Das Schicksal früherer Gefangener aus Guantánamo

Seit 2002 wurden mehrere hundert Gefangene aus Guantánamo entlassen und in ihre Heimatländer bzw. die Länder, in denen sie zuvor gelebt haben, zurückgeführt. Alleine im Jahr 2007 waren es 100 Personen. Doch mit der Freilassung ist das Leiden für viele nicht beendet. Einige wurden sofort nach ihrer Ankunft in ihrem Land wieder festgenommen und teilweise misshandelt und gefoltert. Andere werden noch immer von den Behörden belästigt oder von der Gesellschaft ausgeschlossen, weil sie von den US-Behörden als mutmassliche «Terroristen» gebrandmarkt wurden – dies, obwohl sie nie für schuldig befunden oder auch nur angeklagt worden sind. Viele leiden seit ihrer Zeit in Guantánamo unter psychischen und körperlichen Problemen und sind von Armut betroffen, weil sie ihr Geschäft oder ihre Arbeit verloren haben.


Häftlinge aus Jemen und Saudi-Arabien

Ein Grossteil der Guantánamo-Häftlinge stammten aus Jemen oder Saudi-Arabien.  Immer wieder wurden im Jahr 2007 Häftlingsgruppen aus den beiden Ländern entlassen. Saudi-Arabien nahm die Zurückgeführten in aller Regel vorerst fest, entliess die meisten jedoch nach wenigen Wochen und Monaten aus der Haft. Die meisten Jemeniten hingegen wurden – teilweise unter Vorgabe geringfügiger Delikte wie Urkundenfälschung - in Haft behalten.

David Hicks, Australien
David Hicks © Privat

Nach einem abgekarteten Deal zwischen seinen Anwälten und der Militärkommission wurde der Australier wegen Unterstützung des «Terrorismus» zu sieben Jahren Haft verurteilt, von denen er noch 9 Monate in Australien verbüssen musste.

Ende Mai 2007 wurde er nach Australien überführt und Ende 2007 freigelassen. Er ist bis heute der einzige von rund 800 Guantánamo-Häftlingen der – auch dies allerdings nicht vor einem ordentlichen Gericht – verurteilt worden ist. 

Omar Deghayes und Jamil el Banna, Grossbritannien / Libyen
Omar Deghayes © Privat

Nach einem Gesinnungswandel in der britischen Regierung, sich nun auch für in Guantánamo inhaftierten Personen einzusetzen, die zuvor lediglich eine Aufenthaltsberechtigung in Grossbritannien hatten, wurden die beiden am 19.Dezember 2007 nach Grossbritannien überführt. Dort wurden sie – gestützt auf ein spanisches Auslieferungsbegehren - kurzzeitig wieder inhaftiert und danach gegen eine Kaution von 70'000 Euro freigelassen. Ein nächster Gerichtstermin ist für den 14. Februar 2008 vorgesehen. Die beiden werden von Spanien beschuldigt, Ende der 90er bzw. Anfang 2000 einer Zelle der spanischen Al-Kaida angehört zu haben.

Abdullah al-Hajji Ben Amor and Lofti Lagha, Tunesien

Entgegen einer diplomatischen Zusicherung wurden beide nach ihrer Rückführung im Juni 2007 umgehend und ohne Anklage oder Prozess ins Gefängnis gesteckt und misshandelt.

«Die Situation ist so schrecklich, dass wir lieber wieder nach Guantánamo zurückkehren würden…» … liessen sie über ihren Anwalt verlauten.

Murat Kurnaz, Deutschland / Türkei
 © AI

Murat Kurnaz, türkischer Staatsbürger mit Geburtsort und Wohnsitz in Deutschland,  wurde im August 2006 aus Guantánamo freigelassen und ist jetzt wieder bei seiner Familie in seiner Heimatstadt Bremen. Die deutschen Behörden haben alle Ermittlungen in seinem Fall eingestellt, da sie keine stichhaltigen Beweise für Verbindungen zu einer Terrororganisation finden konnten. Murat Kurnaz wurde über viereinhalb Jahre in Guantánamo in Haft gehalten. Die deutschen Behörden hatten sich zunächst geweigert, sich für ihn einzusetzen, da er kein deutscher Staatsbürger ist. Nachdem Amnesty International und andere Organisationen auf internationaler Ebene Druck ausgeübt hatten, änderten die deutschen Behörden ihre Haltung, und Murat Kurnaz wurde später freigelassen.

Rasul Kudaev, Russland
Rasul Kudaev, nachdem er gefoltert worden war © Privat

«In Guantánamo hat er nichts gestanden, weil er nichts Falsches getan hatte. Hier in Russland wurde er so brutal misshandelt, dass er es nicht länger aushielt und gegen sich selber aussagte». Mutter von Radul Kudaev

Radul Kudaev war im Jahr 2004 nach Russland gebracht worden. Im Oktober 2005 wurde er erneut festgenommen, weil man ihn verdächtigte, einen Terrorakt auf die Stadt Nalchik zu planen. Wie Bilder, Zeugenaussagen und offizielle Dokumente belegen, wurde er von der Polizei gefoltert, damit er «gestand». Eine erste Anhörung fand im Oktober 2007 statt. Amnesty International begleitet seinen Fall.

Jumah al-Dossari , Bahrain / Saudi Arabien
© Privat

«Ich wollte mir das Leben nehmen, um der Welt zu zeigen, dass die Haftbedingungen in Guantánamo unterträglich sind» Jumah al-Dossari zu seinem Anwalt

Während seiner Festnahme in Guantánamo hat Jumah al-Dossari mindestens zwölf Selbstmordversuche unternommen. Am 16. Juli 2007 wurde Jumah al-Dossari zusammen mit 15 anderen Saudi-Arabern von Guantánamo nach Saudi Arabien verlegt. Gemäss Medienberichten wurden alle 16 unmittelbar nach ihrer Ankunft in Gewahrsam genommen und von Behörden befragt. Seine Mutter, sein Bruder und seine Schwester, die ihn in Riad sahen, sagten, dass es ihm gesundheitlich besser gehe und er sehr froh, sei, wieder zurück zu sein.

Ahktar Qassim Basit und 4 weitere Uiguren aus China, die nach Albanien transferiert wurden

 «Wir haben in Guantánamo sehr gelitten, doch wir leiden hier weiter…Andere Gefangene hatten ihre Länder, wir haben keinen Ort, wo wir hingehen können…».

Die USA sind schon vor Jahren zum Schluss gekommen, dass die Uiguren keine Gefahr darstellten. Aufgrund der grossen Gefahr, dass sie in China weiter misshandelt oder gefoltert würden, versuchten die USA vergeblich, Drittländer – darunter auch die Schweiz – für eine Aufnahme zu gewinnen . Eine Asylgewährung in den USA wurde offenbar nicht in Betracht gezogen. Albanien sagte schliesslich zu – über die Gegenleistung ist nichts bekannt. So wurden die fünf Angehörigen der ethnischen Minderheit der Uiguren im November 2006 nach Albanien gebracht. Sprachprobleme, die hohe Arbeitslosenrate und ihre prekäre Wohnsituation in der Hauptstadt Tirana machen ihre Integration in die Gesellschaft jedoch sehr schwierig. 

Yousef al-Shehri, Saudi-Arabien
Yousef al-Shehri © Privat

Der 23-jährige Yousef al-Shehri ist im November 2007 aus Guantánamo freigelassen und in seine Heimat Saudi-Arabien zurückgebracht worden. Soldaten der Nordallianz hatten den 16-Jährigen kurz nach Beginn der von den USA angeführten Invasion in Afghanistan festgenommen und der US-Armee übergeben. Am 16. Januar 2002 begann für den damals Minderjährigen eine unsägliche Leidenszeit im Gefangenenlager Guantánamo. Al-Sheri hat sich während seiner Gefangenschaft an mehreren Hungerstreiks der Mitgefangenen beteiligt und ist brutal zwangsernährt worden. Wie alle anderen Saudi-Araber, die aus Guantánamo heimkehren konnten, nimmt er an einem Rehabilitationsprogramm teil. Die Schweizer Sektion von Amnesty International hatte sich im Herbst 2007 mit einer Kartenaktion, an der über 5'200 Personen teilgenommen haben, für al-Shehri eingesetzt.

Stand: September 2008

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