Burma – Land am Scheideweg

Seit den annullierten Wahlen von 1990 befindet sich Burma unter der eisernen Kontrolle der Militärjunta. Doch seit dem vergangenen Oktober führt das Regime – es nennt sich scheinheilig Staatsrat für F

Seit den annullierten Wahlen von 1990 befindet sich Burma unter der eisernen Kontrolle der Militärjunta. Doch seit dem vergangenen Oktober führt das Regime – es nennt sich scheinheilig Staatsrat für Frieden und Entwicklung (SPDC) – Geheimgespräche mit Oppositionsführerin Aung San Suu Kyi und hat seither zahlreiche Oppositionelle freigelassen. Im Juni erlaubte die Militärjunta die Wiedereröffnung von Parteibüros der Nationalen Liga für Demokratie (NLD), die 1998 zwangsgeschlossen worden waren. Gerüchte, der Hausarrest gegen Suu Kyi werde aufgehoben, haben sich bis jetzt zwar nicht bestätigt (Redaktionsschluss: 20. Juli), doch es bahnt sich ein Wandel in dem abgeschotteten Land an. BeobachterInnen sehen verschiedene mögliche Gründe für die plötzliche Gesprächsbereitschaft der Junta, die bisher als besonders rücksichtslos galt: Zum Einen ist sich der rund 20-köpfige SPDC durchaus nicht immer einig; jüngere, reformfreudige Militärs scheinen gegenüber den bisher tonangebenden Konservativen an Boden zu gewinnen. Zum Andern ist der internationale Druck auf Rangun stetig gestiegen – Höhepunkt waren die Sanktionen, welche die Internationale Arbeitsorganisation (ILO) wegen der verbreiteten Zwangsarbeit in Burma letztes Jahr verhängte. Im April lancierte Amnesty International eine weltweite Aktion gegen die unzähligen Menschenrechtsverletzungen in Burma – von der Unterdrückung der Meinungsfreiheit über Repressionen gegen ethnische Minderheiten bis hin zu Haft aus politischen Gründen, Zwangsarbeit und Folter. Die politische Isolation des Landes hat den wirtschaftlichen Niedergang verstärkt, das Regime kann den Bankrott angeblich nur dank Gewinnen aus dem Drogenhandel abwenden. Von einer Öffnung erhoffen sich die Militärs grosszügige ausländische Wirtschaftshilfe. Dass Burma heute laut Definition der Uno zu den unterentwickeltsten Ländern gehört, hat eine traurige Vorgeschichte. Eigentlich hätte das Land, das grösser ist als Frankreich, die Schweiz und Österreich zusammen, alle Voraussetzungen für eine blühende Zukunft gehabt. Unter britischer Kolonialherrschaft gehörte es zu den weltweit grössten Reis-Exporteuren, noch in den 50er Jahren war Burma wohlhabender als der heutige «Tiger» Malaysia. Sein natürlicher und kultureller Reichtum macht es in den Augen Vieler zu einem der schönsten Länder der Welt.

Uralte Hochkultur

Geprägt wurde die Region im Delta des Irawaddi (Hauptstrom Burmas) zunächst vom Volk der Mon – heute nur noch eine Minderheit. Die Mon gerieten früh unter indischen und damit buddhistischen Einfluss. Über die Berge, die das Tiefland des heutigen Burma hufeisenförmig umrahmen, wanderten ab dem 9. Jahrhundert von Norden her die mit den Tibetern verwandten Burmesen ein. 1044 gründete König Anawrahta das erste burmesische Reich. Ende des 13. Jahrhunderts, sozusagen vor den Augen Marco Polos, wurden die Burmesen von den Mongolen unter Kublai-Khan geschlagen. Nach Ansicht von HistorikerInnen hatte die Isolation im nördlichen Oberburma, wohin sich das burmesische Königshaus ab 1630 zurückzog, fatale Auswirkungen: Die Verschmelzung der Völker sei dadurch verhindert worden, was sich in den Aufständen ethnischer Minderheiten bis heute manifestiere. Hundert Jahre nach ihrem Rückzug schufen die Burmesen noch einmal ein Reich, das bis zur Kolonisierung durch die Briten Bestand hatte. Die Engländer, die das Land mit drei Kriegen zwischen 1824 und 1885 etappenweise eroberten, beuteten die Erdölvorräte Burmas rücksichtslos aus. Bei ihrer Flucht vor den japanischen Invasoren im 2. Weltkrieg zerstörten sie einen Grossteil der Infrastruktur zur Erdölförderung. Nach dem Krieg handelte der Führer der antikolonialen Nationalbewegung, Aung San, mit den Briten die Unabhängigkeit aus. Die kurze darauf folgende demokratische Phase nach der Unabhängigkeit 1948 war von Instabilität geprägt – Bergvölker, Kommunisten und Muslime revoltierten. 1962 putschte General Ne Win und errichtete eine Diktatur sozialistischer Prägung. Die Verstaatlichungen unter Ne Win, die bürokratische Ineffizienz und die enormen Militärausgaben – noch heute gemäss Schätzungen bis zu 40 Prozent des Staatsbudgets – trugen massgeblich zum wirtschaftlichen Ruin Burmas bei. Nach monatelangen Protesten der Bevölkerung musste Ne Win 1988 abtreten. Die Armee schlug die Demokratiebewegung blutig nieder und hinterliess rund 3'000 Tote. Gewalt gegen Minderheiten Brutal geht die burmesische Armee seit Jahrzehnten gegen ethnische Minderheiten vor, die sich teilweise mit Guerillabewegungen zur Wehr setzen. So mussten zum Beispiel Zehntausende christliche Karen an der Grenze zu Thailand in den verminten Dschungel fliehen. Viele leben noch heute unter erbärmlichen Lebensbedingungen in Flüchtlingslagern beidseits der Grenze. Nach Informationen von Amnesty International überfallen Armeepatrouillen regelmässig Dörfer, rauben die Bewohner aus und lassen sie als TrägerInnen oder beim Bau von Militärinfrastruktur Zwangsarbeit verrichten. Wer sich wehrt oder verdächtigt wird, mit der Guerilla zusammenzuarbeiten, läuft Gefahr erschossen zu werden. Die Augenzeugenberichte wiederholen sich: Ein Mon-Flüchtling berichtet vom Tod seines 68-jährigen Grossvaters U Ba Si, der zu Zwangsarbeit verpflichtet wurde, eines Tages vor Erschöpfung zusammensank und von Soldaten so schwer zusammengeschlagen wurde, dass er drei Tage später starb. Die heute zwanzigjährige How Mi Tin erzählt, wie sie die Hälfte ihres Lebens als Träger–und Sexsklavin der Soldaten verbringen musste, bevor ihr die Flucht gelang. Und auch wer es nach Thailand schafft, ist nicht in Sicherheit: Allein in der Grenzstadt Mae Sot soll es 30 Bordelle mit versklavten Karen-Prostituierten geben.

Friede gegen Drogen

Mit anderen Minderheiten-Guerillas hat das Regime Friedensverträge geschlossen, so mit den Rebellen der Wa, der Kokang oder der Schan. Anscheinend zum Nutzen beider Seiten: Die ehemaligen Rebellen haben auf den Drogenhandel umgestellt, die Junta hat ihre Ruhe und verdient mit. Nach US-Angaben ist Burma neben Afghanistan weiterhin das Land mit der grössten Opium-Produktion. Während das Heroin in den Westen exportiert wird, leidet Thailand unter einer Schwemme von Amphetaminen und anderen künstlichen Drogen burmesischer Herkunft. Die Chemikalien für die Drogenlabors bezieht Burma vor allem in China, ebenso wie die meisten Waffen für die Armee. Über China wird nach Einschätzung von ExpertInnen ausserdem ein Grossteil der Drogengelder gewaschen, sofern sie nicht direkt in Luxus der Militärs oder in burmesische Tourismusprojekte investiert werden. Sollte Oppositionsführerin Suu Kyi die Früchte ihres Wahlsieges je ernten können, dürften angesichts dieser Misswirtschaft und der sozialen Instabilität ihre Probleme erst beginnen.


Who's who in Burma

Myanmar: offizieller Name von Burma,
676.000 Quadratkilometer,
Bevölkerung rund 44 Millionen
NLD: Nationale Liga für Demokratie, gewann die (vom Militär nicht anerkannten) Wahlen von 1990
SPDC: Staatsrat für Frieden und Entwicklung (bis 1997 Staatsrat für die Wiederherstellung von Recht und Ordnung, SLORC), Eigenname der seit 1988 regierenden Militärjunta
 24 Minderheiten: Schan, Karen (christl.), Rohingya (musl.), Mon, Tschin, Kachin u.a.
Aung San: Unabhängigkeitsheld Burmas, am 19. Juli 1947 im Alter von 32 Jahren erschossen
Khin Nyunt: geboren 1939, 1. Sekretär des SPDC, Generalleutnant, Geheimdienstchef, führte dieses Jahr Gespräche mit Aung San Suu Kyi
Than Shwe: geboren 1933, Juntaführer seit 1992, tritt selten in der Öffentlichkeit auf, vermutlich krank

Erschienen in «AMNESTIE! - Das Magazin für die Menschenrechte» vom August 2001
Herausgegeben von Amnesty International, Schweizer Sektion