Koptische Kirche © VIRGINIE NGUYEN HOANG/AFP/Getty Images
Koptische Kirche © VIRGINIE NGUYEN HOANG/AFP/Getty Images

Ägypten Die Regierung muss die Sicherheit der koptischen Christen gewährleisten

20. August 2013
Koptische Christen werden in Ägypten seit der Räumung der Pro-Mursi-Lager in Kairo am 14. August 2013 wieder verstärkt Opfer von Gewalt. Mursi-Anhänger üben anscheinend Vergeltung, weil sie den koptischen Christen unterstellen, sie hätten die Absetzung des ehemaligen Präsidenten Mursi unterstützt. Amnesty International fordert die ägyptischen Behörden auf, sofort Maßnahmen zu ergreifen, um die Sicherheit der koptischen Christen und weiterer Minderheiten zu gewährleisten.

Mehrere koptische Christen wurden getötet, als ihre Kirchen, Geschäfte und Häuser angegriffen wurden. «Die Sicherheitskräfte haben auf schockierende Weise ihre Pflicht verletzt, gewaltsame Übergriffe auf koptische Christen zu verhindern. Das gewaltsame Vorgehen gegen koptische Christen war absehbar, nachdem es seit der Absetzung Mursis zu einem dramatischen Anstieg ähnlicher Vorfälle gekommen ist», erklärte Hassiba Hadja Sahraoui, stellvertretende Direktorin der Abteilung für den Nahen Osten und Nordafrika von Amnesty International.

«Die Angriffe auf koptische Christen müssen untersucht und die Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen werden.»

Kirchen, Häuser und Geschäfte niedergebrannt

Laut der Organisation «Maspero Youth Union» wurden im landesweit 38 Kirchen niedergebrannt und weitere 23 teilweise zerstört. Dutzende Häuser und Geschäfte wurden geplündert und/oder in Brand gesetzt. Mehr als 20 Angriffe auf Kirchen wurden im Regierungsbezirk Al-Minya dokumentiert, weitere Angriffe in Alexandria, Assiut, Beni Suef, Fayoum, Giza, im Nord-Sinai und in Suez. AktivistInnen berichteten, dass in einigen Fällen AngreiferInnen Gräber entweihten, die koptischen Christen als heilig gelten, und muslimische Gebete in ihren Kirchen abgehalten hätten.

Die Situation scheint besonders schlimm in Al-Minya. Anwohner, darunter auch ein Polizist, berichteten Amnesty International, dass sie sich aufgrund des alarmierenden Anstiegs der religiös motivierten Gewalt eingeschlossen fühlten, besonders wegen des fehlenden Schutzes durch die Sicherheitskräfte.

Am 15. August 2013 verurteilte der Ministerpräsident die religiös motivierte Gewalt. «Es reicht nicht, die Gewalt zu verurteilen. Die tragischen Angriffe waren keine Überraschung angesichts der aufhetzenden und der zur religiös motivierter Gewalt anstachelnden Sprache, die von einigen Mursi-UnterstützerInnen benutzt wurde, um Christinnen und Christen die Schuld für das gewaltsame Vorgehen der Sicherheitskräfte zuzuschieben, unter dem die Mursi-Unterstützer leiden», sagte Hassiba Hadj Sahraoui.

Mit Metallstangen und Sprechchören gegen Christen

Bei einem von Amnesty International dokumentiertem Vorfall wurden ein koptischer Christ getötet und mindestens drei weitere verletzt, als einige TeilnehmerInnen einer Pro-Mursi-Demonstration am 15. August 2013 einen christlichen Wohnblock in Izbit al-Nakhl in Giza angriffen. Mehrere Geschäfte und Autos der christlichen BewohnerInnen wurden in Brand gesetzt.

AnwohnerInnen berichteten Amnesty International, dass sich um etwa 17:30 Uhr eine Demonstration von Mursi-UnterstützerInnen ihrem Wohnblock näherte und dabei Christinnen und Christen gegenüber abwertende und aufstachelnde Sprechchöre riefen. Unter anderem: «Was für eine Schande. Die Nasara [abwertende Bezeichnung für Christen] tun so, als seien sie Revolutionäre.» Als die Menge sich näherte, schlossen die meisten koptischen Christen ihre Läden und suchten Schutz in den Häusern. Einige liefen in die Kirche des Ortes, um sie vor möglichen Angriffen zu schützen. Diejenigen, die auf der Strasse blieben, wurden beschossen oder geschlagen.

Als die AngreiferInnen sich näherten, beschloss Fawzi Mourid Fares Louka, sein Auto aus Sicherheitsgründen in der Garage zu parken. Als er zusammen mit seinem Neffen die Garagentür schloss, erreichte die wütende Menge die Strasse. Sein Neffe erzählte Amnesty International, was dann geschah:

«Sie hatten Metallstangen in den Händen und schwenkten die schwarze Flagge von al-Kaida. Einige von ihnen waren bewaffnet. Sie schossen in die Luft, auf die Gebäude und auf Bilder von Papst Shenouda [die in der Mitte der Strasse hingen]. Sie beleidigten Christen und riefen: ‚Christliche Hunde, euch zeigen wir es,' und ‚Allahu Akbar' ... Wir haben gerade versucht, die Garagentür zu schliessen, als mein Onkel in meine Arme fiel...Ich sah, dass ihm in den Kopf geschossen worden war...Ich schloss die Garagentür schnell hinter uns ...Sie [die Angreifer] klopften wie wild an die Tür und drohten, uns fertig zu machen.»

Die AngreiferInnen umzingelten und schlugen auch Fawzis Bruder Boutros, der ein paar Meter entfernt an der Strassenecke stand. Er wurde mit einer Metallstange an den Kopf geschlagen und zweimal in den Rücken gestochen, bevor er es schaffte, in Richtung der Kirche zu entkommen.

Ein anderer Beobachter, Nabil Zakaria Riyad, wurde während des Angriffs von Kugeln aus einer Schrotflinte an Beinen, Gesicht und Bauch verletzt. Er stand vor seiner Haustür, nicht weit entfernt von der Strasse, in der Fawzi Louka erschossen wurde. Er berichtete:

«Sie riefen: ‚Es gibt keinen Gott ausser Allah' und ‚ Islam, Islam ', und ich hörte Schüsse...Ich sah, wie sie Autos und Geschäfte zerstörten und das Tuck-Tuck [dreirädrige Fahrzeuge, die in kleinen Gassen verwendet werden] umdrehten, das Fawzi ins Krankenhaus brachte...Sie feuerten Schüsse auf der Strasse ab, und während ich versuchte, näher zur Haustür zu gelangen, wurde ich angeschossen.»

Fawzi Loukas Verwandten erzählten Amnesty International, dass sie Anzeige in der «Marg»-Polizeistation erstattet hätten, aber bisher seien offenbar noch keine Untersuchungen eingeleitet worden Ermittler von Amnesty International untersuchten während eines Besuchs der Region am 18. August Einschusslöcher an Gebäuden auf der Strasse, in der Fawzi Louka getötet wurde. Die Auswirkungen von Brand- und anderen Schäden an mehreren Geschäften und Autos, die im Besitz der koptischen Christen sind, waren deutlich sichtbar.

«In der aktuellen politischen Situation sind die ägyptischen Behörden und die Führung der Muslimbruderschaft kläglich gescheitert, die Angriffe auf koptische Christen zu verhindern und zu stoppen. Es müssen sofortige Massnahmen ergriffen werden, um ihre Sicherheit zu gewährleisten», sagte Hassiba Hadj Sahraoui.

Hintergrund

Seit dem Sturz von Mohamed Mursi am 3. Juli hat es eine deutliche Zunahme der religiös motivierten Angriffe auf koptische Christen gegeben, und den Sicherheitskräften gelang es nicht, der Gewalt ein Ende zu bereiten.

Die Diskriminierung von koptischen Christen in Ägypten ist seit Jahrzehnten weit verbreitet. Unter Präsident Hosni Mubarak wurden mindestens 15 schwerwiegende Angriffe auf Angehörige der koptischen Minderheit dokumentiert. Die Gewalt setzte sich auch unter dem Obersten Militärrat und nach der Wahl von Präsident Mohamed Mursi fort. Mindestens sechs Angriffe auf koptische Kirchen oder Gebäude fanden während der letzten Monate der Amtszeit des abgesetzten Präsidenten im Jahr 2013 statt. Keine ordnungsgemässe Untersuchung wurde bisher durchgeführt, um die Rolle und die Verantwortung der Sicherheitskräfte bei den gewalttätigen Übergriffen zu untersuchen.