Interview «Eine sexistische, rassistische und islamfeindliche Initiative»

Originaltext Französisch von Emilie Mathys, basierend auf einem Podcast von Isabel Vidal Pons
Meriam Mastour ist Anwaltspraktikantin und Mitglied des Frauenstreikkollektivs Genf sowie der «Foulards Violets». In der achten Episode von Amnesty Talks widmen wir uns der sogenannten «Initiative für ein Verhüllungsverbot», über die die Stimmbevölkerung am 7. März 2021 abstimmt.

Hier geht es zum Originalpodcast (Französisch).

Amnesty: Gerade jetzt, im Vorfeld der Abstimmung über die «Burka-Initiative», ist es wichtig, über die Erfahrungen von muslimischen Frauen und Frauen mit Kopftuch zu sprechen, egal ob dieses nun das Gesicht vollständig bedeckt oder nicht. Wie sieht die Situation von muslimischen Frauen in der Schweiz aus?

Meriam Mastour: Die Situation muslimischer Frauen in der Schweiz ist sehr unterschiedlich: Einige Musliminnen tragen  ein Kopftuch und andere nicht. Einige wenige tragen den Nikab (in der Debatte fälschlicherweise oft als Burka bezeichnet). Musliminnen, die ein Kopftuch tragen, werden manchmal daran gehindert, gewisse öffentliche Dienste in Anspruch zu nehmen (zum Beispiel Schwimmbäder), an Sportveranstaltungen teilzunehmen oder gewisse Berufe auszuüben. Ein Beispiel für Letzteres ist das Genfer Gesetz über die Laizität, welches das Tragen eines «religiösen» Symbols bei der Arbeit verbietet. Dieses Gesetz trifft Frauen im Büro genauso wie Reinigungsfachfrauen oder Babysitterinnen. Leider sehen sich viele Musliminnen in der Schweiz auch mit Gewalt und Beleidigungen im öffentlichen Raum konfrontiert.

Warum engagieren Sie sich gegen diese Initiative?

Ich engagiere mich als Teil der «Foulards Violets». Die «Foulards Violets» sind im Vorfeld des 14. Juni 2019 als Antwort auf einen Mobilisierungsaufruf des Frauenstreiks entstanden. Der Aufruf sagte im Wesentlichen: Wir haben einige allgemeine Forderungen, aber es ist uns wichtig, dass Minderheiten innerhalb des Streiks auch ihre spezifischen Forderungen unterbringen können. Für muslimische Frauen ist das Kopftuch ein sehr wichtiges Thema. Nach der Annahme des Laizitäts-Gesetzes in Genf, einem ganz klar diskriminierendes Gesetz, entschieden wir uns, die «Foulards Violets» zu gründen. Für uns war es ein Schock, das Kopftuch tragende Frauen in Genf aus dem Parlament, der Regierung, der Arbeitswelt und dem öffentlichen Raum ausgeschlossen werden konnten. Wir Frauen haben bereits genug Diskriminierungen, die wir angehen müssen. Und jetzt das: Aufgrund unserer Identität als Musliminnen kann man uns einen Teil unserer Grundrechte entziehen. Wir haben unser Engagement seit 2019 weitergeführt und engagieren uns jetzt gegen die Anti-Burka-Initiative. Obwohl kein Mitglied unseres Kollektivs eine Burka trägt, sind wir dennoch alle von der Initiative betroffen: Denn diese Initiative vereint Sexismus, Rassismus und Islamophobie.

Welche Auswirkungen hätte eine Annahme der Initiative auf muslimische Frauen?

Die derzeitige mediale und öffentliche Debatte kann für Mitglieder der muslimischen Gemeinschaften eine Gewalterfahrung darstellen. Denn sie ist banalisierter Rassismus. Das war auch bei der Minarett-Initiative so. Aber es gibt auch Unterschiede: Die Nein-Kampagne gegen ein «Burka-Verbot» wird von einer breiten links-feministischen Allianz getragen – auch wenn die Medien gerne die Spaltung der feministischen Bewegung hinaufbeschwören. Für die muslimische Minderheit in der Schweiz ist es enorm wichtig zu spüren, dass nicht die gesamte Bevölkerung dem Populismus und der Symbolpolitik verfällt.

Aber sprechen wir ganz konkret von den 20 bis 30 Nikabträgerinnen, die die Schweiz heute zählt: Wird die Initiative angenommen, so dürfen sie künftig kein Tüchlein mehr vor dem Mund tragen – sie dürften jedoch noch immer eine Maske vor dem Mund tragen. Aber unsere Verfassung würde bei einer Annahme der Initiative einen Artikel enthalten, der eine gesamte Bevölkerungsgruppe stigmatisiert. Wir sind doch Bürgerinnen wie alle anderen!

Gemäss der Befürworter*innen der Initiative trage diese zur Emanzipation der Frauen bei. Was halten Sie von einer solchen Argumentation?

Die Befürworter sagen, dass sie Frauen befreien möchten, und hetzen ihnen dafür die Polizei auf den Hals und büssen sie? Was für ein Staat tut so etwas? Welche Befreiung kriminalisiert die Opfer? In Frankreich ist die Burka bereits seit 10 Jahren verboten. Eine Soziologin hat dort zur Burka geforscht und herausgefunden, dass die Anzahl der Burkaträgerinnen in den letzten 10 Jahren massiv zugenommen hat. Das Verbot war also kontraproduktiv. Andere Studien in der Schweiz zeigen, dass es sich bei den Burkaträgerinnen in der Schweiz um Konvertitinnen handelt, die die Burka aus freien Stücken tragen, und diesen Entscheid oft gegenüber ihrer Familie oder dem Partner rechtfertigen müssen. Burka und Kopftuch sind auch nur Kleidungsstücke: Beide werden von Frauen in gewissen Lebensabschnitten getragen und in anderen nicht. Die Frauen entscheiden dabei aus unterschiedlichen Gründen, diese Kleidungsstücke anzuziehen oder abzulegen. Wir sollten dieses Thema rational betrachten können, diese wissenschaftlichen Erkenntnisse in unsere Überlegungen miteinbeziehen, und uns nicht nur von Emotionen verleiten lassen.  

Eine letzte Frage zum Schluss: Ist eine Frau mit Kopftuch zwingend anti-feministisch eingestellt?

Nein, natürlich nicht! Wer ein solches Statement macht, hat keine Ahnung was es bedeutet, Feministin zu sein und von den verschiedenen Strömungen innerhalb des Feminismus. Innerhalb ihrer eigenen Religion reinterpretieren Musliminnen zum Beispiel die alten Texte. Sie können ihre Emanzipation sehr gut selbst in die Hand nehmen. Muslimische Frauen sind Frauen wie alle anderen: Als Frauen gibt es Probleme, die uns alle betreffen, wie zum Beispiel die Lohngleichstellung und die AHV. Es ist doch offensichtlich, dass eine Feministin auf ihrem Kopf tragen kann, was auch immer sie will, dass sie ihrem Glauben nachgehen darf, wie immer sie will. Enorm viele Musliminnen bezeichnen sich selbst als Feministinnen.

Das Genfer Kollektiv der «Foulards Violets» besteht aus muslimischen und nicht-muslimischen Frauen, die ein Kopftuch tragen oder nicht, und sich solidarisch mit denen zeigen, die sich dafür entschieden haben oder nicht. Das Kollektiv mobilisiert sich stark für ein Nein zur «Initiative für ein Verhüllungsverbot».

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