischen Sicherheitskräfte (Afghan National Defence Security Forces - ANDSF). Nach den von Amnesty International gesammelten Augenzeugenberichten haben die Taliban neun der ANDSF-Mitglieder hingerichtet, nachdem sie sich ergeben hatten. Zwei Zivilisten wurden getötet, als sie versuchten zu fliehen, darunter ein 17-jähriges Mädchen, das erschossen wurde, als die Taliban das Feuer auf eine Menschenmenge eröffneten.

Die Morde ereigneten sich am 30. August im Dorf Kahor im Bezirk Khidir. Amnesty International überprüfte Fotos und Videobeweise, die nach den Tötungen aufgenommen wurden und konnte so Zeitpunkt und Lokalität der Tötungen identifizieren. Die aussergerichtlichen Hinrichtungen sind laut Amnesty International wohl als Kriegsverbrechen einzustufen.

«Diese kaltblütigen Hinrichtungen sind ein weiterer Beweis dafür, dass die Taliban dieselben schrecklichen Übergriffe begehen wie während ihrer früheren Herrschaft in Afghanistan.» Agnès Callamard, Generalsekretärin von Amnesty International

«Diese kaltblütigen Hinrichtungen sind ein weiterer Beweis dafür, dass die Taliban dieselben schrecklichen Übergriffe begehen wie während ihrer früheren Herrschaft in Afghanistan», sagte Agnès Callamard, Generalsekretärin von Amnesty International. «Sie verletzen wiederholt die Rechte derjenigen, die sie als ihre Gegner betrachten, und töten sogar diejenigen, die sich bereits ergeben haben. Die Taliban behaupten, sie hätten es nicht auf ehemalige Mitarbeiter der vorherigen Regierung abgesehen, aber diese Tötungen widersprechen diesen Behauptungen.»

«Die Taliban müssen diese grausamen Racheakte sofort einstellen und dafür sorgen, dass die Mitarbeiter der früheren Regierung und ihre Familien sicher in Afghanistan leben können. Die neue Regierung muss deutlich machen, dass solche schweren Verstösse nicht geduldet werden und dass die Verantwortlichen strafrechtlich verfolgt werden.»

Die Untersuchung von Menschenrechtsverletzungen, die von den Taliban begangen wurden, seit sie im August 2021 die Kontrolle über Afghanistan übernommen haben, hat sich als schwierig erwiesen, da die Gruppe in vielen Regionen den Mobilfunkdienst eingestellt hat. Kurz nach dem Fall von Kabul dokumentierte Amnesty International, wie Taliban-Kämpfer nach der Übernahme der Kontrolle über die Provinz Ghazni neun ethnische Hazara-Männer hinrichteten.

Ehemalige Sicherheitskräfte identifiziert

Am 14. August übernahmen die Taliban die Kontrolle über die Provinz Daykundi. Schätzungsweise 34 ehemalige ANDSF-Mitglieder suchten zunächst im Bezirk Khidir Schutz. Sie hatten militärische Ausrüstung und Waffen der Regierung bei sich. Als die Taliban in der Region an Macht gewann, ergaben sich die ANDSF-Mitglieder.

Mohammad Azim Sedaqat, der die Kapitulation anführte, veranlasste, dass, die Waffen in Anwesenheit der Taliban zu entschärfen. Am 29. August verhandelten die Männer über eine vollständige Kapitulation vor den Taliban.

Am 30. August trafen schätzungsweise 300 Taliban-Kämpfer in einem Konvoi in der Nähe des Dorfes Dahani Qul ein, in dem sich die ANDSF-Mitglieder aufhielten, einige davon mit Familienangehörigen. Als die ANDSF-Mitglieder versuchten, das Gebiet mit ihren Familien zu verlassen, blieb ein Fahrzeug in der Nähe des Dorfes Kahor stecken. Als die Taliban-Kämpfer sie einholten, eröffneten sie das Feuer auf die Menge und töteten ein 17-jähriges Mädchen namens Masuma. Einer der ANDSF-Angehörigen schoss daraufhin zurück, tötete einen Taliban-Kämpfer und verwundete einen weiteren.

Die Taliban schossen weiter auf die flüchtenden Familien und töteten zwei ANDSF-Mitglieder. Neun weitere ANDSF-Mitglieder ergaben sich. Die Taliban brachten sie umgehend zu einem nahe gelegenen Flussbecken und richteten sie hin.

Videos und Fotos, die Amnesty International eingesehen hat, zeigen die Leichen von 11 Männern, wobei viele von ihnen Schusswunden am Kopf aufweisen. Auf einem Video ist zu sehen, wie eine Leiche einen Abhang hinaufgetragen wird. Amnesty International war nicht in der Lage, dieses Video zu lokalisieren, aber sein Inhalt stimmt mit Augenzeugenberichten überein, laut denen die Hinrichtungen in der Nähe von Kahor stattfanden.

Die Namen und das geschätzte Alter der 11 ANDSF-Mitglieder sind: Musa Amiri, 46; Khudad Jawahiri, 33; Esmatullah Zarigh, 34; Noor Ali Ibrahimi, 34; Habibullah, 33; Amanullah, 32; Reza Karimi, 31; Dawran, 26; Dur Mohammad, 41; Abdul Hamid Fahimi, 28; und Reza Joya, 33.

Weitere Drohungen der Taliban

Am 31. August, dem Tag nach der Ermordung, brachten die Dorfbewohner*innen die Leichen nach Dahani Qul, wo sie begraben wurden. Amnesty International überprüfte und verifizierte Informationen, die die Lage von zwei der Gräber und die Identität der dort begrabenen Personen bestätigten.

«Ich habe in den letzten 20 Jahren Menschen getötet. Das Töten fällt mir leicht. Ich kann wieder töten.»

Die Taliban forderten dann die verbleibenden Familienmitglieder auf, zurückzukehren und sich innerhalb von drei Tagen zu ergeben. Befragte berichteten Amnesty International, dass ein hochrangiger Taliban-Beamter sagte: «Ich habe in den letzten 20 Jahren Menschen getötet. Das Töten fällt mir leicht. Ich kann wieder töten.»

Am 1. September bestritt Sadiqullah Abed, der von den Taliban ernannte Polizeichef der Provinz Daykundi, dass es zu Tötungen gekommen sei, bestätigte aber, dass ein Taliban-Mitglied bei einem Angriff in Daykundi verwundet worden sei.

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