Indische Juristinnen fordern in Delhi Gerechtigkeit für die Opfer von sexueller Gewalt. © Louis Dowse / Demotix
Indische Juristinnen fordern in Delhi Gerechtigkeit für die Opfer von sexueller Gewalt. © Louis Dowse / Demotix

Indien Todesstrafe kann keine Antwort auf Vergewaltigung sein

7. Januar 2013
Die brutale Vergewaltigung einer 23-jährigen Frau in Delhi durch sechs Männer hat ein Schlaglicht auf eine Realität geworfen, die Millionen von Frauen in Indien betrifft. Eine grassierende Frauendiskriminierung lässt Gewalt an Frauen als nahezu selbstverständlich erscheinen. Veraltete Gesetze im Bereich sexueller Gewalt und eine Kultur der Straflosigkeit für solche Gewaltdelikte tragen zu dieser unhaltbaren Situation bei.

Die Wut, die sich nun auf die Täter entlädt, und der Wunsch, sie hart bestraft zu sehen, sind verständlich. Nicht nur dieses brutale Gewaltverbrechen, sondern jedes geschlechtsspezifische Gewaltdelikt muss zwingend strafrechtlich verfolgt und bestraft werden. Straflosigkeit gehört zu den wichtigsten Faktoren, die dazu führen, dass Gewalt an Frauen von vielen Männern als Selbstverständlichkeit betrachtet wird.

Gewalt gegen Frauen grundlegend bekämpfen

Die Verhängung der Todesstrafe kann allerdings nicht die Lösung sein, sondern würde den Kreislauf der Gewalt nur weiter ankurbeln. Gewalt an Frauen muss durch grundlegende und umfassende Massnahmen bekämpft werden. Nebst der gerechten Bestrafung der Täter bei den sichtbarsten Formen von Gewalt an Frauen gehören dazu die Bekämpfung und Ahndung jeder Form von geschlechtsspezifischer Gewalt und Diskriminierung und die Bestärkung der Frauen in allen ihren Rechten, in allen Lebensbereichen.

Amnesty International spricht sich in jedem Fall und unter allen Umständen gegen die Todesstrafe aus. Sie ist grausam und unmenschlich und verletzt das Recht auf Leben. Die Erfahrung zeigt zudem, dass die Todesstrafe keine abschreckende Wirkung hat, wie oft behauptet wird. «Die Verhängung der Todesstrafe ist selbst ein Verbrechen», sagt Amnesty-Generalsekretär Salil Shetty.

Todesstrafe wäre ein Rückschritt

Amnesty International appelliert an die indische Regierung, dem öffentlichen Druck nicht nachzugeben und die Gewaltverbrecher ihrer Tat entsprechend hart, aber nicht mit dem Tod zu bestrafen. Bis zum 21. November 2012, als der Mumbai-Attentäter von 2008, Ajmal Kasab, gehängt wurde, hatte Indien acht Jahre lang keine Exekution mehr durchgeführt. Die Hinrichtung von Kasab bewertete Amnesty International als signifikanten Rückschritt, der kein Signal für eine Umkehr sein darf: «Wir hoffen, dass Indien bald zu der Mehrheit der Länder gehört, in denen die Todesstrafe abgeschafft ist», sagt Salil Shetty.

Die Frauen in Indien brauchen keinen Racheakt für ein öffentlich ausgeübtes sexistisches Gewaltverbrechen, sondern wirksame Massnahmen gegen die Ursachen der alltäglichen sexistischen Gewalt, der sie nicht nur in der Öffentlichkeit ausgesetzt sind. Ausserdem braucht Indien eine Gesetzes- und Justizreform, die auch die heute völlig inadäquate Definition von Vergewaltigung umfasst.

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