Schwule, Lesben, Bisexuelle und Transgegender sind in der russischen Föderation homophober Verfolgung und Diskriminierung ausgesetzt. © OLGA MALTSEVA/AFP/Getty Images
Schwule, Lesben, Bisexuelle und Transgegender sind in der russischen Föderation homophober Verfolgung und Diskriminierung ausgesetzt. © OLGA MALTSEVA/AFP/Getty Images

Russische Föderation / Tschetschenien Schwule Männer entführt und umgebracht

10. April 2017
Männer, von denen angenommen wird, dass sie homosexuell sind, werden in Tschetschenien in jüngster Zeit im Rahmen einer koordinierten Kampagne entführt, gefoltert und sogar umgebracht.

Am 1. April berichtete die unabhängige russische Tageszeitung Novaya Gazeta, dass Hunderte vermeintlich schwule Männer im Rahmen einer koordinierten Kampagne in den vergangenen Tagen entführt worden sind. Die Männer sollen gefoltert und in anderer Weise misshandelt und gezwungen worden sein, andere ihnen bekannte LGBTI preiszugeben. Novaya Gazeta gibt an, bestätigte Informationen über mindestens drei Männer zu haben, die von ihren EntführerInnen getötet wurden, doch ihre Quellen sagen auch, dass es viele weitere Morde gegeben habe.

Berichten zufolge wurden einige der entführten Männer zu ihren Familien zurückgebracht, vermutlich weil ihre sexuelle Orientierung von ihren EntführerInnen nicht bestätigt werden konnte. Sie sind aufgrund der örtlichen Homosexuellenfeindlichkeit jedoch weiterhin in grosser Gefahr. Mitglieder der NGO namens Russisches LGBTI-Netzwerk haben diese Informationen bestätigt und eine telefonische Hotline eingerichtet, um denjenigen zu helfen, die sich ausserhalb der Region in Sicherheit bringen möchten. Doch online gibt es auch anonyme Warnungen, dass einige dieser Hilfsangebote im Internet von den TäterInnen dazu genutzt werden könnten, weitere LGBTI ausfindig zu machen.

Die Reaktionen der tschetschenischen BehördenvertreterInnen variieren zwischen Leugnung – so zum Beispiel durch Alvi Karimov, dem Pressesprecher des Präsidenten der Republik Tschetschenien –, das Ganze als Witz abtun und weiteren versteckten Drohungen. Am 3. April kündigte der Pressesprecher der russischen Präsidialverwaltung Dimitry Peskov an, dass das Innenministerium «Informationen über die vermeintliche Verfolgung von Männern nicht traditioneller Orientierung prüft».

Petition zur Aufklärung der Verbrechen an homosexuellen Männern in Tschetschenien und zum Schutz von LGBTI

HINTERGRUNDINFORMATIONEN: Ehrenmorde an Homosexuellen

«Morde im Namen der Ehre» werden im Nordkaukasus, insbesondere in Tschetschenien, bis heute verübt. Männer, die angeblich die «Familienehre beschmutzen», weil sie tatsächlich oder vermeintlich schwul sind, laufen Gefahr, von Angehörigen der eigenen Familie getötet zu werden. Wer einen sogenannten «Ehrenmord» verübt, geht häufig straffrei aus. In jüngster Zeit sind eine Reihe von Gewaltvideos im Internet veröffentlicht worden, in denen homosexuelle AktivistInnen bedroht werden.

Kheda Saratova, Mitglied des Menschenrechtsrates unter dem Präsidenten von Tschetschenien, kommentierte als erste, dass die tschetschenische Gesellschaft und «das ganze Justizsystem» HomosexuellenmörderInnen mit relativem «Verständnis» begegnen würden. Sie erklärte später, dass sie missverstanden worden sei und dass die Enthüllung, dass es in Tschetschenien homosexuelle Männer gebe, sie so schockiert habe, dass sie nicht klar habe denken können.

Die tschetschenischen Behörden, angeführt von Ramzan Kadyrov, kontrollieren praktisch jeden Lebensbereich in dieser nordkaukasischen Republik der Russischen Föderation. Jede abweichende Ansicht wird brutal unterdrückt und MenschenrechtsverteidigerInnen, Medienschaffende und politische AktivistInnen, darunter auch Menschen von ausserhalb Tschetscheniens, ebenso wie in seltenen Fällen BürgerInnen, die irgendeine Kritik an der tschetschenischen Führung und ihrer Politik äussern, sehen sich Drohungen, Drangsalierungen und häufig körperlicher Gewalt gegenüber. Der Ermordung der Journalistin Anna Politkovskaya 2006 und der Entführung und Ermordung der tschetschenischen Menschenrechtsverteidigerin Natalia Estemirova 2009 gingen ähnliche Drohungen voraus.