Interview «Burka-Verbot»: Irritation rechtfertigt keine Diskriminierung

Interview von Fabienne Engler, basierend auf einem Podcast von Sina Madlena Riz à Porta
Wie sieht eine Muslima die «Initiative für ein Verhüllungsverbot», über die wir am 7. März an der Urne abstimmen? Ein Gespräch mit Fathima Ifthikar, einer politisch engagierten Muslima aus Zürich.
Amnesty: Du setzt dich für ein Nein zur sogenannten «Burka-Initiative» ein. Warum?
Fathima Ifthikar: Es gibt zwei Gründe. Einerseits ist da der Absender der Initiative, das Egerkinger Komitee. Dieses Komitee hatte schon 2009 die Minarett-Initiative zur Abstimmung gebracht. Davor war es mir nie in den Sinn gekommen, dass die Schweiz muslimfeindlich sein könnte. Die deutliche Annahme der Minarett-Initiative war für mich damals ein Schock. Andererseits habe ich es satt, mich für meine Lebensführung rechtfertigen zu müssen. Als Frau darf ich weder zu freizügig sein noch zu bedeckt. Und das geht für mich nicht. Ich als Feministin möchte leben, so wie ich das will. Dazu gehört, dass ich mich bewusst für einen Glauben entscheiden kann.
 
Warum tragen deiner Meinung nach manche Frauen eine Burka?
Ich kenne niemanden, der eine Burka trägt, und ich trage selbst keine. Ich kann es mir auch nicht vorstellen. Meine Interpretation des Islams verlangt nicht, dass ich mein Gesicht verdecke. Aber wenn manche Frauen denken, dass sie ihre Religiosität durch eine Vollverschleierung besser ausleben können, dann sollen sie das machen dürfen. Ich plädiere für das Recht auf Selbstbestimmung.
Es ist in Ordnung, wenn eine Person diesen freien Entscheid nicht versteht. Ich kann auch nachvollziehen, wenn der Anblick einer Burka jemanden irritiert. Aber das ist ein Moment, der vorübergeht. Ich traue es uns zu, mit dieser momentanen Irritation umzugehen. Wir müssen uns sagen können: Okay, das ist jetzt gerade etwas befremdend und passt nicht in unser Weltbild. Irritation rechtfertigt kein generelles Verbot.
 
Angenommen, einige Frauen in der Schweiz würden zum Tragen einer Gesichtsverschleierung gezwungen. Denkst du, die ein Verhüllungsverbot würde ihnen helfen, sich dagegen zu wehren?
Nein, ich denke kaum. Würde die Gesichtsverschleierung tatsächlich verboten, würde ein Ehemann oder Vater nicht einfach sagen: Also gut, geh ohne Burka aus dem Haus. Das wird nicht passieren. Ich fürchte, dass diese Frauen stattdessen isoliert würden und das Haus nicht mehr verlassen dürften, was wirklich schlimm wäre. Konkret braucht es Aufklärungsarbeit und finanzielle Unterstützung an die Frauenhäuser statt eines Burka-Verbots. Dort müsste das Geld hin, dass jetzt in diese Abstimmungskampagne fliesst. Dort kann man Frauen helfen, die aus einem Zwang ausbrechen wollen.
 
Mit welchen Vorurteilen sehen sich muslimischen Frauen in der Schweiz konfrontiert?
Ich habe schon Dinge gehört wie: Dein Mann zwingt dich sicher, ein Kopftuch zu tragen. Du arbeitest bestimmt nicht und bist mit drei Kindern zu Hause... Es ist menschlich, Vorurteile zu haben. Für mich geht es aber um die Frage, wie weit wir uns von Vorurteilen leiten lassen, und wie wir uns mit ihnen auseinandersetzen. Bei der Debatte um die Burka wird oft gesagt, dass die Burka nicht zu den «Schweizer Werten» passe. Was sind denn «Schweizer Werte»? Sind «Schweizer Werte» Mann und Frau mit zwei Kindern – Knabe und Mädchen -, mit einem Hund und einem Haus am See? So gesehen, gehört das Kopftuch wohl auch nicht zu diesen «Schweizer Werten». Ich glaube daher, dass nach dem Burka-Verbot das Kopftuch-Verbot folgen würde.
 
Was wünschst du dir für die Muslim*innen in der Schweiz?
Ich wünsche mir, dass die Verhüllungsinitiative abgelehnt wird. Ich fürchte den Tag nach der Abstimmung. Ich möchte diesen Leuten nicht begegnen, die wie nach der Abstimmung zur Minarett-Initiative das Gefühl haben, sie könnten mich jetzt anfeinden und bei mir ihren Dampf ablassen. Die mir sagen, ich gehöre nicht in die Schweiz. Jeder Schweizer, jede Schweizerin hatte schon Kontakt zu Menschen muslimischen Glaubens. Wir sind bereits jetzt Teil dieser Gesellschaft. In den meisten Momenten wird unser Muslimisch Sein aber gar nicht wahrgenommen, ausser eben bei Menschen, die ein Kopftuch tragen, keinen Alkohol trinken etc. Ich wünsche mir, dass Menschen merken, dass die 400'000 Muslime und Musliminnen in der Schweiz alle verschieden sind. Es muss in den Köpfen ankommen, dass nicht alle Menschen muslimischen Glaubens in den gleichen Topf geworfen werden können.
 
Hinweis: Fathima Ifthikar ist Teil des Kollektivs «Nein zu Hass und Hetze». Das Kollektiv koordiniert unter anderem die Aktion Nachbarschaftsbrief. Fordern auch Sie Ihre Nachbar*innen zum Nein-Stimmen auf!
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