Die Todesstrafe im Jahr 2010 Die Länder mit Todesstrafe zunehmend isoliert

März 2011
Die Länder mit Todesstrafe sind international zusehends isoliert – besonders nach einem Jahrzehnt vieler Fortschritte auf dem Weg zur Abschaffung. Das ist die Bilanz des Jahresberichtes über die Todesstrafe 2010 von Amnesty International. Dramatisch bleibt die Situation in China und im Iran.

In den letzten zehn Jahren haben 31 Länder die Todesstrafe in Gesetz oder Praxis abgeschafft; so sind es heute insgesamt 139 Länder ohne Todesstrafe. Von den 58 Ländern mit Todesstrafe haben weniger als die Hälfte (23) letztes Jahr Hinrichtungen durchgeführt.

Die Anzahl der Hinrichtungen, die von Amnesty International im Jahr 2010 offiziell verzeichnet wurden, ging weiter zurück: Von 714 im Jahr 2009 auf 527 im Jahr 2010. Allerdings sind darin die Hinrichtungen in China nicht enthalten: Dort wurden mehrere Tausend Menschen hingerichtet, doch die genauen Zahlen werden von der Regierung geheim gehalten. China hat mehr Hinrichtungen durchgeführt als alle anderen Länder der Welt zusammen.

Es ist eine kleine Minderheit von Staaten, welche für die grosse Mehrheit der Hinrichtungen verantwortlich ist: China, Iran, Saudi Arabien, die USA und Yemen widersetzen sich weiterhin dem globalen Trend zur Abschaffung der Todesstrafe.

Download Hinrichtungen und Todesurteile 2010 (53 Seiten, Deutsch)

Download Todesstrafe 2010 (10 Seiten, Deutsch)

Download Medienmitteilung

Hinrichtungen 2010

Folgende Länder vollstreckten 2010 Todesurteile:

Ägypten (4), Äquatorialguinea (4), Bahrain (1), Bangladesch (> 9), Belarus (2), Botsuana (1), China (Tausende), Irak (> 1), Iran (> 252), Japan (2), Jemen (> 53), Libyen (> 18), Malaysia (> 1), Nordkorea (> 60), Palästinensische Autonomiegebiete (5), Saudi-Arabien (> 27), Singapur (+), Somalia (> 8), Sudan (> 6), Syrien (> 17), Taiwan (4), USA (46), Vietnam (+).

Hinrichtungsmethoden

Im Jahr 2010 sind nach Kenntnis von Amnesty International folgende Hinrichtungsmethoden bei der Vollstreckung der Todesstrafe zur Anwendung gekommen:

  • Enthaupten – Saudi-Arabien
  • Elektrischer Stuhl – USA
  • Giftinjektion – China, USA
  • Erschießen – Äquatorialguinea, Bahrain, Belarus, China, Jemen, Nordkorea, Palästinensische Autonomiegebiete, Somalia, Taiwan, USA, Vietnam
  • Hängen – Ägypten, Bangladesch, Botsuana, Irak, Iran, Japan, Malaysia, Nordkorea, Singapur, Sudan, Syrien

Es gab keine Berichte über Urteilsvollstreckungen durch Steinigung. Iran, der nigerianische Bundesstaat Bauchi sowie Pakistan sollen jedoch neue Urteile verhängt haben.

Öffentliche Vollstreckungen von Todesurteilen wurden aus Iran, Nordkorea und Saudi-Arabien bekannt.

Todesurteile 2010

Mindestens 2024 neue Todesurteile wurden 2010 in 67 Ländern verhängt; dies ist der niedrigste Wert, der anhand unserer Recherchen als gesichert gelten kann. In den folgenden Ländern wurden im vergangenen Jahr Todesurteile verhängt:

Ägypten (185), Äquatorialguinea (4), Äthiopien (> 5), Afghanistan (> 100), Algerien (> 130), Bahamas (> 5), Bahrain (1), Bangladesch (> 32), Barbados (1), Belarus (3), Benin (> 1), Brunei Darussalam (+), Burkina Faso (> 1), China (+), Demokratische Republik Kongo (+), Gambia (13), Ghana (17), Guatemala (1), Guyana (> 1), Indien (> 105), Indonesien (> 7), Irak (> 279), Iran (+), Jamaika (4), Japan (14), Jemen (> 27), Jordanien (9), Kamerun (+), Kenia (> 5), Kuwait (> 3), Laos (4), Li (> 12), Liberia (11), Libyen (+), Madagaskar (> 2), Malawi (2), Malaysia (> 114), Malediven (1), Mali (> 14), Marokko/Westsahara (4), Mauretanien (> 16), Myanmar (2), Nigeria (> 151), Nordkorea (+), Pakistan (365), Palästinensische Autonomiegebiete (> 11), Sambia (35), Saudi-Arabien (> 34), Sierra Leone (1), Simbabwe (8), Singapur (> 8), Somalia (> 8), Sri Lanka (+), Sudan (> 10), Südkorea (4), Syrien (> 10), Taiwan (9), Tansania (> 5), Thailand (> 7), Trinidad und Tobago (+), Tschad (1), Tunesien (> 22), Uganda (> 5), USA (> 110), Vereinigte Arabische Emirate (> 28), Vietnam (> 34), Zentralafrikanische Republik (14).

Die weltweite Situation

Die neuesten Informationen der Menschenrechtsorganisation Amnesty International zeigen:

  • 96 Staaten haben die Todesstrafe vollständig abgeschafft.
  • 9 Staaten sehen die Todesstrafe nur noch für außergewöhnliche Straftaten wie etwa Kriegsverbrechen oder Vergehen nach Militärrecht vor.
  • 34 Staaten haben die Todesstrafe in der Praxis, aber nicht im Gesetz abgeschafft.

Somit wenden momentan insgesamt 139 Staaten die Todesstrafe nicht mehr an.

  • 58 Staaten halten weiterhin an der Todesstrafe fest.

Das bedeutet, dass mittlerweile mehr als zwei Drittel aller Staaten weltweit die Todesstrafe per Gesetz oder zumindest in der Praxis abgeschafft haben. Dennoch lebt nur ein Drittel der Weltbevölkerung in Staaten, die nicht hinrichten.

Globaler Trend zur Abschaffung

Im Jahr 2010 waren weitere Schritte hin zur globalen Abschaffung zu verzeichnen: Gabon hat die Todesstrafe endgültig abgeschafft und die Mongolei hat ein Moratorium beschlossen. Die dritte Uno-Erklärung für ein weltweites Todesstrafen-Moratorium fand mehr Unterstützung in der Generalversammlung als je zuvor. Von den Ländern mit Todesstrafe haben seit 2003 weniger als die Hälfte Hinrichtungen durchgeführt.

«Eine Welt ohne Todesstrafe ist nicht nur möglich sondern unvermeidbar», erklärte Salil Shetty, der Generalsekretär von Amnesty International. «Die Frage ist nur noch, wie lange es bis dahin dauern wird.»

Während Mitte der 1990er Jahre für jedes Berichtsjahr Exekutionen in durchschnittlich 40 Ländern stattfanden, waren es in den ersten Jahren dieses Jahrhunderts im Schnitt nur noch 30. 2008 haben Berichten zufolge 25 Länder Häftlinge hingerichtet, 2009 waren es nur noch 19 Länder – und damit die niedrigste Jahresbilanz überhaupt, seit Amnesty International diese Daten recherchiert. Im Jahr 2010 wurden Urteilsvollstreckungen aus 23 Ländern bekannt.

Die Zahl der Länder, in denen die Todesstrafe per Gesetz oder in der Praxis abgeschafft ist, stieg während des vergangenen Jahrzehnts beträchtlich an, und zwar von 108 im Jahr 2001 auf zuletzt 139.

Geheimhaltung

Nur aus wenigen Ländern gab es 2010 überhaupt offizielle Angaben über die Anwendung der Todesstrafe. Nach wie vor wird sie in Belarus, China und der Mongolei als «Staatsgeheimnis» behandelt. Aus Malaysia, Nordkorea und Singapur waren nur wenige Informationen zu erlangen. In Vietnam gibt es ein Gesetz, das untersagt, Angaben über die Anwendung der Todesstrafe zu veröffentlichen.

In mehreren Ländern – darunter Ägypten, Belarus, Botsuana und Japan – werden die Verurteilten nicht über den Zeitpunkt ihrer Hinrichtung in Kenntnis gesetzt, ebenso wenig ihre Familien oder Anwälte. In Belarus, Botsuana und Vietnam werden die Leichen der Hingerichteten den Angehörigen nicht zur Bestattung übergeben.

Regionale Zusammenfassung

In den USA, dem einzige Land mit Hinrichtungen auf dem Doppelkontinent Amerika, wurden 110 Todesurteile gefällt – was etwa einem Drittel der Hinrichtungen Mitte der 1990er Jahre entspricht. Im März 2011 wurde Illinois zum 16. Bundesstaat ohne Todesstrafe.

In mehreren Ländern von Asien-Pazifik hat Amnesty International keine vollständigen Angaben zur Anwendung der Todesstrafe erhalten, obwohl diese Länder Hinrichtungen durchgeführt haben: China, Malaysia, Nordkorea, Singapur und Vietnam. Im Januar 2010 hat der Präsident der Mongolei ein Todesstrafen-Moratorium beschlossen.

Nach dem ersten Hinrichtungs-freien Jahr 2009 in Europa und Zentralasien, exekutierte Belarus im März 2010 zwei Gefangene und verurteilte drei Gefangene zum Tod.

Weniger Todesstrafen und Hinrichtungen wurden insgesamt in Nahost und Nordafrika für das Jahr 2010 verzeichnet. Doch wenn die Todesstrafe angewendet wurde, geschah dies oft nach unfairen Prozessen und für Delikte wie Drogenschmuggel oder Ehebruch. Die Behörden im Iran bestätigen die Hinrichtung von 252 Gefangenen, darunter fünf Frauen und ein Jugendlicher (zum Zeitpunkt der Tat). Amnesty hat jedoch glaubwürdige Informationen erhalten, wonach es mindestens 300 weitere Hinrichtungen gab.

Im Südlichen Afrika hat Gabon im Februar 2010 die Todesstrafe endgültig abgeschafft, so sind insgesamt 16 Länder der Afrikanischen Union heute ohne Todesstrafe. Nur vier Länder haben Hinrichtungen durchgeführt: Botswana, Equitorial-Guinea, Somalia und Sudan.