Armut und Gewalt in Brasilien

In den Elendsvierteln der Grosstädte Brasiliens gehört Gewalt zum Alltag. Besonders betroffen sind die Frauen, die ohne Schutz und Unterstützung durch den Staat ihre Familien durchbringen müssen.
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Joanna und Maria sind 14 Jahre alt. Den grössten Teil des Tages verbringen sie versteckt unter ihren Betten, um sich vor den täglichen Schiessereien zwischen kriminellen Banden zu schützen.

Barbaras Sohn wurde von der Polizei getötet. Bei der Beschreibung, wie sie jahrelang versucht hat, den verantwortlichen Polizisten vor Gericht zu bringen, bricht sie in Tränen aus. Ihr Kampf geht weiter.

Katia schliesst ihre Kinder ein, wenn sie zur Arbeit geht. Sie hat Angst davor, dass sie in die Fänge der kriminellen Banden geraten, wenn sie in den Strassen herumlungern. Eine Kinderbetreuung kann sie sich nicht leisten.


Diese Beispiele sind exemplarisch für das Schicksal von Tausenden von Frauen, die in den Elendsvierteln der brasilianischen Grosstädte täglich ums Überleben kämpfen. Es fehlt ihnen nicht nur an Obdach, Wasser und Elektrizität, sondern insbesondere auch an Schutz vor der alltäglichen Gewalt durch kriminelle Banden und die Polizei. Denn in den Favelas blüht der Drogenhandel, liefern sich kriminelle Banden untereinander und mit der Polizei immer wieder blutige Gefechte.

Zwar sind sowohl Täter wie Opfer meist junge Männer, aber die Gewalt in den Elendsvierteln hat auch für die Frauen tiefgreifende Folgen. Immer wieder werden sie von Drogenhändlern missbraucht und haben häufig nicht die Möglichkeit, ihre Rechte gegenüber den Behörden durchzusetzen. Auch auf Polizeistationen und in Gefängnissen werden sie oft sexuell missbraucht.


Vom Staat allein gelassen

Frauen, die sich für die Untersuchung von Gewaltverbrechen an ihren Angehörigen einsetzen, werden häufig oft von der Polizei bedroht und belästigt. Zusätzlich sind meist sie es, die nach dem gewaltsamen Tod ihrer Angehörigen alleine für den Unterhalt ihrer Familie aufkommen müssen.

Angesichts langer Arbeitstage und fehlender Kinderbetreuung sind sie oft gezwungen, ihre Kinder oder Grosskinder den ganzen Tag sich selbst zu überlassen, und das in einem extrem gewalttätigen Umfeld.

Und nicht zuletzt behindern Kriminalität und Gewalt auch die Bereitstellung von öffentlichen Dienstleistungen wie Schulen und Gesundheitseinrichtungen. Spitäler, Krippen oder Schulen bleiben regelmässig geschlossen aufgrund von Gewaltaufkommen der kriminellen Banden und Polizei. Viele LehrerInnen und Krankenschwestern sind deshalb abgeneigt, in diesen Vierteln zu arbeiten.

Frauen fordern mehr Schutz

Frühere Kampagnen von Amnesty International (AI) haben dazu geführt, dass das Programm für öffentliche Sicherheit und Bürgerrechte PRONASCI eingeführt wurde, um die Hauptursachen krimineller Gewalt zu bekämpfen. Allerdings geht dieses Programm nicht auf die speziellen Sicherheitsbedürfnisse der Frauen ein.

Im Gespräch mit AI machen Frauen aus den Favelas klar, was am Dringendsten ist: eine Polizei, die für den Schutz von Frauen und Familien sorgt, einen gleichberechtigten, vom sozialen Stand unabhängigen Zugang zur Justiz und soziale und wirtschaftliche Unterstützung für die Hinterbliebenen der Opfer von Polizeigewalt.