Myanmar / Burma Druck aufrechterhalten

Bei den friedlichen Demonstrationen in Myanmar wurden Tausende von Personen verhaftet. «Hunderte sind noch immer unter katastrophalen Bedingungen im Gefängnis», erklärt Mireille Boisson, Myanmar-Koordinatorin der französischen Sektion von Amnesty International.
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> Anfang November wurden in Myanmar rund 100 Personen freigelassen, darunter zwei Komödianten, für die Amnesty International Briefaktionen durchgeführt hat. Bedeutet das, dass das burmesische Regime jetzt auf Druck reagiert?

< Mireille Boisson: Die internationale Gemeinschaft, darunter auch Amnesty International, hat sehr viel Druck auf die burmesische Regierung ausgeübt und sie veranlasst etwas Ballast abzuwerfen.

> Ist bekannt, wie viele Personen bei der Auflösung der Kundgebungen festgenommen worden sind? Wie viele wurden getötet?
< Die Zahlen sind je nach Quelle sehr unterschiedlich: Die Regierung spricht von 3000 Verhafteten und 10 Toten. Diplomatische Quellen gehen von mindestens 40 Toten aus. Gewisse Gruppen, die ein Interesse daran haben, die Zahl möglichst hoch anzusetzen, sprechen von Hunderten von Toten, das tönt aber nicht sehr glaubhaft. Dagegen wurden mindestens 6000 Personen verhaftet, auch wenn viele Mönche sehr rasch wieder freigelassen worden sind.

> Wie beschafft sich Amnesty International Informationen aus einem Land, in das die Organisation keinen Zugang hat?
< Wir haben ein Vertrauensverhältnis zu glaubwürdigen Quellen aufgebaut. Es gibt Informationen, die aus dem Land rauskommen, insbesondere dank der Unterstützungsorganisation für politische Gefangene in Myanmar («Assistance Association for Political Prisoners (Burma)»). Diese Organisation ist absolut vertrauenswürdig und sie hat gute Beziehungen zur burmesischen Opposition. Es gibt auch die Website irrawaddy.org und das in Norwegen stationierte Radio «Democratic Voice of Burma». Wenn die Informationen aus diesen drei Quellen miteinander in Beziehung gebracht werden, ergibt das glaubwürdige Informationen.

> Personen, die freigelassen worden sind, sprachen von katastrophalen Verhältnissen in den Gefängnissen…
< Die Verhältnisse in den Gefängnissen sind seit 40 Jahren gleich schlimm. Es ist heute nicht schlimmer als vorher. Was beunruhigend ist, ist der Zeitraum, den die Regierung verstreichen lässt, bis sie bekannt gibt, wo Personen festgehalten werden. Denn diese Periode ist die gefährlichste für die Gefangenen.

> Unter den Verhafteten gibt es AnführerInnen der StudentInnenbewegung von 1988.
< Das sind Leute, die aus dem Gefängnis entlassen worden sind und die durch die Jahre im Gefängnis nicht zerbrochen sind. Sie wurden schon zu Beginn der Demonstrationen festgenommen. Trotz ihrer Vergangenheit haben sie keinen Hass, sie setzen sich weiter für die Versöhnung ein.

> Amnesty International kritisiert die Menschenrechtsverletzungen in Myanmar seit Jahren. Wie ist es zu erklären, dass die Öffentlichkeit erst heute darauf aufmerksam wird?
< Myanmar ist ein Land, das wenig bekannt ist oder allenfalls als das Land der tausend Pagoden durch die Reisebüros. Was alles verändert hat ist die Cleverness, mit der die jungen BurmesInnen das Internet und die Mobiltelefone genutzt haben, um Bilder zu übermitteln, so lange die Kommunikation nicht unterbrochen war. Es gibt sehr schöne Fotos von den Kundgebungen der Mönche, die haben das Interesse der Zeitungen geweckt. Vermutlich haben die Medien angesichts der ästhetisch schönen Bilder die Gefahr nicht erkannt, dass die Bilder auch dazu verwendet werden konnten, Demonstrierende zu identifizieren und festzunehmen. Sie dienen noch heute dazu, Personen zu verfolgen.

Erschienen in «amnesty in action» –  der Aktionszeitung der Schweizer Sektion von Amnesty International vom November 2007.