In Guinea kommt es immer wieder zu Gewaltakten von Sicherheitskräften gegenüber Zivilisten: Aissatou Lamarana Diallos Mann wurde am 7. Ma 2015 erschossen.  © Amnesty International
In Guinea kommt es immer wieder zu Gewaltakten von Sicherheitskräften gegenüber Zivilisten: Aissatou Lamarana Diallos Mann wurde am 7. Ma 2015 erschossen. © Amnesty International

Zahlen, Fakten und Hintergründe Flüchtlinge aus Guinea in der Schweiz

23. Oktober 2017
Immer mehr Menschen aus Guinea flüchten nach Europa und auch in die Schweiz. Sie werden durch Menschenverletzungen, ethnische Spannungen und durch die grosse Armut veranlasst, ihre Heimat zu verlassen.

Anzahl Asylsuchende 2016: 900 Personen (+228% gegenüber 2015)
Anerkennungsquote, d. h. als Flüchtlinge anerkannt: 0 Personen (0 %)
Vorläufige Aufnahmen, da eine Wegweisung illegal/unzumutbar ist: 18 (2%)

Anzahl Asylsuchende im ersten Halbjahr 2017: 541 Personen (+86.6 % gegenüber Vorjahr);
Anerkennungsquote, d.h. als Flüchtlinge anerkannt: 5 Personen (1.4%);
Vorläufige Aufnahmen, da eine Wegweisung illegal/unzumutbar ist: 15 Personen 4.3%.

 

Die Zahlen der Flüchtlinge aus Guinea sind in den letzten beiden Jahren stark gestiegen. Laut UNHCR kamen im Jahr 2016 13'345 Guineer und Guineerinnen übers Mittelmeer in Italien an. Die meisten Personen ersuchten sodann in Deutschland um Asyl – rund 3458 Asylgesuche wurden dort gestellt. In der Schweiz waren es lediglich 900.

Restriktive Schweizer Praxis

In den ersten drei Monaten dieses Jahres wurden an der Schweizer Grenze so viele Flüchtlinge aus Guinea angehalten wie nie zuvor. Auch die Asylgesuche von GuineerInnen haben zwischen Januar und März zugenommen. In der Schweiz haben 339 Personen ein Gesuch gestellt, dies entspricht einem Plus von 280 Prozent. In Deutschland sind die Gesuche sogar um über 600 Prozent in die Höhe geschnellt.

Das Staatssekretariat für Migration (SEM) hat auf diese neue Situation mit einer verschärften Asylpraxis reagiert. Es führte Anfangs Jahr das sogenannte Fast-Track Verfahren für Personen aus Guinea ein, da diese in der Schweiz kaum Chance auf Asyl hätten. In der Schweiz wurde im Jahr 2016 keines der 900 Asylgesuche positiv entschieden.

Auch der Vollzug der Wegweisung handhabt das SEM sehr streng und erachtet diesen in grundsätzlich allen Fällen als zumutbar – unabhängig davon, ob medizinische Probleme bestehen oder es sich um besonders verletzliche Personen handelt. So müssen sogar unbegleitete Minderjährige, die keinerlei Beziehungsnetz in ihrem Heimatland mehr haben, wieder nach Guinea zurückkehren. Dies mit der Begründung, dass in Guinea Einrichtungen bestünden, die sich nach der Rückkehr um die Minderjährigen kümmern könnten.

Hintergründe zur Lage in Guinea und Fluchtursachen

Viele Menschen fliehen aus Guinea vor der Armut. Guinea gehört – trotz eines hohen Anteils an Bodenschätzen – zu den ärmsten Ländern der Welt. Knapp 70 Prozent der Bevölkerung lebt von weniger als 2 US-Dollar am Tag. Mehr als die Hälfte der Bevölkerung weder lesen noch schreiben. Doch Perspektivlosigkeit ist nur eine der Fluchtursachen.

In den vergangenen Jahren kam es zu zahlreichen gravierenden Menschenrechtsverletzungen im Land. Die Sicherheitskräfte gehen mit exzessiver Gewalt gegen friedliche Demonstrierende vor und schikanieren Menschen, die abweichende Meinungen äussern. Berichte von Menschenrechtsorganisationen dokumentieren Folter und andere Misshandlungen. Menschenrechtsübergriffe staatlicher Stellen, besonders seitens der Sicherheitskräfte, werden nicht systematisch verfolgt. Viele Gefangene befinden sich mitunter seit Jahren in Untersuchungshaft, weil ihre Fälle unbearbeitet bleiben.

Gewalt gegen Frauen und LGBT

Besondere Sorgen macht zudem die Einschränkung von Menschenrechten durch konservativ-traditionelle gesellschaftliche Praxis. Dies betrifft insbesondere die Rechte von Frauen. Kritisch sind dabei vor allem die Praxis der Zwangsverheiratung von Minderjährigen und die verbreitete Genitalbeschneidung. Das westafrikanische Land Guinea, ist weltweit das mit der zweithöchst gemessenen Verbreitungsrate von weiblicher Genitalverstümmelung. Diese liegt im ganzen Land bei über 80 Prozent.

Gleichgeschlechtliche Beziehungen zwischen Frauen oder Männern werden mit Gefängnisstrafen von 6 Monaten bis 3 Jahren bestraft.

Ethnische Spannungen

Auch ethnische Spannungen stellen ein Problem dar in Guinea. Guinea ist ein multiethnisches Land mit über 25 unterschiedlichen Gruppen. Die Beziehungen zwischen den Volksgruppen waren in der Vergangenheit und sind noch immer in vielen Regionen nicht spannungsfrei. Schon mehrfach kam es zu schweren gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen verschiedenen Volksgruppen.