Blog Bulgarien Europa hat seine Menschlichkeit verloren

26. August 2014
Durch unsere Teilnahme am dritten von Amnesty International organisierten «International Human Rights Action Camp», dieses Jahr in Bulgarien, wurden wir mit der schockierenden Realität von Tausenden von Migrantinnen, Migranten und Flüchtlingen konfrontiert, die beim Versuch nach Europa zu gelangen zurückgedrängt und misshandelt werden. Dies ist ein Bericht über unsere Empörung: Es ist dringlicher, Menschen zu schützen als Grenzen zu schützen.

Anfang Juli 2014: 19 Flüchtlinge ersticken auf einem übervollen Boot vor der Küste Lampedusas. Durch einen traurigen Zufall fällt Ihr Tod mit dem Beginn des dritten «International Human Rights Action Camp» von Amnesty International in Bulgarien zusammen. Rund 80 Aktivistinnen und Aktivisten aus 30 verschiedenen Herkunftsländern versammelten sich für die Woche vom 12. bis zum 19. Juli auf einem Campingplatz in Breznik, circa 56 Kilometer von Bulgariens Hauptstadt Sofia entfernt. Aus der Schweiz waren wir zu viert dabei: Patrick (Jugendgruppe Thun und Bern), Réka (Jugendgruppe Zürich), Chantal (Gruppe Biel) und ich, Flurina (Unigruppe Freiburg)

Bulgarien ist eines der wichtigsten Ankunftsländer für Flüchtlinge aus dem Mittleren Osten, Nordafrika und dem Westbalkan, um nach Europa zu gelangen. Doch sie werden nicht mit offenen Armen empfangen. Im Gegenteil, den Ankömmlingen wird mit Misstrauen, offener Ablehnung oder sogar physischer Gewalt begegnet. Parallel zur Verbreitung von Nationalismus und Xenophobie in Europa, intensivieren sich die Bemühungen zur Verhinderung der sogenannt illegalen Einwanderung. Die Regierungen der europäischen Länder kontrollieren die Grenzen immer stärker und installieren aufwändige und kostspielige «Vorwarnsysteme» an Europas Aussengrenzen.

Bilder sagen mehr als Worte

Laut dem kürzlich veröffentlichten Bericht von Amnesty International («The Human Cost of Fortress Europe») haben seit dem Jahr 2000 mindestens 23'000 Menschen , ihr Leben verloren beim Versuch, in Europa Sicherheit zu finden. Die lebensgefährlichen Strapazen, welche Menschen auf sich nehmen, um nach Europa zu gelangen, werden durch die schockierenden und berührenden Bilder des griechischen Fotojournalisten Giorgos Moutafis sichtbar.

Der 47-Jährige dokumentiert seit vielen Jahren die Wirklichkeit an den Grenzen Europas. Durch seine Bilder wurde uns die Erbarmungslosigkeit der europäischen Migrationspolitik offenbart. Es ist unmöglich, sich der Wirkung dieser Fotografien zu entziehen. Er hat uns berührt mit seiner Aussage:

«Wenn ich darüber nachdenke, was an den Grenzen Europas geschieht, durchlebe ich immer wieder den Anblick von toten Körpern im Wasser und Bilder von Menschen auf der verzweifelten Suche nach Sicherheit. Ich versuche ihre Gefühle und ihre Persönlichkeit einzufangen und das Risiko zu verstehen, welches sie und ihre Familien beim Versuch Europa zu erreichen eingehen.»

Aus der Verzweiflung wächst die Notwendigkeit zu Handeln

Einsamkeit, Angst und die verzweifelte Hoffnung auf ein besseres Leben: Dies sind Emotionen, welche auch im weiteren Verlauf der Woche durch persönliche Erfahrungsberichte einiger Camp-Teilnehmenden und ehemaliger Flüchtlinge immer wieder in den Vordergrund rückten. Gerade durch die emotional anspruchsvollen ersten Tage machte sich bei vielen Teilnehmenden bald ein generelles Wut- und Verzweiflungsgefühl angesichts der Situation breit; eine Art «Weltschmerz», wie es eine Teilnehmerin ausdrückte. Das Bedürfnis, etwas zu bewirken und zu verändern, motivierte uns zum Handeln.

Nach intensiven Diskussionen und Gruppenarbeiten, verwirklichten wir eine grosse und öffentlichkeitswirksame Aktion. verschiedenen

In Sofia gestalteten wir eine symbolische Aussengrenze von Europa in eine Gedächtnismauer für die Zehntausenden Migrierenden und Flüchtlingen, die ihr Leben verloren oder Missbrauch erlebt haben auf der Suche nach Schutz in Europa.

Trotz der traurigen und anspruchsvollen Thematik bot das Camp aber auch viele Gelegenheiten, sich auszutauschen und schöne Freundschaften zwischen den Teilnehmenden zu entwickeln. Vor allem sind wir mit der Überzeugung zurückgekehrt, dass der Einsatz für eine gerechtere und menschlichere Asyl- und Migrationspolitik mehr als gefordert ist. So sprach John Dalhuisen vom Internationalen Sekretariat in London wohl für uns alle, als er bei unser Aktion im Herzen von Sofia sagte : «Europa hat ein unglaublich kostbares Gut verloren: die Fähigkeit, Menschlichkeit zu zeigen. Während ganze syrische Familien und Flüchtlinge von Ländern wie Eritrea und Somalia im Meer ertrinken, weil sie keine Alternative zur gefährlichen Flucht haben, ist Europas Schweigen ohrenbetäubend.»