Unterstützerinnen des abgesetzten Präsidenten Mursi in einem Krankenhaus in Kairo am 14.08.2013 © Ed Giles/Getty Images
Unterstützerinnen des abgesetzten Präsidenten Mursi in einem Krankenhaus in Kairo am 14.08.2013 © Ed Giles/Getty Images

Blutbad in Ägypten «Um mich herum starben die Menschen»

Weit über 600 Todesopfer hat das Massaker bisher gefordert, das die ägyptischen Sicherheitskräfte bei der gewaltsamen Auflösung der Pro-Mursi-Sit-ins am 14. August angerichtet haben. «Rund um mich herum starben die Menschen», berichtet ein Augenzeue gegenüber  Amnesty International. Es war der bisher blutigste Tag seit dem Beginn der Revolution vom 25. Januar 2011.

Die Sicherheitskräfte gingen mit völlig unangemessener Gewalt vor, setzten ohne zwingende Notwendigkeit scharfe Munition ein und liessen entgegen eigenen Versprechungen nicht einmal die Verwundeten vom Platz gehen: Zu diesem Schluss kommen die Amnesty-Expertinnen und Experten aufgrund ihrer Untersuchungen vor Ort. In einem aktuellen Bericht hat Amnesty die Aussagen von Angehörigen, Ärzten und  Augenzeuginnen dokumentiert.

Undifferenzierte, brutale Gewalt

«Aufgrund der Zeugenaussagen und anderen Beweise, die wir gesammelt haben, besteht kaum ein Zweifel daran, dass die Sicherheitskräfte keinerlei Rücksicht auf menschliches Leben genommen haben», sagt Philip Luther, Leiter des Nordafrika-Programms bei Amnesty International. «Gewiss waren auch einige der Demonstranten gewalttätig, doch die brutale Reaktion der Sicherheitskräfte darauf war völlig unangemessen. Sie machten offensichtlich keinerlei Unterschied zwischen gewalttätigen und gewaltlosen Demonstrierenden. Die Gewalt traf selbst unbeteiligte Zuschauer.»

Gemäss den Untersuchungen von Amnesty International setzten die Sicherheitskräfte scharfe Waffen ein, ohne dass dies zwingend nötig gewesen wäre, um Leben zu schützen oder schwere Verletzungen zu verhindern. Das ist ein klarer Verstoss gegen das Völkerrecht. Zuvor gegebene Versprechen, bei der Räumung des Platzes nur graduell Gewalt einzusetzen, die Demonstrierenden rechtzeitig und ausreichend zu warnen und ihnen das Verlassen des Platzes zu ermöglichen, wurden nicht eingehalten.

Attacken selbst auf Spitäler

Am 14. und 15. August besuchte das Amnesty-Team zahlreiche Spitäler und mobile Lazarette in Kairo sowie die Zeinhum-Leichenhalle und eine Moschee, in der vorübergehend Dutzende von Leichen untergebracht wurden. In zahlreichen Gesprächen mit Augenzeuginnen und ärztlichem Personal wurde klar, wie häufig tödliche Schüsse gezielt auf Kopf und Brust abgegeben worden waren.

Ein Medizinstudent beschrieb, wie das Rabaa al-Adawiya Spital evakuiert werden musste, nachdem Sicherheitskräfte unter Einsatz von Tränengas ins Gebäude eingedrungen waren und den ersten Stock in Brand gesetzt hatten:

«Die Sicherheitskräfte griffen das Spital an. Die Ärzte wiesen uns an, die Rolläden und die Fenster zu schliessen, damit das Tränengas nicht eindringen konnte. Ich sah schwarz gekleidete Heckenschützen auf den Dächern von Nachbargebäuden. Dann sagte uns eine andere Ärztin, die Sicherheitskräfte seien in den ersten Stock eingedrungen. [...] Ein Sicherheitsbeamter stiess mir seinen Gewehrkolben in den Rücken und drängte mich zur Treppe. Ich verliess das Spital. Daraufhin forderten uns die Sicherheitskräfte auf, die Patienten und die Leichen herauszuschaffen. Der erste Stock brannte.»

Eine in einem Lazarett beim Rabaa al-Adawiya-Protestcamp beschäftigte Krankenschwester berichtete Amnesty, wie Männer in schwarzen Uniformen sie mit Waffengewalt bedrohten:

«Durch das Fenster war ein Gewehrlauf auf mich gerichtet. Es waren drei Männer, zwei in schwarzen Uniformen und einer in Zivil. Der zivil Gekleidete schrie mich an, ich solle die Tür öffnen und ob wir Gewehre da drinnen hätten. Ich flehte sie an, wir hätten nur Verwundete und Tote in der Krankenstation.»

Amnesty fordert Uno-Untersuchung

Amnesty International fordert, dass Uno-Expertinnen und -Experten - namentlich der Sonderberichterstatter für aussergerichtliche, summarische und willkürliche Hinrichtungen -  ins Land gelassen werden, um die genaueren Umstände der Gewalt und das Muster exzessiver und unrechtmässiger tödlicher Waffeneinsätze durch die ägyptischen Behörden seit der «Revolution des 25. Januar» zu untersuchen. Angesichts des mageren Leistungsausweises der ägyptischen Behörden in den vergangenen zweieinhalb Jahren, wenn es darum ging, Sicherheitskräfte für übertriebene und unrechtmässige Gewaltanwendung zur Rechenschaft zu ziehen, zweifelt die Menschenrechtsorganistaion an der Fähigkeit der ägyptischen Staatsanwaltschaft, umfassende, unabhängige und unparteiliche Untersuchungen durchzuführen.

17. August 2013
Medienkontakt