Zahlreiche Wohngebiete in der Stadt Charkiw waren Ziel wahlloser Angriffe. © AFP über Getty Images
Zahlreiche Wohngebiete in der Stadt Charkiw waren Ziel wahlloser Angriffe. © AFP über Getty Images

Ukraine Tod und Zerstörung durch wahllosen russischen Beschuss von Charkiw

Medienmitteilung 13. Juni 2022, London/Bern – Medienkontakt
In der ukrainischen Stadt Charkiw haben russische Truppen durch verbotene Streumunition und zielungenaue Raketen Hunderte Zivilpersonen getötet. Neue Recherchen von Amnesty International dokumentieren, wie russische Streitkräfte seit Beginn der Ukraine-Invasion durch den unablässigen Beschuss von Wohngegenden für Tod und Zerstörung sorgen.

Der Bericht mit dem Titel «Anyone can die at any time’: Indiscriminate attacks by Russian forces in Kharkiv, Ukraine» legt Beweise vor, dass russische Truppen wiederholt international geächtete Streumunition des Typs 9N210/9N235 sowie Streuminen in dicht besiedelten Gebieten eingesetzt haben.

Donatella Rovera, Amnesty-Expertin für Recherche in Krisengebieten, sagte: «Menschen wurden zuhause oder auf der Strasse, auf Spielplätzen und auf Friedhöfen, beim Anstehen für Hilfslieferungen und beim Einkaufen von Nahrungsmitteln oder Medikamenten getötet.»

«Der wiederholte Einsatz von verbotener Streumunition ist schockierend und zeugt von absoluter Verachtung gegenüber dem Leben von Zivilpersonen. Die russischen Truppen, die für diese furchtbaren Angriffe verantwortlich sind, müssen zur Rechenschaft gezogen und die Betroffenen und ihre Angehörigen vollumfänglich entschädigt werden.»

Willkürliche Angriffe, die zu Toten oder Verletzten in der Zivilbevölkerung führen oder zivile Objekte beschädigen, sind als Kriegsverbrechen zu betrachten.

Der Leiter der medizinischen Abteilung der militärischen Regionalverwaltung in Charkiw sagte Amnesty International, dass in der Region Charkiw seit Ausbruch des Konflikts 606 Zivilpersonen getötet und 1248 verletzt worden seien. Die meisten der von Amnesty International untersuchten Angriffe führten in einem grossen Radius zu zahlreichen Todesopfern.

Russland ist weder dem Übereinkommen über Streumunition noch dem Antipersonenminen-Übereinkommen beigetreten, doch das humanitäre Völkerrecht verbietet sowohl wahllose Angriffe als auch den Einsatz von Waffen, die grundsätzlich nicht zwischen militärischen und zivilen Zielen unterscheiden. Willkürliche Angriffe, die zu Toten oder Verletzten in der Zivilbevölkerung führen oder zivile Objekte beschädigen, sind als Kriegsverbrechen zu betrachten.

220613_Ukraine_Rapport-attaques-indiscriminées_284769.jpg Feuerwehrleute räumen die Trümmer und löschen ein Feuer an einem schwer beschädigten Gebäude, nachdem eine russische Rakete in dieser Strasse in Charkiw explodiert war. © Sergey BOBOK / AFP via Getty Images

Spielplätze unter Beschuss

Am Nachmittag des 15. April beschossen russische Truppen die Gegend um die Myru-Strasse im Bezirk Industrialnyi mit Streumunition. Mindestens neun Zivilpersonen wurden dabei getötet und mehr als 35 verletzt, darunter auch mehrere Kinder. Ärzt*innen der Stadtklinik Nr. 25 in Charkiw zeigten Amnesty International Metallsplitter, die sie aus dem Körper von Verletzten entfernt hatten; einige davon konnten eindeutig der Streumunition vom Typ 9N210/9N235 zugeordnet werden.

Auf einem Spielplatz in der Nähe wurde die 41-jährige Oksana Litvynyenko in Begleitung ihres Mannes Ivan und ihrer vierjährigen Tochter durch explodierende Streumunition schwer verletzt. Granatsplitter drangen in ihren Rücken, ihre Brust und ihren Bauch ein und durchbohrten ihre Lunge und ihr Rückgrat. Dieser Angriff fand in der Nachmittagszeit statt, so dass viele weitere Familien ebenfalls mit ihren Kindern auf dem Spielplatz waren.

Ivan Litvynyenko berichtete Amnesty International: «Plötzlich sah ich einen Lichtblitz... Ich riss meine Tochter an mich und drückte sie und mich an einen Baum, so dass sie zwischen dem Baum und mir in Sicherheit war. Es gab sehr viel Rauch und ich konnte nichts sehen... Als der Rauch sich auflöste, sah ich Menschen am Boden liegen... auch meine Frau Oksana. Als meine Tochter ihre Mutter in einer Blutlache am Boden liegen sah, sagte sie zu mir: ‚Lass uns nach Hause gehen. Mama ist tot und die Leute sind tot.‘ Sie stand unter Schock, genau wie ich. Ich weiss immer noch nicht, ob meine Frau sich wieder erholen wird. Die Ärzt*innen können nicht sagen, ob sie jemals wieder sprechen oder laufen können wird. Unsere Welt wurde auf den Kopf gestellt.» Nach mehr als einem Monat auf der Intensivstation hatte sich Oksanas Zustand leicht verbessert, doch schliesslich erlag sie am 11. Juni ihren Verletzungen.

Researcher von Amnesty International haben auf dem Spielplatz Metallteile und andere Bestandteile gefunden, die eindeutig von Streumunition des Typs 9N210/9N235 stammen.

Am Nachmittag des 12. März verlor Veronica Cherevychko, eine 30-jährige Logistikmanagerin und Mutter, ihr rechtes Bein, als auf dem Spielplatz vor ihrem Haus im Stadtteil Saltivka eine Rakete einschlug, die von einem Mehrfach-Raketenwerfersystem BM-21 (9K51 Grad) abgefeuerte worden war.

Ungelenkte Raketen richten in dicht bevölkerten Gegenden unterschiedslos Schäden an.

Ungelenkte Raketen (etwa vom Typ Grad oder Uragan) werden von russischen Truppen routinemässig im Krieg in der Ukraine eingesetzt. In dicht bevölkerten Gegenden richten sie unterschiedslos Schäden an. Nicht präzisionsgelenkte Artilleriegeschosse weisen eine Fehlerspanne von mehr als 100 Metern auf. In Wohngebietenführen derartige Zielverfehlungen fast unausweichlich zu Toten unter der Zivilbevölkerung sowie zur Beschädigung und Zerstörung ziviler Infrastruktur.

Umgekehrt führten ukrainische Truppen häufig Angriffe von Wohngegenden aus durch, was das Leben der dortigen Zivilpersonen gefährdet. Dieses Vorgehen verstösst gegen das humanitäre Völkerrecht, rechtfertigt jedoch keineswegs die wiederholten unterschiedslosen Angriffe durch russische Truppen.

Die Raketen fallen auch auf Wohngebiete, da sie oft nicht zielgenau abgefeuert werden können. © AFP via Getty Images

Methodik

Ermittlungsteams von Amnesty International untersuchten in Charkiw im April und Mai 2022 über einen Zeitraum von 14 Tagen hinweg 41 Angriffe (in denen mindestens 62 Menschen getötet und mindestens 196 verletzt wurden) und sprachen mit 160 Personen, u. a. Überlebenden, Augenzeug*innen, Familienangehörigen von Opfern sowie Spitalpersonal, das Verletzte behandelte. Das Amnesty-Rechercheteam sammelte und analysierte Sachbeweise an bombardierten Orten, wie z. B. Munitionssplitter, und wertete verschiedene digitale Quellen aus.