Mihaela Copot im Interview «Ich will mich nicht länger verstecken»

Mihaela Copot ist Mitglied von Amnesty International in der Republik Moldau. Die Aktivistin für die Rechte von Lesben, Schwulen, Bi- und Transsexuellen gibt Auskunft über ihre Rolle als Rednerin an der Europride 2009 in Zürich und die Unmöglichkeit, eine ähnliche Veranstaltung in ihrem Heimatland abzuhalten, wo die Menschenrechte derzeit einen schweren Stand haben.

Mihaela Copot © Sabine Rock Mihaela Copot © Sabine Rock

Amnesty International: Was bedeutete es Ihnen, als Rednerin an der Europride aufzutreten?

Mihaela Copot: Es war eine grossartige Gelegenheit, um die Republik Moldau ins Bewusstsein der internationalen MenschenrechtsverteidigerInnen zu bringen. Ich habe die Europride nicht in erster Linie als Party betrachtet, sondern als Ort der Unterstützung und der Solidarität. Für mich war es eine Ehre, hier zu sprechen. Eine Ehre, die aber auch viele Folgen haben kann.

Sind Sie in Ihrem Heimatland bedroht? Machte Sie der Auftritt in Zürich noch verletzlicher?
Die Rede bedeutete sicherlich, dass ich sehr viel Aufmerksamkeit erhielt. Ich werde sehen, inwiefern sie zuhause registriert wurde. Ein solcher Auftritt ist Teil eines Outing-Prozesses, der für mich wichtig ist. Ich will mich nicht länger verstecken. Die internationale Aufmerksamkeit wird helfen, die Lage in Moldau zu verändern. Wie heisst es doch gleich: «Reden ist Leben, Schweigen bedeutet Tod.»

Welche Menschenrechte von Lesben, Schwulen, Bi- und Transsexuellen (LGBT) werden in Moldau verletzt?
In erster Linie die Rechte auf freie Meinungsäusserung, Versammlungs- und Vereinigungsfreiheit. Ich leite eine neugegründete Organisation namens HomoDiversus Pro. Es wurden uns bis jetzt viele Steine in den Weg gelegt. So hatten wir zum Beispiel grosse Schwierigkeiten, die Organisation registrieren zu lassen, weil die Behörden sie offenbar auf Grund des Namens mit Homosexualität in Verbindung brachten. Viele andere Organisationen haben ähnliche Schwierigkeiten.

Wer übt diese Diskriminierung aus?
Anscheinend arbeiten die Regierung und die Kirche bei diesem Thema Hand in Hand und schaffen ein Klima der Intoleranz. In Moldau wäre es undenkbar, eine Demonstration wie die Europride abzuhalten. Es gibt zwar einen kleinen Pride-Anlass, aber der muss drinnen stattfinden und die Teilnehmenden sind auch dann nicht sicher: Im Jahr 2009 wurde ein schwedischer Teilnehmer zusammengeschlagen, und zwar gleich vor einer Polizeiwache. Dorthin war er von der Polizei selbst gebracht worden, ohne dass er zuvor befragt worden wäre. Eine andere Teilnehmerin, die auf Fernsehbildern zu sehen war, verlor danach ihre Arbeitsstelle. Die Polizei schützte die friedlichen Demonstranten und Demonstrantinnen überhaupt nicht, als sie von Gegendemonstranten eingekreist und angegriffen wurden.

Wie hat sich das Klima seit den Wahlen vom Frühling 2009 verändert?
Die Lage für Menschenrechtsaktivistinnen und –aktivisten ist generell viel schwieriger geworden. Das betrifft bei weitem nicht nur jene, die sich spezifisch für LGBT-Rechte einsetzen. Es gibt eine starke Repression. Dies ist eine Retourkutsche dafür, dass sich die Zivilgesellschaft und die unabhängigen Medien für faire Wahlen eingesetzt haben. Auch ganz normale Menschen und ihre Familien haben den Terror der kommunistischen Partei erlebt: Hunderte Menschen wurden verhaftet und auf der Polizeiwache gefoltert, darunter auch Frauen und Jugendliche. Vier Menschen starben in den Demonstrationen nach dem Wahltag.

Anfang Juni 2009 wurde entschieden, dass die Wahlen wiederholt werden müssen. Ihre Prognose?
Man kann nicht sagen, wie es ausgehen wird. Ich weiss nur, dass das gegenwärtige Klima fairen und freien Wahlen ganz und gar nicht förderlich ist. Es ist von entscheidender Bedeutung, dass die internationalen Menschenrechtsorganisationen die Situation genau beobachten.

 

 

 

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