Sexuelle Orientierung und Asyl Queer Refugees in der Schweiz

26. Mai 2009, aktualisiert am 2. März 2010
Queer Refugees sind Flüchtlinge, die aufgrund der sexuellen Orientierung oder der geschlechtlichen Identität ihr Land verlassen müssen. Sie fliehen aus der Heimat, weil sie als Lesben, Schwule, Bisexuelle und Transgender verfolgt, bedroht und bestraft werden. Iran, Mauretanien, Nigeria, Katar, Saudiarabien, Sudan und Jemen kennen weiterhin die Todesstrafe für homosexuelle Akte. In anderen Ländern sind Menschen aufgrund ihrer tatsächlichen oder vermuteten sexuellen Orientierung in Haft.

Nicht nur Staaten verfolgen sexuelle Minderheiten, sondern oft auch Familien und Gemeinschaften. Viele Betroffene sehen sich gezwungen zu flüchten. Sie hoffen, in einem anderen Land Sicherheit und Akzeptanz zu finden.

Ein Beispiel für die Fluchtgeschichte eines Queer Refugee ist der Fall von Christian , der 2009 in der Schweiz Asyl erhalten hat. Zuvor musste er sich während Monaten in der Hauptstadt seines Heimatlandes Kamerun verstecken. Seine Familie hatte ihn wegen seiner sexuellen Orientierung bedroht. Bei einem Besuch einer Gay-Bar wurde er von der Polizei aufgegriffen und festgehalten.

Hinter Gittern

Die Verhaftung von Christian ist kein Einzelfall. Amnesty International machte etwa den Fall von Baeeg Lazare öffentlich. Die Polizei verhaftete den Kameruner im August 2007 zusammen mit neun anderen jungen Männern. Er verbrachte fast ein Jahr hinter Gittern auf Grund des Paragraphen 347 des kamerunischen Strafgesetzes, der einvernehmliche, gleichgeschlechtliche Akte unter Erwachsenen kriminalisiert.

Im Gegensatz zu Baeeg Lazare hatte Christian mehr Glück: Er konnte sich dank der finanziellen Unterstützung eines Bekannten freikaufen und entschied sich nach diesem Erlebnis dafür, nach Frankreich zu flüchten. Bei der Zwischenlandung in Zürich nahm die Polizei Christan fest, weil er falsche Ausweispapiere auf sich trug. Der Kameruner stellte daraufhin in der Schweiz ein Asylgesuch, ohne jedoch den wahren Grund seiner Flucht anzugeben. Der Antrag wurde abgelehnt. Erst nachdem er mit einem Vertreter des Schweizerischen Roten Kreuzes gesprochen hatte, gab Christian seine Homosexualität als Asylgrund an. Nun folgte ein langer und schwieriger Rechtsweg. Im April 2009, vier Jahre nach seiner Ankunft in der Schweiz, erhielt Christian eine Aufenthaltsbewilligung, die ihm ein Leben in Sicherheit und Würde ermöglicht.

Hohe Dunkelziffer

Die Schweizer Sektion von Amnesty International unterstützt rund zehn Personen pro Jahr, die in einer vergleichbaren Situation wie Christian sind. Wie viele Queer Refugees in der Schweiz Schutz suchen und wie viele tatsächlich Asyl erhalten, ist schwer abzuschätzen. Das Bundesamt für Migration gibt dazu keine Statistiken heraus. Zwischen 1993 und 2005 hat die Asylrekurskomission rund 50 Fälle behandelt, in denen das Asylgesuch mit der Verfolgung wegen Homosexualität begründet wurde.

Die Dunkelziffer bei Queer Refugees, die keine Angaben über den wahren Grund ihrer Flucht machen, ist hoch. Viele reden bei der Befragung zu ihrem Asylgesuch nicht offen über ihre sexuelle Orientierung oder ihre geschlechtliche Identität. Queer Refugees haben meist über Jahre ihre Sexualität unterdrückt oder aus Angst vor Diskriminierungen geheim gehalten. Sie befürchten, dass auch die Schweizer Behörden Anstoss daran nehmen und das Asylgesuch ablehnen. Deshalb machen Queer Refugees oft andere Fluchtgründe geltend und erzählen den Behörden eine entsprechend weniger glaubwürdige Geschichte. Die Folge davon ist, dass sie trotz der akuten Gefährdung in den Herkunftsstaaten einen negativen Asylentscheid erhalten.

Fortgesetzte Diskriminierung

In der Schweiz angekommen, sind Queer Refugees oft der Diskriminierung und der verbalen Gewalt anderer Asylsuchender ausgesetzt. Die Homophobie, die in einigen Ländern oder Kulturen herrscht, äussert sich auch im Alltag in den Asylzentren. Das Personal nimmt die Probleme von Queer Refugees oft nicht wahr oder ist damit überfordert – auch weil die Schulung dafür fehlt.

Die Erfahrungen von Amnesty International zeigen, dass die Schweiz in der Praxis zu wenig für den nötigen Schutz und die Bedürfnissen von Queer Refugees unternimmt. Ihre Rechte und Würde sind nur gewährleistet, wenn sich die Behörden, aber auch die Mitarbeitenden von Asylzentren und Hilfswerken stärker mit diesem Thema auseinandersetzen.

Amnesty International fordert das Schweizer Parlament mit einer Petition auf, die geschlechtsspezifische Verfolgung als Verfolgungsgrund ins Asylgesetz aufzunehmen.

 

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