Wer sich wehrt oder nicht an die «Sitten» hält, ist von massiven Strafen bedroht. Taliban stoppten Frauen, die am 21. Oktober 2021 in Kabul für ihre Rechte protestierten. ©  BULENT KILIC/AFP via Getty Images
Wer sich wehrt oder nicht an die «Sitten» hält, ist von massiven Strafen bedroht. Taliban stoppten Frauen, die am 21. Oktober 2021 in Kabul für ihre Rechte protestierten. © BULENT KILIC/AFP via Getty Images

Afghanistan Rückkehr der Taliban zu brutalen Körperstrafen

28. November 2022
Am 23. November wurden in der afghanischen Provinz Logar drei Frauen und elf Männer öffentlich mit Peitschenhieben bestraft, nachdem ein Gericht der Taliban sie des Diebstahls und verschiedener «sittenwidriger Verbrechen» für schuldig befunden hatte.

Am  14. November 2022, ordnete der Religionsführer der Taliban an, dass die Scharia in Afghanistan obligatorisch und in vollem Umfang umzusetzen sei. Seither haben die Taliban in verschiedenen Provinzen Afghanistans mehrere öffentliche Auspeitschungen vorgenommen. Betroffen waren Frauen und Männer, denen «Ehebruch», Diebstahl, gleichgeschlechtliche sexuelle Handlungen oder Entführung vorgeworfen wurden.

«Diese Art der Bestrafung verstösst gegen das absolute Verbot von Folter und anderen Misshandlungen unter dem Völkerrecht und darf unter keinen Umständen angewandt werden.» Samira Hamidi, Expertin für Südasien bei Amnesty International

Als Reaktion darauf sagte Samira Hamidi, Expertin für Südasien bei Amnesty International: «Die öffentliche Auspeitschung von Frauen und Männern ist eine grausame und schockierende Rückkehr der Taliban zu ihrem kompromisslosen harten Vorgehen. Diese Art der Bestrafung verstösst gegen das absolute Verbot von Folter und anderen Misshandlungen unter dem Völkerrecht und darf unter keinen Umständen angewandt werden.»

Die Taliban setzen sich weiterhin über Kritik hinweg und verstossen gegen grundlegende Menschenrechtsprinzipien. «Damit scheinen sie auf alarmierende Weise zu den brutalen Praktiken von vor dreissig Jahren zurückzukehren», so Samira Hamidi. «Diese grausamen Strafen sind ein weiterer Schritt hin zur Legalisierung unmenschlicher Praktiken durch das Justizsystem der Taliban und machen die Geringschätzung der De-facto-Behörden gegenüber internationalen Menschenrechtsnormen deutlich.»

Öffentliche Auspeitschung und alle anderen Formen der Körperstrafe sind kriminelle Praktiken, die umgehend und bedingungslos eingestellt werden müssen. Stattdessen ist ein formaler Justizmechanismus mit fairen Gerichtsverfahren und Zugang zu Rechtsmitteln einzurichten. «Die internationale Gemeinschaft muss umgehend grössere Anstrengungen unternehmen, um die De-facto-Behörden in Afghanistan dazu zu bewegen, alle grausamen, unmenschlichen und erniedrigenden Formen der Bestrafung abzuschaffen», sagt Hamidi weiter.

Hintergrund

Die Auslegung der islamischen Gesetze der Scharia durch die Taliban sieht auch öffentliche Hinrichtungen, Zwangsamputationen und Steinigungen vor – gängige Praktiken unter der ersten Herrschaft der Taliban, die 2001 endete.

Die erneute Machtergreifung der Taliban im August 2021 war mit dem Versprechen einher gegangen, gemässigter zu regieren und unter anderem die Frauenrechte zu achten. Allerdings dokumentiert Amnesty International seit der Machtergreifung der Taliban eine zunehmende Anzahl an Menschenrechtsverletzungen. Hierzu zählen aussergerichtliche Hinrichtungen, willkürliche Festnahmen, Folter, Verschwindenlassen, Unterdrückung von Frauen und Mädchen sowie die Zensur der Medien und andere Einschränkungen der Meinungsfreiheit.