Schlacht um Aleppo Zivilpersonen zahlen den Preis

Mit erschütternden Zeugenaussagen belegen ein Medien-Briefing sowie Videomaterial von Amnesty International die dramatischen Auswirkungen der Kämpfe in Aleppo auf die Bevölkerung. Die Informationen beruhen auf einer zehntägigen Untersuchung der Amnesty-Krisenbeauftragten Donatella Rovera in der ersten Augusthälfte.

Das 11-seitige Dokument: «Civilians bearing the brunt in the battle for Aleppo» zeigt auf, wie unbeteiligte Zivilisten, darunter zahlreiche Kinder, immer häufiger zu Opfern werden. Zunehmend sind sie auch die Zielscheibe von Luft- und Artillerieangriffen der syrischen Armee.

So verliert eine Familie durch einen Bombenangriff auf einen Schlag zehn Angehörige, darunter sieben Kinder. Ein Spital, in dem die Überlebenden solcher Angriffe notdürftig versorgt werden, wird zweimal innerhalb von drei Tagen aus der Luft bombardiert. Auf Menschen, die um rar gewordenes Brot Schlange stehen, fällt unvermittelt eine Granate. Eine Familie, die eben erst in einen anderen Stadtteil geflüchtet ist, fällt an ihrem Zufluchtsort einem erneuten Bombenangriff zum Opfer. Diese und weitere Beispiele zeigen, wie das humanitäre Völkerrecht in Syrien derzeit mit Füssen getreten wird.

«Wie weit ist es mit uns gekommen, dass wir in unseren eigenen Häusern bombardiert werden?», fragt ein Vater, der bei einem Granatenangriff seine kleine Tochter, seine betagte Mutter und zwei weitere Verwandte verloren hat. Sein Sohn und seine Frau schweben noch immer in Lebensgefahr.

Einsatz von Waffen mit geringer Treffgenauigkeit

Der verbreitete Einsatz von Waffen mit grosser Streuwirkung - Bomben und Raketen aus der Luft, Artilleriegranaten und Mörser - in dicht besiedelten Wohngebieten fordert immer mehr zivile Opfer. Dies ist eine flagrante Verletzung des humanitären Völkerrechts. Es fehlt offenkundig der Wille, das Leben von unbeteiligten Männern, Frauen und Kinder zu schützen.

«In verschiedenen Stadtteilen sind Zivilpersonen einem alltäglichen Sperrfeuer von Luft- und Artillerieangriffen durch Regierungstruppen ausgesetzt», sagt Donatella Rovera, die während ihres zehntägigen Aufenthalts in Aleppo rund 30 Angriffe dokumentiert hat. «Für viele Menschen gibt es schlicht keinen sicheren Ort mehr.»

Auch die Kämpfer der Opposition, die zwar meist leichte Waffen verwenden, haben zeitweise Waffen mit geringer Treffgenauigkeit oder unterschiedsloser Wirkung eingesetzt, die für Zivilpersonen eine grosse Gefahr darstellen.

Zunahme aussergerichtlicher Hinrichtungen

Besorgniserregend ist nebst der hohen Zahl an zivilen Opfern von Kampfhandlungen auch die Beobachtung, dass immer häufiger gefangene Zivilpersonen und feindliche Kämpfer hingerichtet werden. Alle paar Tage werden Leichen meist junger Männer, gefesselt und mit Zeichen von Folter, am Stadtrand deponiert. Amnesty International ist alarmiert über ein sich abzeichnendes Muster von aussergerichtlichen und summarischen Hinrichtungen durch alle Konfliktparteien.

«Alle, die für unterschiedslose Angriffe auf die Zivilbevölkerung und andere Kriegsverbrechen verantwortlich sind, sollten damit rechnen, dass sie hierfür zur Rechenschaft gezogen werden», hält Donatella Rovera fest.

Medienmitteilung veröffentlicht: London / Bern, 23. August 2012
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