Mehrere Menschen wurden bei diesem Trauerzug in Aleppo von Soldaten und Sicherheitskräften verwundet oder getötet. © AI
Mehrere Menschen wurden bei diesem Trauerzug in Aleppo von Soldaten und Sicherheitskräften verwundet oder getötet. © AI

Syrien «Es dauerte nicht lange, bis sie das Feuer eröffneten»

Amnesty-Expertin Donatella Rovera hat in der syrischen Stadt Aleppo beobachtet, wie Armee und Sicherheitskräfte die friedlichen Proteste brutal niederschlugen. In ihrem Bericht schildert sie ihre Erlebnisse.

Jede der Demonstrationen, die ich drei Tage lang in Aleppo beobachten konnte, endete auf dieselbe Weise: Die Armee, Sicherheitskräfte und die Shabiha – die berüchtigte Miliz, die der Regierung einige Drecksarbeit abnimmt – eröffneten das Feuer auf friedliche Demonstrierende, die keinerlei Bedrohung für sie (oder irgendjemand anderen) darstellten.

Am Freitag, den 25. Mai 2012, kamen dabei mindestens sieben Menschen ums Leben, darunter mindestens zwei Kinder, und Dutzende wurden bei Demonstrationen und Beisetzungen in Aleppo verletzt.

Eines der Todesopfer ist Amir Barakat, ein 13-jähriger Schüler. Er starb an einem Bauchschuss. AugenzeugInnen berichteten mir, dass der Junge zu Fuss in der Nähe seines Elternhauses unterwegs war, als plötzlich genau dort Demonstrierende vor Sicherheitskräften flohen, die das Feuer auf sie eröffnet hatten.

Ein weiteres Opfer war der 16-jährige Schüler Mo'az Lababidi, der nachts in einem Supermarkt gearbeitet hat, um seine Mutter und seine Schwestern zu ernähren. Nach dem Tod seines Vaters vor drei Jahren musste er für das Auskommen der Familie sorgen. Er wurde vor der Polizeiwache des Bezirks Bustan al-Qasr südlich des Zentrums in die Brust geschossen, als er an dem Trauerzug für einen von vier Demonstrierenden teilnahm, die alle am selben Tag bei einer Demonstration in der Gegend erschossen worden waren. Ein anderer Trauernder, der sich in dem Leichenzug unmittelbar neben Mo'az Lababidi befand, erzählte mir, dass dieser sofort tot war.

Trauerzug attackiert

Ich konnte den Trauerzug von Anfang an verfolgen. Junge Männer stellten die Mehrzahl der Trauernden, aber es nahmen auch viele Frauen und Kinder daran teil.

Wie bei allen Demonstrationen, die ich beobachtete, klatschten die Teilnehmenden mit erhobenen Armen in die Hände, um zu zeigen, dass sie unbewaffnet waren, und riefen dabei «silmiya, silmiya» («friedlich, friedlich»). Sie skandierten Parolen zu Ehren der jüngsten Todesopfer, und forderten Präsident Bashar al-Assad auf zu gehen. Nach etwa 20 Minuten tauchten Soldaten und Shabihas in Zivil auf. Sie trugen Kalaschnikows und Gewehre, deren Metallschrotkugeln tödlich sind, und begannen, die Demonstrierenden einzukreisen.

Es dauerte nicht lange, bis sie das Feuer eröffneten, und die Menschen um ihr Leben laufen mussten. Mehrere Menschen wurden dabei verletzt oder getötet, unter ihnen Mo'az Lababidi. Am selben Tag hatte ich schon eine andere Demonstration beobachtet. Sie fand im Stadtteil Salaheddine südwestlich des Zentrums von Aleppo statt. Es war eine der traditionellen Demonstrationen nach dem Freitagsgebet. An der Demonstration nahmen überwiegend junge Leute teil.

Sie liefen von zwei Moscheen aus in Richtung Salaheddine-Platz und skandierten regierungskritische Parolen. Sie hatten den Platz noch nicht ganz erreicht, als Soldaten und Shabihas in Zivil das Feuer auf sie eröffneten. Demonstrierende und PassantInnen mussten in die umliegenden Gassen in Deckung gehen. LadenbesitzerInnen und Kunden brachten sich so gut es ging in den Geschäften in Deckung. Nach wenigen Minuten war es vorbei. Ein Junge, Anas Qureishi, lag tot am Boden, mehrere andere waren verletzt.

Ich sah, wie einige der Soldaten und Shabihas wieder in einen Bus einstiegen – ein ganz normaler Bus ohne Kennzeichnung – und davonfuhren. Andere entfernten sich zu Fuss bis ans Ende der Strasse, wo zwei Polizeifahrzeuge und ein nicht gekennzeichneter Pickup auf sie warteten.

Geheime «Lazarette»

Als die Soldaten und Shabihas weg waren, suchte ich nach den Verwundeten. Wo? Nicht in den Krankenhäusern, denn wer bei einer Demonstration verletzt wird, fürchtet, bei einer Behandlung im Krankenhaus festgenommen zu werden. Die Angst ist berechtigt, da schon viele aus dem Krankenbett heraus in Haft genommen wurden.

Die Verwundeten müssen sich verstecken und sind auf ÄrztInnen und KrankenpflegerInnen angewiesen, die sie in geheimen, mobilen «Lazaretten» in den Wohnungen gleichgesinnter Menschen behandeln. Die ÄrztInnen und PflegerInnen riskieren – ebenso wie die WohnungsbesitzerInnen – Haft und Folter, weil sie Verwundeten das Leben retten.

Einige der Verletzten fand ich in einem solchen «Lazarett». Als ich dort eintraf, behandelten die Ärzte gerade einen am Boden liegenden Patienten. Einer der Verletzten hatte sehr hässliche Wunden, eine Kugel hatte seinen linken Oberschenkel durchquert und eine grosse Austrittswunde hinterlassen, ehe sie im rechten Oberschenkel steckenblieb.

Den ÄrztInnen war es gelungen, die Kugel zu entfernen und den Blutverlust zu stoppen. Jetzt nähten sie die Wunde so schnell wie möglich zu – denn da ein solches «Lazarett» jederzeit entdeckt werden kann, muss immer alles sehr schnell gehen. Nach der Behandlung werden die PatientInnen so bald wie möglich aus dem Gefahrenbereich herausgeholt – wer schwer verletzt ist, wird aus der Stadt gebracht, manche ausser Landes und in die Türkei.

Sie reisen auf landwirtschaftlichen Wegen, um Armeekontrollposten zu umgehen, und verlassen Syrien «illegal». An den offiziellen syrischen Grenzübergängen würde man sie festnehmen. Angst vor Verhaftung haben nicht nur verwundete Demonstrierende. Auch verwundete PassantInnen sind gefährdet, denn offenbar schlussfolgern die Behörden, dass Leute, die von der Armee, den Sicherheitskräften oder von Shabiha-Milizionären verletzt werden, an Demonstrationen teilgenommen haben müssen und nehmen sie deshalb fest.

Soldaten schiessen in die Menge

Später traf ich die Familie eines bei den Demonstrationen getöteten Jungen. Sie berichteten mir, dass er draussen in der Nähe des Elternhauses gestanden und die Demonstrierenden beobachtet habe und erschossen wurde, als Soldaten begannen, in die Menge und die Umgebung zu schiessen. Sie erzählten auch, dass sie bei der Polizei eine Erklärung unterschreiben werden, dass der Junge von einer «bewaffneten Bande» erschossen wurde, da sie keine Schwierigkeiten mit den Behörden bekommen wollen.

«Die Armee hat meinen Bruder getötet», sagte mir seine Schwester. «Sie werden uns bestrafen, wenn wir uns darüber beschweren. Es bringt andere Familienmitglieder in grosse Gefahr, also müssen wir sagen, dass mein Bruder von einer bewaffneten Bande oder einer Gruppe von Terroristen getötet wurde, irgendetwas; Hauptsache, sie lassen uns in Ruhe.»

Zu falschen Angaben gezwungen

Ein junger Mann, der bei einer Demonstration von der Armee in den Bauch geschossen wurde, erzählte mir, dass man ihn wegen der lebensgefährlichen Verletzung in ein staatliches Krankenhaus gebracht habe. Er musste einen Sicherheitsbeamten bestechen, um nicht dazu befragt zu werden, wie er sich die Verletzung zugezogen hatte, und bei der Polizei ein Schriftstück unterzeichnen, in dem er erklärte, dass er von einer «Terrorgruppe» angeschossen wurde.

Am nächsten Tag beobachtete ich einen weiteren Trauerzug, der sich zu einer Demonstration entwickelte. Die Demonstration dauerte ausnahmsweise ganze zwei Stunden und die Protestierenden konnten eine Strecke von zwei bis drei Kilometer zurücklegen – aus dem Bezirk Seif al-Dawla bis in den Stadtteil Mashhad. Die Leute spekulierten darüber, dass die Armee und die Sicherheitskräfte möglicherweise Anweisung erhalten hatten, die Demonstration nicht aufzulösen, da bei den Demonstrationen des Vortages so viele Menschen verletzt und getötet worden waren.

Doch nach zwei Stunden eröffneten die Soldaten wieder willkürlich das Feuer. Sie schossen sowohl in die Luft – ein gefährliches Vorgehen in einer so dicht und hoch bebauten Gegend – als auch auf die Demonstrierenden. Einige der Demonstrierenden wurden getroffen. Es gibt also noch mehr Arbeit für die mutigen ÄrztInnen und PflegerInnen, die mit ihren Arzttaschen immer in Bereitschaft sind, um den nächsten Schwung Verletzte zu behandeln.

Die jungen Leute, mit denen ich gesprochen habe, auch die Verletzten, meinten alle, sie hätten nicht die Absicht, ihre Proteste einzustellen.

Solange die internationale Gemeinschaft wegsieht, werden sich die ÄrztInnen und KrankenpflegerInnen in den mobilen «Lazaretten» weiter in Gefahr bringen, während sie verzweifelt versuchen, das Leben derer zu retten, die durch die nicht zu rechtfertigende Gewalt der Sicherheitskräfte und ihrer Miliz verwundet werden.

Diese schweren Menschenrechtsverletzungen dürfen nicht länger straffrei weitergehen.

Von Donatella Rovera
Expertin für Krisengebiete bei Amnesty International

4. Juni 2012