In Gawa'la am Stadtrand von Aden spielen die Kinder ausserhalb eines halbgebauten Gebäudes, in welchem sieben Familien mit mehr als 20 Kindern leben. Sie gehören zu den kürzlich aus dem Hodeidah-Gebiet Vertriebenen. Die Uno schätzt, dass zwischen Dezember 2017 und Mai 2018 mehr als 100'000 Menschen in der Boden- und Luftoffensive vertrieben wurden © Amnesty International
In Gawa'la am Stadtrand von Aden spielen die Kinder ausserhalb eines halbgebauten Gebäudes, in welchem sieben Familien mit mehr als 20 Kindern leben. Sie gehören zu den kürzlich aus dem Hodeidah-Gebiet Vertriebenen. Die Uno schätzt, dass zwischen Dezember 2017 und Mai 2018 mehr als 100'000 Menschen in der Boden- und Luftoffensive vertrieben wurden © Amnesty International

Jemen Heftige Offensive vertreibt Zehntausende

22. Mai 2018
Besorgniserregende Erzählungen von Überlebenden, die aus umkämpften Gebieten im Westen geflohen sind, berichten von einer Reihe von Menschen- und Völkerrechtsverletzungen aller Konfliktparteien. Es besteht die Gefahr, dass sich die Kämpfe weiter in dicht besiedelte Gebiete ausbreiten.

Zivilistinnen und Zivilisten kämpfen inmitten heftiger Boden- und Luftangriffe in westlichen Küstenregionen Jemens ums Überleben. Doch das Schlimmste könnte noch bevorstehen, warnt Amnesty International nach intensiven Recherchen im Süden des Landes.

Bei einer Krisenmission interviewten MitarbeiterInnen von Amnesty International 34 Zivilpersonen, die zwischen Januar und Anfang Mai aus mehreren Dörfern und Städten im Gouvernement Hodeidah vertrieben worden waren und sich nun im Süden des Landes befinden.

Die Betroffenen erzählten von schrecklichen Mörserangriffen, Luftangriffen, Landminen und anderen Gefahren, denen sie aufgrund einer neuer Offensive ausgeliefert waren. Bei dieser Offensive versuchen Koalitionstruppen der international anerkannten jemenitischen Regierung sowie Bodentruppen und die Luftwaffe der saudi-arabischen Koalition die bewaffnete Gruppe der Huthi zurückzudrängen.

«Die menschlichen Folgen dieser neuen Militäroffensive an der Westküste Jemens werden deutlich, wenn man die besorgniserregenden Erzählungen von Zivilistinnen und Zivilisten hört, die durch diesen Konflikt vertrieben wurden. Sie lassen erahnen, was noch auf dem Spiel steht, sollten sich die Kämpfe auf die dichter besiedelte Hafenstadt Hodeidah ausbreiten», sagt Rawya Rageh, Leiterin der Recherchen für Amnesty International im Jemen.

«Wir sind sehr besorgt über willkürliche Attacken und andere Menschenrechtsverletzungen, die offenbar derzeit im Jemen stattfinden. Alle Konfliktparteien haben eine Verpflichtung, Zivilpersonen zu schützen. Die Konfliktparteien riskieren das Leben und die Existenzgrundlage von Tausenden», sagt Rageh.

Nach Angaben der Vereinten Nationen haben aktuelle Zusammenstösse entlang der Westküste Jemens in den letzten Monaten rund 100'000 Menschen vertrieben – die meisten von ihnen aus dem Gouvernement Hodeidah.

Zivilpersonen tragen Hauptlast der Offensive

Seit Beginn der Offensive im Dezember 2017 sind Zivilpersonen einer Reihe von Menschen- und Völkerrechtsverletzungen beider Konfliktparteien ausgeliefert:

Überlebende erzählen, dass Huthi-KämpferInnen wiederholt mit Mörsern in bewohnte zivile Gebiete gefeuert hätten. Laut einem Augenzeugen aus Hays schlug eine Mörsergranate am 25. März in den Hof eines Krankenhauses ein, verletzte seinen 13-jährigen Sohn und tötete einen Apotheker und eine Krankenschwester. Der Einsatz von Mörsern in der Nähe von zivilen Einrichtungen ist völkerrechtlich verboten.

Huthi-Truppen gefährden die Zivilbevölkerung weiter, indem sie Truppen und Fahrzeuge in zivilen Wohnvierteln stationieren. Überlebende erzählten, dass sie Strassen vermint und Zivilpersonen daran gehindert hätten, das Gebiet zu verlassen. In anderen Fällen hätten sie Menschen aus ihren Häusern in Gebiete vertrieben, über die die Regierung kürzlich die Kontrolle verloren hatte.

Überlebende erzählten, dass Luftangriffe der von Saudi-Arabien geführten Koalition ZivilistInnen getötet hätten und sie ständig Angst um ihr Leben gehabt hätten. Vertriebene beschrieben, wie drei Zivilpersonen bei zwei Luftangriffen in Zabid und al-Jarrahi im Januar getötet wurden.

«Es sind Zivilistinnen und Zivilisten, die am stärksten gefährdet sind und die Hauptlast dieser neuen Offensive im Jemen-Krieg tragen müssen. Alle Konfliktparteien müssen sich an das humanitäre Völkerrecht halten und Vorkehrungen treffen, um die Zahl ziviler Opfer und die Zerstörung von Häusern und ziviler Infrastruktur zu minimieren», sagt Rawya Rageh.

Massenflucht von der Westküste


Verminte Strassen, Kontrollpunkte der Huthi und andere Gefahren auf dem Weg machten für einige die Flucht in den Süden des Landes zur schrecklichen Prüfung: Für eine Fahrt nach Aden – die im Durchschnitt sechs Stunden dauert – benötigte man nun bis zu drei Tage.

Eine Frau sagte, sie habe eine Fehlgeburt erlitten, sobald sie in Aden angekommen sei. Sie schrieb das der Angst und Erschöpfung, die die Reise verursacht habe, zu.

Andere erzählten von Bussen fliehender Zivilpersonen, die von Landminen und anderen Sprengkörpern zerfetzt worden waren. Die Sprengkörper waren angeblich von Huthis gestreut worden, um den Vormarsch der Regierungstruppen zu verhindern. Zwei Menschen sagten, sie hätten abgetrennte Körperteile entlang der Route gesehen. Ein Bauer, der in einem Krankenhaus interviewt wurde, in dem seine Tochter auf der Intensivstation liegt, sagte, dass er in der ersten Maiwoche mit seinen acht Kindern und anderen Familienmitgliedern geflüchtet und über eine Landmine gefahren sei. Sie habe seine 13-jährige Tochter schwer verletzt und die Grossmutter seiner Frau getötet.

Hintergrund

Laut dem UN-Hochkommissariat für Menschenrechte sind nach dem Stand vom Februar 2018 seit dem Beginn des bewaffneten Konflikts im März 2015 mehr als 5974 Zivilpersonen ums Leben gekommen und mehr als 9493 verletzt worden. Amnesty fordert, dass alle Konfliktparteien sich an ihre Verpflichtungen aus dem humanitären Völkerrecht halten und ruft Staatengemeinschaft auf, endlich ein umfassendes Waffenembargo zu verhängen und sämtliche Waffenlieferungen an alle im Jemen-Konflikt beteiligten Parteien unverzüglich zu stoppen.