© Hoshang Hashimi / AFP via Getty Images
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Afghanistan Taliban müssen Mädchen umgehend den Schulbesuch gestatten

14. Oktober 2021
Mädchen in Afghanistan müssen in die weiterführenden Schulen zurückkehren und ihre Ausbildung fortsetzen können, fordert Amnesty International anlässlich der Veröffentlichung neuer Interviews mit Schüler*innen und Lehrpersonen, die von Drohungen und Gewalt der Taliban berichten.

Nur wenige Mädchen gehen derzeit in Afghanistan zur Schule. Das ergaben mehr als 20 Interviews mit Schüler*innen, Lehrpersonen, Schulverwaltungen und Aktivist*innen, welche Amnesty International vom 16. September bis 8. Oktober 2021 in Provinzen in ganz Afghanistan durchführte. Einschüchterungen und Schikanen durch die Taliban führen dazu, dass die Schulbesuchsquote auf allen Ebenen niedrig bleibt, insbesondere bei den Mädchen.

Während Jungen landesweit am 17. September in die weiterführenden Schulen zurückkehren konnten, bestanden die Taliban darauf, dass erst ein «sicheres Lernumfeld» geschaffen werden müsse, bevor Mädchen zurückkehren dürften.

«Gegenwärtig wird Mädchen in Afghanistan der Besuch von Sekundarschulen faktisch verwehrt. Im gesamten Land werden die Rechte und das Streben einer ganzen Generation von Mädchen missachtet und unterdrückt», sagte Agnès Callamard, internationale Generalsekretärin von Amnesty International. «Die Taliban sollten sofort alle weiterführenden Schulen wieder für Mädchen öffnen, alle Schikanen, Drohungen und Angriffe gegen Lehrer*innen und Schüler*innen einstellen und die militärische Nutzung von Schulen in Afghanistan einstellen.»

Das Recht auf Bildung ist ein grundlegendes Menschenrecht, zu dessen Einhaltung die Taliban als die de-facto Behörden des Landes verpflichtet sind.

Das Recht auf Bildung ist ein grundlegendes Menschenrecht, zu dessen Einhaltung die Taliban als die de-facto Behörden des Landes verpflichtet sind. Die derzeit von den Taliban verfolgte Politik ist diskriminierend, ungerecht und verstösst gegen das Völkerrecht.

Amnesty International appelliert an die internationale Gemeinschaft, über die Vereinten Nationen oder Nichtregierungsorganisationen angemessene Finanzmittel für den afghanischen Bildungssektor bereitzustellen, damit die Schulen weiterarbeiten können. Andernfalls könnte Millionen von afghanischen Schüler*innen das Recht auf Bildung vorenthalten werden.

Bildung ist kein Verbrechen

Bis heute haben zwar einige Sekundarschulen in Kabul und in Provinzen wie Kunduz, Balkh und Sar-e Pul die Rückkehr von Mädchen erlaubt, aber die grosse Mehrheit der weiterführenden Schulen in Afghanistan bleibt den Mädchen verschlossen.

Die 14-jährige Schülerin Asma* aus Kabul, sagte Amnesty International: «Werde ich zur Schule gehen können oder nicht? Ich möchte alles lernen, von den einfachsten bis zu den schwierigsten Fächern. Ich möchte Astronautin, Ingenieurin oder Architektin werden... Das ist mein Traum... Bildung ist kein Verbrechen. Sollten die Taliban sagen, dass der Erwerb von Bildung ein Verbrechen ist, dann werden wir dieses Verbrechen begehen. Wir werden nicht aufgeben.»

«Sollten die Taliban sagen, dass der Erwerb von Bildung ein Verbrechen ist, dann werden wir dieses Verbrechen begehen. Wir werden nicht aufgeben.» Asma* aus Kabul

Die 17-jährige Schülerin Mariam* aus Badakhshan erzählte: «Als ich zum ersten Mal hörte, dass sie die weiterführenden Schulen schliessen würden, hatte ich das Gefühl, dass wir rückwärts statt vorwärts gehen. Wir hatten so viele Hoffnungen und Träume, und jetzt sind sie zerplatzt. Ich möchte Medizin studieren und Ärztin werden. Ich war bereit, die Aufnahmeprüfung für die Universität zu machen. Ich fühle mich im Moment wie gelähmt. Ich kann nicht an die Zukunft denken.»

Mehrere Sekundarschülerinnen sagten, sie hätten ihre Lernmotivation verloren, weil die Taliban sie wahrscheinlich nur in einigen wenigen, spezifischen Bereichen wie dem Bildungs- oder Gesundheitswesen arbeiten lassen würden.

Khalida*, eine 16-jährige Schülerin aus Kabul, sagte: «Was sollen wir mit einer Ausbildung anfangen, wenn wir unsere Träume nicht leben können? Ich will Politikerin werden... Ich will keinen Abschluss machen und dann zu Hause sitzen... Mädchen wie ich wollen führende Positionen einnehmen ... Wir können alles werden, aber sie lassen uns nicht.»

Sinkende Anwesenheitsquoten

Lehrer*innen, Schüler*innen und Aktivist*innen in ganz Afghanistan berichteten Amnesty International, dass in vielen Gebieten bedeutend weniger Kinder die Grundschule besuchen als vor der Machtübernahme der Taliban.

Viele Familien haben nach wie vor Angst vor den Taliban und trauen sich nicht, ihre Kinder, insbesondere Mädchen, zur Schule zu schicken. Die Lehrerin Zeenat*aus der Provinz Samangan sagte: «Eltern denken, wenn sie ihre Töchter zur Schule schicken, könnten sie von den Taliban verprügelt werden.»

Die schwierige wirtschaftliche Lage hat viele Familien dazu gezwungen, ihre Kinder aus der Schule zu nehmen und sie zur Arbeit zu schicken. Millionen von Afghan*innen wurden während und nach der Übernahme des Landes durch die Taliban aus ihren Heimatorten vertrieben, viele der vertriebenen Kinder gehen nicht zur Schule.

Die Befragten sagten auch, dass viele Lehrer*innen keinen Unterricht geben, was vor allem darauf zurückzuführen sei, dass die Taliban ihre Gehälter nicht zahlen. Dies hat dazu geführt, dass viele Grundschulen entweder mit verminderter Kapazität arbeiten oder ganz geschlossen werden mussten.

An den Hochschulen berichteten die Studierenden, dass einige Universitäten zwar wieder geöffnet hätten, die Anwesenheitsquote aber gesunken sei, insbesondere unter den jungen Frauen.

Eine 21-jährige Medizinstudentin aus Kabul erzählte: «In meinen Kurs waren [vor der Machtübernahme durch die Taliban] 20 junge Frauen. Jetzt sind es nur noch sechs Frauen. Die Taliban haben neue Regeln eingeführt. Niemand weiss, was in den nächsten Stunden, geschweige denn Tagen, passieren wird. In dieser Situation werden die Eltern ihre Töchter nicht zur Universität gehen lassen.»

Schikanen der Taliban

Pashtana*, eine Gymnasiallehrerin, berichtete Amnesty International, dass sie Morddrohungen von den Taliban erhalten habe und vor das örtliche Gericht geladen worden sei, weil sie zuvor gemeinsamen Sportunterricht für Mädchen und Jungen gegeben habe.

Pashtana*, eine Gymnasiallehrerin, berichtete Amnesty International, dass sie Morddrohungen von den Taliban erhalten habe.

Anfang des Jahres erhielt sie einen Brief von Angehörigen der Taliban. «In dem hiess es: ‚Wenn die Taliban dich erwischen, werden sie dir die Ohren abschneiden, und das wird für andere in [deiner] Provinz eine Lehre sein‘. Jetzt bin ich untergetaucht. Sogar meine Familie denkt, dass ich ausser Landes bin.»

Die 22-jährige Efat*, und Naveed*, ihr 16-jähriger Bruder, berichteten, dass sie am 18. August auf dem Weg zu einem Englischkurs von zwei Taliban-Mitgliedern angegriffen und bewusstlos geschlagen worden seien. Die Taliban bezeichneten Englisch als «die Sprache der Ungläubigen».

Eine Sekundarschullehrerin sagte, dass die Taliban sie als Vergeltung für ein Medieninterview, in dem sie sich über Gehälter von Lehrpersonen und den Zugang von Mädchen zur Sekundarschulbildung beschwert hatte, schikaniert und eingeschüchtert hätten. Sie berichtete weiter, dass ihr und anderen Lehrer*innen gedroht wurde, sie aus den Wohnungen zu werfen, die ihnen die vorherige Regierung zur Verfügung gestellt hatte.

Zeug*innen berichteten Amnesty International ausserdem, dass die Taliban während der Kämpfe vor der Übernahme des Landes vier Schulen für militärische Zwecke nutzten: Tughani High School und Khetib Zada High School in der Stadt Sar-e Pul, Zakhail e Khondon High School in der Stadt Kunduz und Alishing High School im Bezirk Alishing in der Provinz Laghman. Eine solche Nutzung von Schulen setzt die Schüler*innen und Lehrer*innen dem Risiko möglicher militärischer Angriffe aus und steht im Widerspruch zu der globalen Erklärung zu sicheren Schulen, der die afghanische Regierung 2015 zustimmte.

Aus Sicherheitsgründen und aus Angst vor Vergeltungsmassnahmen werden die genauen Orte dieser Vorfälle nicht genannt. Derzeit ist nicht klar, ob diese Vorfälle ein breiteres Muster der Misshandlung von Schüler*innen und Lehrer*innen durch Angehörige der Taliban darstellen.

Amnesty International hat am 6. und 12. Oktober versucht, mit Taliban-Vertreter*innen Kontakt aufzunehmen. Bis zum Zeitpunkt der Veröffentlichung hat Amnesty International aber keine Antwort erhalten.

* = Namen zum Schutz der Betroffenen geändert

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