Dieser zehnjährige Junge wurde Ende August bei einem Bombenangriff verletzt. © AI
Dieser zehnjährige Junge wurde Ende August bei einem Bombenangriff verletzt. © AI

Syrien Wahllose Attacken terrorisieren Zivilbevölkerung

19. September 2012
Erneute Recherchen von Amnesty vor Ort in Syrien zeigen: Die syrische Armee beschiesst nicht nur in Aleppo, sondern auch in den Regionen Hama, Jabal al-Zawiya und Idlib Städte und Dörfer mit Bomben und Artillerie, ohne gezielt Kämpfer der Opposition zu treffen. Sie macht sich damit systematischer Kriegsverbrechen schuldig.
"Die Regierungsarmee beschiesst Dörfer und Städte routinemässig mit Bomben und Geschossen, die nicht auf ein spezfisches Ziel gerichtet werden können. Sie tut dies im Wissen, damit fast immer ZivilistInnen zu treffen. Derartige Waffen sollten in bewohnten Gebieten niemals eingesetzt werden."
Donatella Rovera, Krisenbeauftragte von Amnesty, nach ihrer Rückkehr aus Syrien

In den letzten Monaten war fast ausschliesslich die Situation in der Millionenstadt Aleppo Gegenstand von Medienberichten. Über die Lage in anderen Regionen Syriens gelangen demgegenüber fast keine Informationen an die Öffentlichkeit.

Zwischen 31. August und 11. September 2012 hat Amnesty International in 26 Dörfern und Städten der Regionen Hama, Jabal al-Zawiya und Idlib Nachforschungen durchgeführt, Zeugenaussagen mit Überlebenden von Bomben- und Artillerieangriffen festgehalten und dabei den Tod von 166 Zivilpersonen – darunter 48 Kindern – dokumentiert.

Veraltete, ungezielte Bomben gegen die Zivilbevölkerung

Die Dokumentationen zeigen: Die syrische Armee beschiesst Wohngebiete in Dörfern und Städte systematisch mit veralteten Bomben aus der Luft und Artilleriegeschossen, mit denen keine genaue Zielerfassung möglich ist. Verschiedentlich wurden auch Schulen und Marktplätze getroffen. In den von Amnesty untersuchten Fällen gab es mit einer Ausnahme keine Hinweise, wonach sich in der Nähe der getroffenen Wohngebiete militärische Ziele befanden. Auch gab es in den betreffenden Orten auch keine Gefechte mit oppositionellen Kämpfern. Vielmehr schoss die syrische Armee aus grosser Distanz oder aus der Luft auf die Dörfer und Städte.

Rebellen werden mit präziseren Waffen angegriffen

Im einzigen Vorfall, bei dem ein militärisches Ziel vermutet werden kann, verwendete die syrische Armee eine präzisere russische Rakete des Typs S5, die eine gewisse Zielgenauigkeit erlaubt. Dies weckt den Verdacht, dass die syrische Armee systematisch veraltete Geschosse gegen die Zivilbevölkerung in Regionen einsetzt, über die sie keine eigentliche Kontrolle mehr ausübt. Damit macht sie sich systematischer Kriegsverbrechen schuldig: Das humanitäre Völkerrecht verlangt explizit die Unterscheidung zwischen zivilen und militärischen Zielen und verbietet den Beschuss ersterer.

ICC muss endlich ermitteln können

Amnesty International fordert den Uno-Sicherheitsrat eindringlich auf, den Internationalen Strafgerichtshof (ICC) in Anbetracht der zahlreichen Hinweise auf Kriegsverbrechen mit Ermittlungen zu beauftragen. Dabei macht die Menschenrechtsorganisation klar, dass das humanitäre Völkerrecht ungeachtet der Menschenrechtsverletzungen durch die Regierungsseite auch für die oppositionellen Kräfte gilt, die mit zunehmender Verfügbarkeit von Kampfkraft und Waffen auch vermehrt in der Verantwortung stehen.