© AI
© AI

Briefmarathon 2019 Herzlichen Dank für eure Unterstützung!

11. September 2019
Dank eurem Engagement haben wir im Rahmen des Briefmarathons 2019 Tausende von Briefen verschickt. So üben wir Druck auf Regierungen und Behörden aus, die MenschenrechtsverteidigerInnen bedrohen. Eure Briefe haben bereits dazu beigetragen, dass Ibrahim Ezz El-Din, nach 167 Tagen endlich wieder aufgetaucht ist.

Während des Briefmarathons 2019 hat sich Amnesty International für fünf jugendliche MenschenrechtsverteidigerInnen eingesetzt. Wir bleiben weiter an ihren Fällen dran und werden euch über den Wirkung eures Engagements auf dem Laufenden halten.

Yasaman Aryani, Iran – 16 Jahre Haft, weil sie für Frauenrechte kämpft

Yasaman_Aryani_261733.jpg

Am 8. März 2019, dem Internationalen Frauentag, protestierte Yasaman Aryani (23 Jahre alt) auf poetische Weise gegen den gesetzlichen Kopftuchzwang im Iran. Mit unbedeckten Haaren verteilte sie weisse Blumen an die Passagierinnen in einer Teheraner U-Bahn. Ein Video der Aktion zeigt, wie sie einer Frau mit Kopftuch eine Blume gibt und sagt, sie hoffe, eines Tages mit ihr durch die Strassen gehen zu können, „ich ohne Kopftuch und du mit“. Das Video verbreitete sich schnell in den sozialen Medien.

Einen Monat später wurde Yasaman Aryani inhaftiert und intensiv verhört. Sie sollte gestehen, dass ‚ausländische Elemente‘ sie zu der Aktion angestiftet hätten, und ihr Verhalten ‚bereuen‘. Andernfalls würden ihre FreundInnen und Familienmitglieder festgenommen. Die iranischen Behörden gehen massiv gegen jegliche Kritik an der Diskriminierung von Frauen vor: Seit Anfang 2018 wurden mehr als 40 Feministinnen inhaftiert.

Frauen, die sich gegen Diskriminierung wehren, werden drakonisch bestraft. Am 31. Juli 2019 erfuhr Yasaman Aryani, dass ein Gericht sie zu 16 Jahren Gefängnis verurteilt hat. Sie muss davon mindestens zehn Jahre verbüssen – nur, weil sie dafür kämpft, dass Frauen selbst entscheiden dürfen, wie sie sich kleiden.

Sarah Mardini and Seán Binder, Griechenland – Angeklagt, weil sie Menschenleben retteten

Sarah_Mardini_Seán_Binder_264787.jpg

Griechenland geht hart gegen Menschen vor, die versuchen, Geflüchteten das Leben zu retten. Die 24-jährige Sarah Mardini und der 25-jährige Seán Binder arbeiteten ehrenamtlich für eine Organisation, die Flüchtlingen hilft. Die beiden hielten nach Booten in Seenot Ausschau und kümmerten sich um Geflüchtete, die auf Lesbos ankamen.

Im August 2018 wurden die beiden Freiwilligen festgenommen und erst nach mehr als 100 Tagen Untersuchungshaft gegen Kaution wieder freigelassen. Die Behörden werfen Mardini und Binder Spionage, Schlepperei und Mitgliedschaft in einem kriminellen Netzwerk vor. Ihnen drohen bis zu 25 Jahre Haft. Anstatt die Rechte von Flüchtlingen zu schützen, kriminalisieren die griechischen Behörden engagierte HelferInnen.

Die aus Syrien stammende Sarah Mardini studiert in Berlin. Sie kennt die Situation der Flüchtlinge genau. Gemeinsam mit ihrer Schwester war sie 2015 ebenfalls mit einem Boot in Lesbos angekommen – unter dramatischen Umständen: Nach dem Ausfall des Motors hatten die beiden geübten Schwimmerinnen das Boot an einer Leine hinter sich hergezogen und so allen Insassen das Leben gerettet.

José Adrián, Mexiko – Zur falschen Zeit am falschen Ort

264636.jpg

Der 14-jährige José Adrián war am 25. Februar 2016 auf dem Heimweg, als sich in der Nähe mehrere Jungen prügelten. Als die Polizei eintraf, flogen Steine in Richtung Streifenwagen. Die Polizisten ergriffen den unbeteiligten Jungen und schleuderten ihn gegen das Auto. Ein Beamter trat gegen seinen Kopf. Weil der Junge eine Hörbehinderung hat, konnte er sich nur schwer mit der Polizei verständigen.

Die Beamten nannten weder eine Begründung für seine Festnahme, noch riefen sie seine Eltern an. Dass es den Jungen traf, ist kein Zufall, denn er gehört zur indigenen Gemeinschaft der Maya. Die Polizei verdächtigt oft als erstes gesellschaftlich diskriminierte Menschen. Auf der Polizeiwache wurde José Adrián an Handschellen aufgehängt. «Ich hing da etwa eine halbe Stunde, und sie haben mich auf die Brust geschlagen und geohrfeigt», berichtete er.

Seine Eltern mussten eine Busse und den Schaden am Streifenwagen bezahlen. Sie reichten Beschwerde bei der Menschenrechtskommission von Yucatán ein. Doch die Polizisten wurden bis heute nicht bestraft, und José Adrián hat immer noch keine Entschädigung für das erlittene Unrecht erhalten.

Yiliyasijiang Reheman, China – Verschleppt und verschwunden

Yiliyasijiang_Reheman_262859.jpg

Yiliyasijiang Reheman, 24 jahre alt, und seine Frau Mairinisha Abuduaini, 19 Jahre alt, studierten in Ägypten und erwarteten ihr zweites Kind, als der junge Mann im Juli 2017 plötzlich verschwand. Die chinesischen Behörden hatten Ägypten aufgefordert, dort lebende Uiguren festzunehmen und nach China abzuschieben.

Die 19-jährige Mairinisha Abuduaini brachte ihr Kind allein zur Welt und zog in die Türkei. Trotz ihrer unermüdlicher Suche hat sie seit über zwei Jahren nichts mehr von ihrem Mann gehört. Sie geht davon aus, dass er sich in einem der Internierungslagern befindet, in denen Angehörige meist muslimischer Minderheiten ‚umerzogen‘ werden. Dennoch hofft sie, dass die Familie eines Tages wieder vereint sein wird: «Mein mann muss sofort freigelassen werden. Ich werde nicht aufgeben, bis wir wieder zusammen sind. Die Kinder brauchen ihren Vater »

Seit 2017 wurden in China bis zu eine Million Menschen, in der Mehrzahl Muslime, aus ihren Familien gerissen und in sogenannte ‚Umerziehungslager‘ gebracht. Sie werden dort auf unbestimmte Zeit willkürlich festgehalten und auf chinesischen Regierungspropaganda getrimmt.

Ibrahim Ezz El-Din, Ägypten – Verschwunden in Kairo – sagt uns, wo er ist!

Ibrahim_Ezz_el_Din_264056.jpg

Ibrahim Ezz El-Din arbeitet für die Nichtregierungsorganisation «Ägyptische Kommission für Rechte und Freiheiten» (ECRF). Der 26-Jährige ist Experte für das Recht auf Wohnen – also den Zugang zu sicherem und bezahlbarem Wohnraum sowie den Folgen von rechtswidrigen Zwangsräumungen.

Als er am 11. Juni 2019 abends auf dem Heimweg war, umstellten ihn vier Sicherheitskräfte in Zivil und nahmen ihn mit. Seine Mutter ging sofort zur örtlichen Polizeiwache. Doch die Polizei bestritt die Festnahme und verweigerte jegliche Auskunft über Ibrahims Verbleib. Seitdem versuchte seine Familie unermüdlich herauszufinden, wo Ibrahim festgehalten wird.

Der Briefmarathon zeigt Wirkung: Nach 167 Tagen ist Ibrahim endlich «aufgetaucht», befindet sich aber immer noch in Haft

Nach 167 Tagen ist Ibrahim am 26. November 2019 endlich vor der Anklagebehörde der ägyptischen Staatssicherheit wieder «aufgetaucht» und wurde dort vernommen. Er hat viel Gewicht verloren und erschien schwach. Ibrahim sagte der  Anklagebehörde, dass er in Haft gefoltert worden sei.

Ibrahim Ezz El-Din soll sofort und bedingungslos freigelassen werden, da er willkürlich aufgrund seiner friedlichen Menschenrechtsarbeit inhaftiert ist.  

In Ägypten sind Hunderte von Menschen Opfer des Verschwindenlassens – oft werden sie monatelang in geheimer Haft festgehalten, ohne Kontakt zu ihren Familien oder Rechtsbeiständen und ohne Anklage. Sie sind allein deshalb inhaftiert, weil sie auf friedliche Weise Kritik geübt oder Menschenrechte eingefordert haben. Ibrahim Ezz El-Din ist bereits die fünfte Person, die in Verbindung mit der Organisation ECRF steht, die in den vergangenen drei Jahren festgenommen wurde.