Interview mit Nathalie Trummer zur CSW «Auffallend war die starke Polarisierung der Delegationen»

18. März 2013
Interview mit Natalie Trummer, Geschäftsleiterin von  TERRE DES FEMMES Schweiz. Natalie Trummer war als Vertreterin der NGO-Koordination Post-Beijing Mitglied der Schweizer Delegation an der diesjährigen CSW in New York.

AI:  Was ist deine Bilanz nach zwei Wochen Verhandlungen in New York?

Auffallend war die von Anfang an starke Polarisierung der Länderdelegationen: Da sind auf der einen Seite die politisch und moralisch argumentierenden Delegationen, auf der anderen diejenigen, die bereit sind, sich den gesellschaftlichen Problemen zu stellen und sie anzugehen. An dieser Polarisierung ändern meines Erachtens auch die nun verabschiedeten agreed conclusions nicht viel.

Es war aber auch von Anfang an allen Delegationen klar, dass weder UN Women noch die NGOs ein Scheitern der Verhandlungen akzeptieren würden. Der Druck auf die Konferenz war dem entsprechend gross und nahm mit jedem Tag weiter zu. Auch wenn es schwierig und langwierig werden würde, musste ein Konsens gefunden werden. Den Delegationen, die Brücken suchten oder bauten, kam dabei eine besondere Rolle zu.

Was wird dir besonders positiv in Erinnerung bleiben?

Nachhaltig beeindruckt haben mich Michelle Bachelet und Lakshmi Puri, die Direktorin und die Vizedirektorin von UN Women, die ich mehrmals live erleben durfte. Sie haben es geschafft, den Delegationen klar zu machen, dass es hier nicht einfach um ein Papier geht oder um diplomatische Karrieren, sondern dass die Frauen und Mädchen dieser Welt auf uns schauen und von uns erwarten, dass wir ein Dokument verabschieden, das über eine starke Sprache verfügt, damit der Gewalt an Frauen und Mädchen Einhalt geboten werden kann.

… und auf der Seite der negativen Erinnerungen?

Die Tatsache, dass es Staaten gibt, die nationale und moralisch-religiöse Direktiven unter allen Umständen aufrechterhalten. Und das auf dem Buckel von Millionen Frauen und Mädchen. Dieser Zynismus und diese Ignoranz waren für mich persönlich kaum zu ertragen, das hat mich nur noch mehr darin bestärkt, dass es kein wichtigeres Thema gibt, als sich für das Selbstbestimmungsrecht von Frauen und Mädchen einzusetzen.

Wie wurde über die sexuellen und reproduktiven Rechte diskutiert?

Es war offensichtlich, dass die sexuellen und reproduktiven Rechte vom Heiligen Stuhl und von konservativen Staaten als moralisch verwerflich betrachtet werden und sie in diesen Rechten eine Bedrohung für werdendes Leben sehen. Diese Ansichten waren an der CSW stark vertreten. Demgegenüber betonten die progressiven Staaten das Selbstbestimmungsrecht als Menschenrecht. Andere Staaten, die mit einer hohen HIV/Aids Rate zu kämpfen haben oder wo die Armut ein Problem darstellt, haben sich tendenziell für eine starke Sprache in Bezug auf die sexuellen und reproduktiven Rechte eingesetzt.

Was für Zeichen gibt uns die CSW mit Blick auf die kommenden Diskussionen um Kairo+20? Eher positive oder negative?

Ich fürchte, dass sich die Radikalisierungen in den arabischen Ländern seit dem arabischen Frühling durchaus negativ für Kairo+20 auswirken könnten. Es wird wohl darauf ankommen, ob in der Zwischenzeit die fundamentalistischen und konservativen Kräfte weiter etablieren oder aber eher wieder zurückgedrängt werden. Ich denke, es wird schwierig werden, die sexuellen und reproduktiven Rechte zu stärken, aber vielleicht können die agreed conclusions doch eine Grundlage bilden. Ich denke aber, dass die progressiven Staaten und die Uno bereits jetzt mit dem Lobbying anfangen müssen. Hier kommt auch den NGOs eine wichtige Rolle zu.