Peter Greste (links) und Mohamed Fadel Fahmy (Mitte) bei der Verkündung ihres Gerichtsurteils am 23. Juni  2014 in Kairo  © KHALED DESOUKI/AFP/Getty Images
Peter Greste (links) und Mohamed Fadel Fahmy (Mitte) bei der Verkündung ihres Gerichtsurteils am 23. Juni 2014 in Kairo © KHALED DESOUKI/AFP/Getty Images

Wir stehen an der Seite der inhaftierten Journalisten in der Türkei

Von Peter Greste und Mohamed Fahmy
Das Schlimmste im Gefängnis ist die psychische Belastung. Die Haftbedingungen können schlimm sein, aber solange du Nahrung, sauberes Wasser und ein Bett hast, kannst du körperlich überleben. Aber es ist das Gefühl der Hoffnungslosigkeit und der Isolation, das dich seelisch zermürben kann, oft mit fatalen Konsequenzen.

Uns hat es daher unglaublichen Auftrieb gegeben, als wir wenige Monate nach unserer Festnahme erfuhren, dass eine globale Kampagne für unsere Freilassung gestartet worden war.

Wir wurden 2013 in Ägypten festgenommen, wo wir als Journalisten für Al Jazeera tätig waren. In Verbindung mit unserer Tätigkeit wurden zahlreiche politisch motivierte Vorwürfe gegen uns erhoben. Als wir in diesen kalten, schmutzigen Zellen sassen, ohne zu wissen, wie es weitergehen würde, war es schwierig, optimistisch zu bleiben. Daher war es ein wahrer Lichtblick, als wir nach und nach erfuhren, dass die #FreeAJStaff-Kampagne (Kampagne für die Freilassung der Al-Jazeera-Mitarbeiter, Anm. der Redaktion) weltweit immer mehr an Fahrt aufnahm.

Es erinnerte uns daran, dass man uns nicht vergessen hatte, und machte uns gleichzeitig bewusst, dass wir Teil einer grösseren Sache waren. Es half uns, die langen Tage im Gefängnis zu überstehen und gab uns in den düstersten Momenten neue Kraft. Und, was am wichtigsten war: Letztlich trug die Kampagne dazu bei, dass wir aus der Haft entlassen wurden.

Auf der ganzen Welt hatten sich unzählige Menschen gemeinsam für unsere Freiheit eingesetzt, weil sie empört darüber waren, welches Unrecht uns angetan wurde. Sie sahen, dass wir auf Grundlage konstruierter Anschuldigungen inhaftiert waren, und machten sich gemeinsam für uns stark. Und es funktionierte.

Jetzt müssen wir diese Kraft dringend noch einmal mobilisieren.

In der Türkei spielen sich gerade tragische Szenen ab. Unabhängiger Journalismus wird dort systematisch ausgeschaltet. Redaktionen werden geschlossen, Gefängnistüren schlagen zu, und eine geradezu gespenstische Stille legt sich über die ehemals dynamische und vielfältige türkische Medienlandschaft.

Seit dem gescheiterten Putschversuch vom Juli 2016 geht Präsident Recep Tayyip Erdoğan mit einer solchen Härte gegen die Meinungsfreiheit vor, dass unabhängiger Journalismus dort so gut wie gar nicht mehr existiert. Mindestens 156 Medien wurden geschlossen; geschätzte 2.500 Journalisten sowie andere Medienschaffende verloren ihre Arbeit. Yonca Şık, Ehefrau des Investigativjournalisten Ahmet, der sich seit Dezember 2016 in Untersuchungshaft befindet, sagt: «Ahmets Inhaftierung ist eine Warnung an andere: Erhebt ruhig eure Stimme, wenn ihr euch traut!»

Das aggressive Vorgehen gegen den unabhängigen Journalismus in der Türkei ist schwer zu ertragen. Was uns persönlich am meisten beschäftigt, ist das Schicksal der mehr als 120 Medienschaffenden, die nach dem Putschversuch festgenommen wurden und im Gefängnis sitzen.

Nach unserer eigenen Festnahme in Ägypten waren wir zunächst geschockt und dachten, es sei alles ein schrecklicher Fehler, der bald korrigiert werden würde. Nie hätten wir geglaubt, dass wir letztlich hunderte Tage im Gefängnis verbringen würden, wo wir unter entsetzlichen Bedingungen auf unser Gerichtsverfahren warten mussten.

Die ägyptischen Gefängnisse waren voll mit Menschen, die sich gegen die Regierung ausgesprochen oder Kritik geäussert hatten. Wir können uns nur zu gut vorstellen, wie es sein muss, jetzt in einem türkischen Gefängnis zu sitzen – und wie sich unsere Kollegen fühlen müssen.

In Ägypten wurden wir entweder in Zellen gesteckt, die so überfüllt waren, dass wir uns noch nicht einmal hinsetzen konnten, oder wir wurden in Einzelhaft gehalten, wo wir oft Angst hatten, den Verstand zu verlieren. Die Einsamkeit und Langeweile lassen sich nur schwer beschreiben.

Auch wenn die Situation der in der Türkei inhaftierten Journalisten nicht dieselbe ist wie unsere in Ägypten, verstehen wir doch ihre Verzweiflung und ihre Frustration. Was die Lage in der Türkei ganz besonders widerwärtig macht, ist die Tatsache, dass die dortige Regierung nach wie vor abstreitet, Journalisten aufgrund ihrer Arbeit zu inhaftieren. Die persönlichen Schicksale und Identitäten dieser Menschen werden einfach ausgelöscht. Deshalb ist es so wichtig, dass wir uns von aussen für sie einsetzen.

#FreeAJStaff begann als eine kleine Twitter-Aktion, die sich in nur wenigen Wochen in eine globale Bewegung verwandelt hatte. Die sozialen Medien waren perfekt dafür geeignet, dafür zu sorgen, dass sich die Bewegung schnell immer weiter verbreiten und auf eine Sache aufmerksam machen konnte, die anderenfalls hätte unterdrückt werden können.

In den dunkelsten Stunden unserer Haft – als sich der Kampf gegen die Maschinerie der Ungerechtigkeit besonders hoffnungslos anfühlte; als wir vergessen hatten, wie ein Sonnenuntergang aussah – fühlte es sich manchmal so an, als hätten wir aufgehört zu existieren. Es wäre leicht gewesen, sich dem Schicksal zu ergeben. Doch wir wussten, dass es Menschen gab, die an uns dachten, und das hat uns immer wieder Hoffnung gegeben.

Und weil wir wissen, wie wichtig diese Kampagne in Zeiten der Not für uns war, unterstützen wir die #FreeTurkeyMedia-Kampagne. Wir möchten, dass alle Journalisten, die sich in der Türkei im Gefängnis befinden, wissen, dass wir an ihrer Seite stehen. Sie sollen wissen, dass die Tage und Wochen, die sie hinter Gittern verbringen, nicht vergebens sind – egal wie trostlos, egal wie beängstigend.

Sie stehen für das Recht auf freie Meinungsäusserung ein: für das Recht der Öffentlichkeit auf Information und für die Bedeutung einer freien Presse in einer funktionierenden Gesellschaft, und zwar nicht nur in der Türkei, sondern auf der ganzen Welt.

Manchmal erkennt man die Bedeutung einer Sache erst, wenn sie einem weggenommen wird. Doch eines steht fest: Eine Gesellschaft, in der Menschen nicht das Recht haben, frei zu berichten, ist eine Gesellschaft in Gefahr. Ohne unabhängigen Journalismus könnten wir nicht öffentlich frei diskutieren, könnten wir die Mächtigen nicht zur Verantwortung ziehen, könnten Menschenrechtsverstösse nicht verhindert oder untersucht werden.

Wenn Journalisten inhaftiert werden, hat das eine abschreckende Wirkung auf alle anderen, sich und ihre Meinung frei zu äussern. Es geht #FreeTurkeyMedia darum, Medienschaffende aus dem Gefängnis zu holen. Gleichzeitig geht es aber auch darum, für die Menschenrechte in der Türkei einzutreten und der ganzen Welt klar zu machen, dass das Recht auf freie Meinungsäusserung nicht verhandelbar ist.

Über 400 Tage in ägyptischer Haft haben wir in der Gewissheit überstanden, dass sich Menschen auf der ganzen Welt für unsere Freilassung einsetzten. Damals war es wichtig, im Rahmen der #FreeAJStaff-Kampagne unsere Freilassung zu fordern. Jetzt ist es wichtig, dass wir uns für all die Journalisten einsetzen, die nur deshalb in Haft sind, weil sie ihre Arbeit gemacht haben. Deshalb unterstützen wir die Aktion #FreeTurkeyMedia.

Greste und Fahmy befanden sich von Dezember 2013 bis März 2016 mehrere hundert Tage in ägyptischer Haft. Beide Autoren leben heute in Kanada. Peter Greste ist freier Journalist. Mohamed Fahmy arbeitet als Kolumnist beim Toronto Star und als freier Journalist.