Demonstrationzug zum Begräbnis von Tamer Mohamed al-Shar'i in Dera'a, Juni 2011. Der Leichnam wurde den Angehörigen mit Folterspuren übergeben, nachdem der 15-Jährige am 29. April verhaftet worden war ©MsAboMalik
Demonstrationzug zum Begräbnis von Tamer Mohamed al-Shar'i in Dera'a, Juni 2011. Der Leichnam wurde den Angehörigen mit Folterspuren übergeben, nachdem der 15-Jährige am 29. April verhaftet worden war ©MsAboMalik

Syrien Starke Zunahme von Todesfällen in den Gefängnissen

31. August 2011
Todesfälle in syrischen Gefängnissen haben in besorgniserregendem Ausmass zugenommen. In einem neuen Bericht dokumentiert Amnesty International für den Zeitraum vom 1. April bis zum 15. August 2011 88 Todesfälle von Häftlingen, die im Zuge der Repression gegen die Protestbewegung verhaftet worden sind. Darunter befinden sich auch 10 Kinder. In mindestens 52 Fällen gibt es deutliche Hinweise auf Folter oder Misshandlung.

Seit Monaten gehen die syrischen Sicherheitskräfte mit brutaler Gewalt gegen die Protestbewegung vor. Amnesty International führt eine Liste mit den Namen von mehr als 1800 Personen, die seit Beginn der Protestwelle getötet worden sind. Seit März 2011 finden im ganzen Land Massenverhaftungen statt.

Gleichzeitig hat die Zahl von Todesfällen in syrischen Gefängnissen besorgniserregend zugenommen. Im neuen Report «Deadly detention: Deaths in custody amid popular protest in Syria» dokumentiert Amnesty International 88 Fälle von Personen, die zwischen dem 1. April und dem 15. August 2011 verhaftet worden und danach in Haft umgekommen sind.

Drastische Zunahme

Die 88 Todesfälle in Haft sind eine drastische Zunahme. In den letzten Jahren hat Amnesty International jeweils von rund 5 Fällen pro Jahr erfahren. «Eine solche Häufung von Todesfällen hinter Gittern kann kein Zufall sein. Sie sind wohl die Folge derselben tödlichen Gewalt, die täglich auf syrischen Strassen ausgeübt wird», sagte Reto Rufer, Kampagnenkoordinator der Schweizer Sektion von Amnesty International für den arabischen Raum. «Die Hinweise auf Folter, die wir erhalten haben, sind schockierend. Das syrische Regime verfolgt die Opposition systematisch und mit grosser Brutalität.»

Bei den 88 Todesfällen handelt es sich um Männer, die wegen ihrer - tatsächlichen oder vermuteten - Teilnahme an den anhaltenden Massendemonstrationen festgenommen worden sind. Sie stammen aus den Bezirken Damaskus, Rif Damashq, Idlib, Hama, Aleppo und insbesondere Homs und Dera’a. Unter den Toten sind auch zehn Kinder im Alter von 13 bis 18 Jahren.

Folter als wahrscheinliche Todesursache

In mindestens 52 Fällen verfügt Amnesty International über gewichtige Hinweise, dass Folter und Misshandlung zum Tod geführt oder zumindest dazu beigetragen haben. Die Organisation hat 45 Videoclips analysiert, die Angehörige und MenschenrechtsaktivistInnen aufgenommen haben, nachdem die Leichen freigegeben worden sind. 20 dieser Aufnahmen wurden unabhängigen forensischen ExpertInnen vorgelegt. Die dokumentierten Verletzungen legen die Vermutung nahe, dass die Getöteten brutalster Gewalteinwirkung ausgesetzt waren: Die Körper der Leichen zeigen Spuren massivster Schläge, Verbrennungen und Schnittverletzungen.

UN-Sicherheitsrat muss endlich handeln

«Zusammen mit der weit verbreiteten und systematischen Gewalt bei der Niederschlagung der Proteste könnten diese gehäuften Todesfälle in syrischen Gefängnissen den Tatbestand der Verbrechen gegen die Menschlichkeit erfüllen», meint Reto Rufer. Amnesty International ruft daher den UN-Sicherheitsrat dringend auf, den Internationalen Strafgerichtshof (ICC) mit Ermittlungen zu beauftragen, ein umfassendes Waffenembargo zu erlassen sowie die Vermögenswerte von Präsident Assad und führender Mitglieder des Regimes zu sperren.

«Im Gegensatz zu den Massnahmen der Schweiz oder der EU ist die Reaktion des UN-Sicherheitsrates bisher völlig ungenügend. Neben China und Russland sperrten sich namentlich Indien, Brasilien und Südafrika gegen eine griffige Resolution. Es ist zwar spät, aber nicht zu spät für entschiedenes Handeln auch seitens des Sicherheitsrates».

Zur Online-Dokumentation mit Bildern und Videos zu den 88 Todesfällen sowie von Solidaritätskundgebungen und Mahnwachen aus aller Welt (darunter Bern) auf www.eyesonsyria.org (engl.)