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Covid-19 Pfizer stellt weiterhin Profit vor faire Impfstoffverteilung

Medienmitteilung 11. November 2021, London/Bern – Medienkontakt
Der Pharmakonzern Pfizer macht irreführende Angaben über sein Engagement für eine faire Impfstoffverteilung. Während das Unternehmen weiterhin einen Grossteil der Impfdosen an reichere Länder liefert, entpuppt sich sein Bekenntnis zu Impfgerechtigkeit und Wissensaustausch als PR-Massnahme. Dies geht aus einem neuen Bericht von Amnesty International hervor.

«Wir befinden uns immer noch mitten in einer beispiellosen globalen Gesundheits- und Menschenrechtskrise. Es ist daher wichtig, dass alle Länder der Welt so schnell wie möglich Zugang zu Impfstoffen haben», sagte Patrick Wilcken, Leiter des Bereichs Wirtschaft und Menschenrechte bei Amnesty International. «Pfizer beteuert, dass sich das Unternehmen verpflichtet hat, Impfdosen an Länder mit niedrigem und mittlerem Einkommen zu liefern, aber die Zahlen sagen etwas anderes. Tatsache ist, dass der Konzern immer noch den Profit in den Vordergrund stellt.»

«Wenn sie jetzt handeln, könnten sie dazu beitragen, dass bis Ende des Jahres 1,2 Milliarden Menschen in Ländern mit niedrigem und niedrigem bis mittlerem Einkommen zusätzlich geimpft werden – und mindestens 2 Millionen* Leben retten.» Patrick Wilcken, Leiter des Bereichs Wirtschaft und Menschenrechte bei Amnesty International

Nur 15 Millionen Dosen an die ärmsten Länder

Das Management von Pfizer hat wiederholt behauptet, dass der multinationale Konzern mit Sitz in den USA bis Ende des Jahres mindestens eine Milliarde Dosen an «Länder mit niedrigem und mittlerem Einkommen» geliefert haben wird. Doch die Formulierung ist irreführend. Die Weltbank teilt die Volkswirtschaften zu Analysezwecken in vier Einkommensgruppen ein: niedriges, unteres mittleres, oberes mittleres und hohes Einkommen.

Pfizer hat in seinen Erklärungen jedoch Länder mit niedrigem, unterem und oberem mittleren Einkommen – über 84 % der Weltbevölkerung – zu einer einzigen Gruppe zusammengefasst und sie als «niedriges und mittleres Einkommen» bezeichnet. Innerhalb dieser sehr weit gefassten Kategorie ging der Grossteil der Impfdosen von Pfizer an Länder mit einem «oberen mittleren» Einkommen wie Malaysia, Mexiko und Thailand.

Pfizer gab an, bis Ende September insgesamt zwei Milliarden Dosen weltweit verschickt zu haben. In einem Schreiben an Amnesty International vom November gab das Unternehmen zu, dass davon nur 154 Millionen Dosen – weniger als 8 Prozent der Gesamtmenge – 42 Länder mit niedrigem und mittlerem Einkommen erreicht hatten. Laut Pfizer wurden weniger als 10 Prozent davon (d.h. 15,4 Millionen) an Länder mit niedrigem Einkommen verteilt.

Verhinderung von Technologietransfer und Wissensaustausch

«So sehr das Unternehmen die Tatsachen schönreden will, die Zahlen sind eindeutig – der Grossteil der Dosen geht immer noch in die reicheren Teile der Welt», sagte Patrick Wilcken.

Auch die Behauptung von Pfizer seine «wissenschaftlichen Instrumente und Erkenntnisse zu teilen», entspricht nicht der Wahrheit. Sie steht in krassem Gegensatz zu der Tatsache, dass das Unternehmen sich nicht am Covid-19 Technology Access Pool (CTAP) beteiligt, der Daten und Wissen weltweit bündelt. Auch der WHO-Drehscheibe für den Technologietransfer von mRNA-Impfstoffen in Südafrika blieb Pfizer bislang fern und verzögert damit die Entwicklung von Produktionsstätten in Afrika. Nach Angaben der WHO sind bisher nur 4,4% der Bevölkerung des afrikanischen Kontinents vollständig geimpft, Millionen von Menschen benötigen dringend Zugang zu lebensrettenden Impfstoffen.

Pfizer hat sich auch aktiv gegen die TRIPS-Ausnahmeregelung der Welthandelsorganisation eingesetzt, die eine vorübergehende Aussetzung der Patentrechte vorsieht und eine Ausweitung der weltweiten Produktionskapazitäten für Covid-19-Impfstoffe ermöglichen würde.

Entgegen der Behauptung, dass Pfizer die Entwicklungs- und Herstellungskosten für den Impfstoff Covid-19 vollständig selbst trage, hat das Unternehmen von Vorbestellungen aus einigen der reichsten Länder der Welt sowie von umfangreicher staatlicher Unterstützung für seinen deutschen Partner BioNTech profitiert. Nach eigenen Angaben wird Pfizer allein in diesem Jahr einen Umsatz von 36 Milliarden Dollar durch den Impfstoff-Verkauf erzielen.

Auch die anderen europäischen und US-amerikanischen Hersteller von Covid-19-Impfstoffen, BioNTech, Moderna, Johnson & Johnson und AstraZeneca, haben die gemeinsame Nutzung von Technologien blockiert und Lobbyarbeit gegen die vorgeschlagene TRIPS-Ausnahmeregelung geleistet.

Hundertausende von Menschenleben stehen auf dem Spiel

Amnesty International unterstützt mit der Kampagne 100 Tage Countdown: 2 Milliarden Impfstoffe jetzt! das Ziel der Weltgesundheitsorganisation, bis Ende 2021 40 % der Menschen in Ländern mit niedrigem und niedrigem bis mittlerem Einkommen zu impfen.

Laut Amnesty International kann dieses Ziel erreicht werden, wenn die Pharmaunternehmen 50% der zwischen dem 21. September 2021 und dem 31. Dezember 2021 produzierten Impfstoffe an 82 Länder mit niedrigem und mittlerem Einkommen liefern, wenn die Staaten die Millionen überschüssiger Impfstoffe, die sich derzeit in ihren Beständen befinden, umverteilen und wenn Staaten und Pharmaunternehmen die weltweite Versorgung mit Covid-19-Impfstoffen durch den Austausch von Wissen und Technologie rasch erhöhen.

Noch sei es für die Pharmaunternehmen nicht zu spät, das Blatt zu wenden, sagte Patrick Wilcken: «Wenn sie jetzt handeln, könnten sie dazu beitragen, dass bis Ende des Jahres 1,2 Milliarden Menschen in Ländern mit niedrigem und niedrigem bis mittlerem Einkommen zusätzlich geimpft werden – und mindestens 2 Millionen* Leben retten.»

Amnesty wird im November vor den Büros von Pharmaunternehmen auf der ganzen Welt, darunter auch Pfizer, demonstrieren und die Unternehmen auffordern, den Zugang zu Impfstoffen nicht länger zu blockieren, sondern zu teilen und Leben zu retten. In Genf findet am 30. November anlässlich der WTO-Ministertagung, auf der über die Aufhebung der geistigen Eigentumsrechte für Covid-19-Impfstoffe entschieden werden soll, ein Aktionstag statt. 

Hinweis an die Redaktionen
  • Das Analyseunternehmen Airfinity schätzt, dass pro 100 Millionen gelieferter Impfdosen zwischen 100‘000 und 225‘000 Menschenleben gerettet werden können. Falls das Ziel 1,2 Milliarden Menschen in Ländern mit niedrigem und niedrigem bis mittlerem Einkommen zusätzlich zu impfen, erreicht wird, könnten demnach mindestens 2 Millionen Menschenleben gerettet werden.
  • In seiner Antwort an Amnesty International sagte Pfizer: «Wir erkennen an und sind besorgt über das relativ geringe Tempo, mit dem die Impfstoffe die Länder mit niedrigem Einkommen erreicht haben, aber es ist auch wichtig, anzuerkennen, dass etwa zwei Drittel der 1,3 Milliarden Menschen, die in Armut leben, in Ländern mit mittlerem Einkommen leben. In den Ländern mit mittlerem und höherem Einkommen leben derzeit 75 % der Weltbevölkerung und 62 % der Armen der Welt. Dennoch gehen wir davon aus, dass es bis zum Jahresende zu einem erheblichen Anstieg der Dosislieferungen kommen wird, wobei der Schwerpunkt auf den Ländern mit niedrigem und mittlerem Einkommen liegt, die von den globalen Zielen weiter entfernt sind.»
  • Zur Frage der geistigen Eigentumsrechte fügte Pfizer hinzu, dass «der Rahmen für geistiges Eigentum Innovationen schützt und einen sicheren Transfer von technischem Wissen ermöglicht» und dass das Unternehmen «weiterhin Möglichkeiten verfolgen wird, neue Partner in sein Lieferkettennetzwerk einzubinden, um den Zugang zum Covid-Impfstoff weiter zu beschleunigen.»
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