Amal Fathy und ihr Mann Mohamed Lotfy. Mohamed Lotfy ist in Genf aufgewachsen und hat dort studiert. Er und ihr gemeinsamer dreijähriger Sohn haben die Schweizer Staatsbürgerschaft.
Amal Fathy und ihr Mann Mohamed Lotfy. Mohamed Lotfy ist in Genf aufgewachsen und hat dort studiert. Er und ihr gemeinsamer dreijähriger Sohn haben die Schweizer Staatsbürgerschaft.

Ägypten «Meine Frau ist in Ägypten in Haft, weil sie sexuelle Gewalt verurteilt hat»

Der Beitrag von Mohamed Lofty erschien erstmals auf Englisch in der Huffingtonpost (17.08.2018).
Amal Fathy ist am 11. Mai 2018 verhaftet worden, weil sie auf Facebook ein Video veröffentlicht hat, in dem sie sexuelle Belästigung verurteilt und die Untätigkeit der ägyptischen Regierung kritisiert. Sie wurde zunächst für 15 Tage in Haft gesetzt. Später eröffnete die Staatsanwalt eine weitere Anklage und verhörte Amal Fathy über ihre angeblichen Verbindungen zu einer Jugendbewegung. Nun beginnt der Prozess gegen sie, obwohl die Anklagepunkte völlig unklar sind. Mohamed Lotfy, den Ehemann von Amal Fathy, ein prominenter ägyptischer Menschenrechtsverteidiger und langjähriger Amnesty-Researcher, der zahlreiche politische Gefangene und deren Angehörige getroffen hat, bricht es das Herz, seine Frau hinter Gittern zu sehen.

Als Researcher zu Menschenrechtsverletzungen habe ich zahllose Gefangene und deren Angehörige interviewt. Jedes Interview ist erschütternd, aber den Schmerz der Betroffenen habe ich nie ganz erfasst, bis ich selber die gleiche Erfahrung machen musste.

Aber in Ägypten werden nicht die Täter bestraft, sondern die Opfer, wenn sie an die Öffentlichkeit gehen.
Mohamed Lotfy, Amal Fathys Ehemann

Es zu sehen und zu erleben ist tausendmal schlimmer als ich es mir je hätte vorstellen können.

Als meine Frau Amal verhaftet wurde, war ich schockiert und bitter enttäu-scht. Sie hat nichts getan, was irgendwie gefährlich gewesen wäre. Sie hat keinerlei Verbrechen begangen. Sie hat sich nur gegen sexuelle Belästigung geäussert. Aber in Ägypten werden nicht die Täter bestraft, sondern die Opfer, wenn sie an die Öffentlichkeit gehen.

Jede und jeder weiss, dass es in Ägypten und auf der ganzen Welt sexuelle Gewalt gibt. Aber in meinem Land ist sie so allgegenwärtig geworden, dass sie kein Thema mehr ist. Wer sich weigert, das zu akzeptieren, macht sich zum Aussenseiter, zur Aussenseiterin. Das ist mit Amal geschehen. Sie hat sich entschieden, Widerstand zu leisten und ihre Erfahrungen zu teilen – und dafür wird sie nun bestraft.

Seit Mai habe ich die Verhaftung meiner Ehefrau angefochten. In der ersten Anklage, in der es um das Video auf Facebook geht, welches sexuelle Gewalt verurteilt, wurde die Freilassung gegen Kaution verfügt. Aber sie verblieb dennoch in Untersuchungshaft unter den Vorwürfen, einer «terroristischen Gruppierung anzugehören», eine «Webseite verwendet» zu haben, «um Ideen zu verbreiten, die zu terroristischen Handlungen aufrufen», sowie «vorsätzlich Falschinformationen verbreitet» zu haben, welche «die öffentliche Sicherheit und das öffentliche Interesse gefährden» könnten.

So steht sie nun als Angeklagte vor Gericht, obwohl die präzisen Straf-tatbestände, derer sie beschuldigt werden soll, nach wie vor unklar sind. Die erste Anhörung fand am 11. August vor dem Maadi Misdemeanours-Gericht in Kairo statt.

Die Vorwürfe gegen Amal Fathy entbehren jeder Grundlage. Sie sind absurd und lächerlich.

Amal ist also nach wie vor hinter Gittern. Und obwohl sie alles Lebensnotwendige erhält, mache ich mir Sorgen um sie.

Ja, sie ist eine starke Frau, die davon träumt, Schauspielerin zu werden. Sie ist gesellig, direkt, ehrlich, und sie liebt es zu lachen. Doch das Gefängnis kann selbst die Stärksten zerstören.

Amal leidet unter einer Depression, und sie erhält nicht die Medikamente, die sie brauchen würde. Kürzlich hatte sie Komplikationen mit ihrem linken Bein, und es dauerte mehr als zwei Wochen, bis ihr das Gefängnis die richtigen Medikamente gab. Niemand von uns versteht, warum sie überhaupt dort ist – und die Tatsache, dass sie vor Gericht steht, nur weil sie eine Meinung hat, ist lächerlich. Wir sind Menschen, die das Recht haben, Ideen auszutauschen und unsere Hoffnungen und Ängste zu teilen, damit wir unser Leben verbessern können. Wir müssen die Möglichkeit haben, uns frei zu äussern.

Ich muss stark bleiben – für Amal und unseren dreijährigen Sohn. Wenn ich Amal im Gefängnis besuche, versuche ich mein Bestes, ihre Moral zu heben – und meine eigene. Es ist unglaublich zu sehen, wie viele Menschen sich für Amal einsetzen und ihre Freilassung fordern. Unterstützerinnen und Unter-stützer von Amnesty International haben Briefe geschrieben – und es ist berührend zu sehen, wie viele Leute solidarisch hinter uns stehen. Es gibt uns beiden die Energie, nicht aufzugeben. Mit so vielen Menschen hinter uns fühlen wir uns nicht allein – und wir werden nicht aufgeben.

In der Schwebe zu leben ist für uns alle frustrierend. Mein Sohn und ich hoffen jeden Tag, Amal werde bald freigelassen. Wenn die Haft dann wieder verlängert wird, bricht es uns das Herz, und der Kreis beginnt immer wieder neu, so auch jetzt, als ihr Fall vor Gericht kommt.

Die ägyptischen Behörden brauchen die absurden Anklagen, um kritische Stim-men und Journalistinnen und Journalisten zum Schweigen zu bringen. Meine Frau war so mutig, über ihre Erfahrungen über sexuelle Belästigung und Gewalt in Ägypten zu berichten. Für ihren Mut gebührt ihr Applaus – und kein Strafprozess.

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