Stadtteil von Beirut Juni und August 2006 © Digital Globe, Inc.
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Israel / Libanon: Neuer Bericht Vorsätzliche Zerstörung von ziviler Infrastruktur

23. August 2006
Israel hat im jüngsten Konflikt mit der Hisbollah im Libanon eine Politik der bewussten Zerstörung von ziviler Infrastruktur betrieben. Diese Zerstörungen seien zum Teil Kriegsverbrechen, erklärt Amnesty International in einem heute veröffentlichten Bericht.

Die Zerstörung von Tausenden von Häusern und die zahllosen Bombenangriffe auf Brücken und Strassen sowie auf Wasserwerke und Öllager waren ein fester Bestandteil der israelischen Militärstrategie im Libanon und nicht «Kollateralschäden» bei der gesetzeskonformen Bekämpfung militärischer Ziele. Zu diesem Schluss kommt AI in ihrem heute veröffentlichten Bericht zum vierwöchigen bewaffneten Konflikt zwischen Israel und der Hisbollah-Miliz: «Deliberate destruction or ‚collateral damage’? Israeli attacks against civilian infrastructure». Der Bericht unterstützt die Forderung nach einer dringenden, umfassenden und unabhängigen Uno-Untersuchung über gravierende Verletzungen des humanitären Völkerrechts durch die Hisbollah und durch Israel.

«Die Behauptung Israels, die Angriffe gegen die Infrastruktur seien gesetzeskonform gewesen, ist offensichtlich falsch. Viele der in unserem Bericht belegten Verstösse, wie beispielsweise wahllose und unverhältnismässige Attacken, sind Kriegsverbrechen», erklärt Kate Gilmore, die stellvertretende Generalsekretärin von Amnesty International. «Die Untersuchungen vor Ort zeigten, dass die massiven Zerstörungen von Elektrizitäts- und Wasserwerken sowie der für Nahrung und andere humanitäre Hilfe lebensnotwendigen Transportwege und Infrastruktur bewusst vorgenommen wurden und fester Bestandteil einer Militärstrategie waren.»

Die israelische Regierung hatte erklärt, dass Positionen und Einrichtungen der Hisbollah ins Visier genommen worden seien und dass Schäden an ziviler Infrastruktur das Resultat der Hisbollah-Taktik seien, die Zivilbevölkerung als «menschliche Schutzschilder» zu missbrauchen. «Muster, Reichweite und Ausmass der Angriffe machen Israels Behauptung, dass es sich dabei um ‚Kollateralschäden’ handle, schlicht unglaubwürdig», sagt Gilmore.

Der heute veröffentlichte Bericht basiert auf Informationen aus erster Hand, die Untersuchungsdelegationen von AI in den letzten Tagen im Libanon und in Israel gesammelt haben. Die Recherchen vor Ort beinhalten sowohl Interviews mit Duzenden von Opfern, mit VertreterInnen der Uno, der israelischen Armee (IDF) und der libanesischen Regierung als auch offizielle Stellungnahmen und Medienberichte.

Der Bericht enthält Beweise für:

  • massive Zerstörungen von ganzen zivilen Stadtvierteln und Dörfern durch die israelische Armee;
  • Angriffe auf Brücken in Regionen ohne sichtbare strategische Bedeutung;
  • Angriffe auf Wasserpumpstationen, Wasseraufbereitungsanlagen und Supermärkte; sie verletzen das Verbot, Objekte anzugreifen, die für das Überleben der Zivilbevölkerung unerlässlich sind;
  • Aussagen von israelischen Militärbehörden, die darauf hindeuten, dass die Zerstörung der zivilen Infrastruktur tatsächlich eines der Ziele des israelischen Militärschlages war, um die libanesische Regierung und die Zivilbevölkerung gegen die Hisbollah aufzubringen.


Der Bericht deckt ein Muster von wahllosen und unverhältnismässigen Angriffen auf, die die Vertreibung von einem Viertel der Zivilbevölkerung des Libanon zur Folge hatten.

Amnesty International fordert deshalb, dass die Uno sofort eine umfassende, unabhängige und objektive Untersuchung über Verstösse gegen das humanitäre Völkerrecht durch beide Kriegsparteien einleitet. Die Untersuchung muss insbesondere die Folgen des Konflikts für die Zivilbevölkerung beinhalten. Die Verantwortlichen für Verbrechen gegen das Völkerrecht müssen zur Verantwortung gezogen und die Opfer müssen vollständig entschädigt werden.