Europride 2009 Die Rede von Mihaela Copot

26. Mai 2009
Mihaela Copot setzt sich in der Republik Moldau mit Amnesty International für die Rechte der LGBT ein. Sie hielt an der Europride 2009 eine Rede. Hier finden Sie die deutsche Übersetzung der Rede:

Mihaela Copot © Sabine Rock Mihaela Copot © Sabine Rock


Hallo Europride!

Es ist ein Privileg, zu so mutigen und engagierten Frauen und Männern zu sprechen, die für die Menschenrechte einstehen, auch wenn es in Strömen regnet!

Hallo alle zusammen, Schwule, Lesben, Bi- und Transsexuelle aus ganz Europa, aus der ganzen Welt, mit euren Freundinnen und Freunden und Familien, alle, die ihr hier in Zürich zusammengekommen seid, um diese EuroPride zu feiern, ich grüsse euch! Dass ich als Vertreterin eines osteuropäischen Landes hier mit euch zusammen feiern kann, freut mich riesig und ehrt mich sehr.

Wir sind eine grosse Familie und Gemeinschaft in Europa und in der ganzen Welt, und dass ich hier heute dabei bin, gibt mir das Gefühl, zu einer weiteren Familie zu gehören - das ist ein grossartiges Gefühl!

Jedes Mal wenn wir für eine Pride zusammen kommen, schicken wir eine Botschaft der Liebe in die ganze Welt. Wir sind hier, um unsere Geschichten von dieser Liebe miteinander auszutauschen, Geschichten, die alle Schranken und Grenzen überwinden. Jedes Mal wenn wir zusammen für eine Pride-Parade auf die Strasse gehen, ist das ein Manifest für diese Liebe und für unser Recht auf Freiheit und Würde.

Und wir müssen das auch weiterhin tun. Denn leider gibt es immer noch Länder auf dieser Welt, wo Menschen wie wir belästigt, verfolgt, der Gewalt ausgesetzt, verhaftet, bestraft, eingesperrt, oder sogar mit dem Tod bestraft werden.

Es gibt auch in Europa noch immer Länder, in denen Menschen wie wir nicht mit Stolz auf die Strasse gehen, keine Pride veranstalten, nicht ihre Liebe feiern können. Unsere Schwestern und Brüder in Moldau, Russland, Litauen und anderen Ländern können nicht wie wir heute hier friedlich für ihre Rechte demonstrieren - weil es zu gefährlich und lebensbedrohlich wäre.

Dies ist die vierte Pride in meinem Leben, an der ich teilnehme. Aber keine dieser vier hat in meinem eigenen Land, in Moldau stattgefunden. Seit Jahren kämpft die Schwulen-, Lesben-, Bi- und Trans-Community in Moldau dafür, einen friedlichen Umzug im Namen ihrer grundlegenden Menschenrechte zu veranstalten. Die moldauischen Behörden verbieten es ihnen regelmässig - entgegen dem Gesetz, das freie Meinungsäusserung und Versammlungsfreiheit garantiert.

Letztes Jahr in Chisinau habe ich zusammen mit Amnesty International und anderen Menschenrechtsorganisationen beobachtet und dokumentiert, wie etwa 50 Aktivistinnen und Aktivisten aus aller Welt, auch aus Moldau selbst, eine friedliche Zusammenkunft zugunsten eines

Antidiskriminierungsgesetzes durchzuführen versuchten, obwohl die Demonstration in gesetzeswidriger Weise verboten worden war. Was dabei abging, möchte ich euch kurz schildern: Der Bus, in dem die Aktivistinnen und Aktivisten sich befanden, wurde von einem wütenden Mob von etwa 300 Gegendemonstrantinnen und –demonstranten empfangen und umringt – zusammengesetzt aus radikal-religiösen und paramilitärischen Gruppierungen sowie Neonazis. Sie blockierten den Bus und nahmen die darin Sitzenden etwa eine Dreiviertelstunde lang regelrecht zur Geisel.

Während dieser ganzen Zeit schlugen sie an die Fenster, versuchten den Motor zu zerstören, und sie zündeten sogar in unmittelbarer Nähe ein Feuerzeug an. Nachdem sie den Demonstrantinnen und Demonstranten die Banner weggenommen und sie zerstört hatten, liessen sie sie schliesslich ziehen. Die ganze Zeit über stand die Polizei daneben und unternahm nichts, um die TeilnehmerInnen an der friedlichen Demonstration zu schützen und ihr Recht auf Versammlungsfreiheit zu gewährleisten.

Deshalb habe ich gemischte Gefühle, wenn es um Prides geht: Einerseits macht es mich glücklich, bei diesen grossartigen Feiern dabei zu sein, weil sie immer eine äusserst wichtige Botschaft an den Rest der Welt senden, nämlich die Botschaft, dass gleiche Rechte für alle gelten müssen. Das ist auch an der heutigen Europride in Zürich so. Andererseits aber werde ich jedes Mal, wenn ich an einer Pride irgendwo in Europa teilnehme, unendlich bitter und traurig über mein eigenes Land und über meine eigene schwullesbische, bi- und transsexuelle Community, die dieses wundervolle und stärkende Erlebnis zuhause nicht haben kann.

Aber genau deswegen bin ich heute hier: Damit ich euch unsere Geschichte erzählen kann, und damit ich euch um eure Unterstützung bitten kann. Als Menschenrechtsaktivistin und Mitglied von Amnesty International nehme ich an Pride-Umzügen in den osteuropäischen Hauptstädten teil, in Bukarest, in Riga, weil ich ein Zeichen der Solidarität und der Unterstützung für unsere Gemeinschaft und für unsere gemeinsamen Rechte und Freiheiten setzen will. Und weil ich dies in meinem eigenen Land nicht kann. Und ich tue es, wann immer ich kann, weil EURE Rechte auch MEINE Rechte sind, oder nicht?

Deshalb rufe ich euch heute und hier auf: geht weiterhin mit Stolz auf die Strasse! Ich rufe euch auf: geht weiterhin auf die Strasse – geht wann immer ihr könnt, denn andere können es nicht.

Ich rufe euch auch: geht auf die Strasse, auch für die, die das nicht können. Vor allem aber rufe ich euch auf: Geht MIT UNS auf die Strasse – auf die Strassen in Osteuropa, solidarisch, für unsere Menschenrechte, für unsere Liebe, für unsere Würde! Geht mit uns auf die Strassen in Bukarest, Riga, Moskau, Chisinau und vielen anderen Städten, wo die Zahl der Gegendemonstrantinnen und Gegendemonstranten bisher grösser ist als unsere. Wo ihr bedroht werdet von gewalttätigen, brüllenden Menschenmengen und einem feindseligen Umfeld.

Steht ein für die Menschenrechte auch in dieser Region, seid mit uns solidarisch: nur gemeinsam werden wir es schaffen!

Über Mihaela Copot

Die 34-jährige Moldauerin ist ausgebildete Journalistin und engagiert sich seit 2002 als Bürgerrechtlerin. In den Jahren 2007 und 2008 wurde sie zum aktivsten Mitglied von Amnesty International in Moldau gekürt.

Sie setzte sich für eine Kampagne gegen Gewalt an Frauen ein und arbeitete in der LGBT-Gruppe von Amnesty Moldau mit. Seit zwei Jahren führt sie die Organisation «HomoDiversus Pro» an, die nach einem langen Kampf vor Gericht den Status eines anerkannten Vereins erlangt hat. Seither ist sie als Executive Director für «HomoDiversus Pro» tätig, einem Verein, der sich unter anderem gegen die Diskriminierung von Schwulen und Lesben durch die Kirchen einsetzt.

Mihaela Copot hat einen 14 Jahre alten Sohn und lebt seit fünf Jahren mit ihrer Partnerin Nataly zusammen.

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