Adiam Welda Gabriel mit dem Wort «Akzeptanz» auf der Stirn. © Petar Mitrovic
Adiam Welda Gabriel mit dem Wort «Akzeptanz» auf der Stirn. © Petar Mitrovic

Wenn nicht ich, wer dann?

Von Carole Scheidegger, 15. Mai 2018
Sie nimmt auch schwierige Umstände locker: Die Eritreerin Adiam hat sich die Schweiz zur zweiten Heimat gemacht. Nun baut sie einen Jugendtreff auf. Er soll Jugendlichen die Chance bieten, ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen.

Für Leute, die schon lange in der Deutschschweiz ansässig sind, ist Schweizerdeutsch eine ewige Quelle der Erheiterung. Trifft man jemanden aus einem anderen Kanton, ist der Dialekt schnell Gesprächsthema: Sagst du Öpfu oder Öpfel? Föum oder Film? Äuä oder jo wa?

Für Menschen, die neu in der Schweiz sind, kann die Mundart aber eine grosse Schwelle darstellen. So ging es Adiam Welda Gabriel. Die heute 23-jährige Eritreerin kam im Alter von 11 Jahren mit ihrer Mutter und drei Geschwistern in die Schweiz. Während der ersten beiden Jahre musste die Familie oft umziehen. Sie war zuerst in der Romandie untergebracht, dann in verschiedenen Gemeinden im Aargau. Nach einem Jahr kam Adiam in die Schule. «Das war für mich richtig schwierig. Ich konnte zwar schon etwas Hochdeutsch, aber in der Pause wurde Schweizerdeutsch gesprochen. Ich habe sehr vieles nicht verstanden», erinnert sich die junge Frau. Doch sie lernte schnell.

Jugendliche unterstützen

Wie wichtig die Kenntnis der Sprache für das gegenseitige Verständnis ist, war ihr früh klar. Auch für ihr aktuelles Projekt ist das ein wichtiger Faktor. Adiam baut derzeit einen Jugendtreff auf, der Jugendliche mit und ohne Fluchterfahrung zusammenbringen soll und in welchem sie mehr über einander erfahren können. Zudem sollen die Jugendlichen ihre Fähigkeiten erweitern und die eigenen Ressourcen ausbauen. Sie lernen zum Beispiel, wie man ein Projekt leitet und selbstständig arbeitet. Auf dem Programm stehen ausserdem Aktivitäten wie Museumsbesichtigungen, Fussballturniere, Parkbesuche und Workshops zu verschiedenen Themen. Wichtig ist Adiam, dass die Jugendlichen ihre eigenen Ideen verwirklichen können: «Es geht um Hilfe zur Selbsthilfe. Wir wollen nicht sagen, was zu machen ist, sondern die Jugendlichen sollen selbst entscheiden. Es geht auch um Empowerment, die Suche nach der eigenen Identität und Partizipation.»

Beim ersten Treffen kamen bereits 25 Leute, es fehlten aber noch die Schweizer und Schweizerinnen. Zunächst hatte Adiam aktiv junge Flüchtlinge gesucht und war dazu auch in Durchgangsheime für unbegleitete minderjährige Asylsuchende gegangen. Nun will sie noch stärker auf Schweizer Jugendliche zugehen.

Was ist ihre Motivation, dass sie so viel Energie in den Aufbau des Jugendtreffs steckt? «Es hat mir sehr wehgetan, wie viele Jugendliche aus Eritrea am Bahnhof herumhängen und da habe ich gedacht: Wäre es nicht schön, wenn man einen besseren Treffpunkt hätte? Wenn ich nicht anfange, wer dann?», erzählt sie.

Nicht alle in einen Topf werfen

Eritrea – das Land ist hier immer wieder in der Debatte. Auch um an diesen Diskussionen teilnehmen zu können, sind für Adiam die Sprachkenntnisse so wichtig. «Wenn ein Eritreer etwas Schlechtes tut, heisst es immer gleich: Diese Eritreer! Wie wenn alle Landsleute für diese Tat mitverantwortlich wären. Es gibt gute und schlechte Eritreer. Genauso wie es gute und schlechte Schweizer gibt. Es macht mich manchmal wütend, wenn wir alle in einen Topf geworfen werden.» Gegen solche Vorwürfe kann sie sich nun zur Wehr setzen und auch davon berichten, wie sie ihr Herkunftsland erlebt hat und warum sie nun hier ist. Nachdem ihr Vater aus dem Land geflüchtet sei, sei ihre Mutter vorübergehend ins Gefängnis gekommen, erzählt Adiam. «Mir blieben damals nur noch sechs Jahre, bis ich ins Militär musste. Und weil die Dienstzeit nicht beschränkt ist, hätte ich vielleicht definitiv beim Militär bleiben müssen. Das wollten meine Eltern nicht für mich und meine drei jüngeren Geschwister.» Also kam es zur Flucht.

Pläne schmieden

Adiam hat Eritrea nie mehr besuchen können. Sie vermisst ihren einzigen Grossvater, mit dem sie telefoniert. In der Schweiz hat sie einen F-Status, das bedeutet eine vorläufige Aufnahme – und auch, dass sie eines Tages zurückgeschickt werden könnte. «Hoffentlich nicht. Dann müssten wir uns ja noch einmal integrieren, weil wir inzwischen die schweizerische Kultur angenommen haben – oder vielleicht pendeln wir zwischen den beiden Kulturen», sagt Adiam. Das hält sie aber nicht davon ab, energisch ihre Zukunft zu planen. Sie hat eine Handelsschule abgeschlossen, nun möchte sie gern Sozialbegleiterin werden oder Sozialpädagogik (Gemeindeanimation) studieren.

Zweite Heimat

In den gut elf Jahren, die Adiam nun in der Schweiz verbracht hat, ist das Land für sie nach einem schwierigen Start zu einer zweiten Heimat geworden. Aber sie denkt auch, dass ihre ursprüngliche Herkunft immer eine Rolle spielen wird, nicht zuletzt wegen ihrer Hautfarbe. Sie hat rassistische Beschimpfungen erlebt. Und sie ist immer wieder damit konfrontiert, dass die Leute denken, sie würde aufgrund ihrer Hautfarbe kein Deutsch verstehen.

Für eine 23-Jährige hat sie also schon sehr viel und nicht nur Leichtes erlebt. Trotzdem verliert sie ihre Zuversicht nicht. «Ich glaube, es liegt an meinem Charakter, dass ich alles locker nehme», sagt Adiam schmunzelnd.