Seit Jahren kritisieren Überlebende und Aktivisten die indische Regierung, sie habe die Opferzahlen der Giftgaskatastrophe in Bhopal massiv unterschätzt. | © PUNIT PARANJPE/AFP/Getty Images
Seit Jahren kritisieren Überlebende und Aktivisten die indische Regierung, sie habe die Opferzahlen der Giftgaskatastrophe in Bhopal massiv unterschätzt. | © PUNIT PARANJPE/AFP/Getty Images

Indien 30 Jahre Ungerechtigkeit in Bhopal

1984 starben bei der Giftgaskatastrophe im indischen Bhopal mehr als 20‘000 Menschen. Noch immer aber weigern sich Unternehmen und Regierung, die Verantwortung zu übernehmen.

In der Nacht zum 3.Dezember 1984 kam es im indischen Bhopal zu einer der schlimmsten Industrieunfälle des letzten Jahrhunderts: In einer Pestizidfabrik der Union Carbide Corporation (UCC) explodierte ein Gastank mit Methylisocyanat (MIC). 7000 bis 10'000 Menschen kamen unmittelbar bei der Chemiekatastrophe ums Leben, rund 15'000 starben in den folgenden 20 Jahren.

«Wir lebten direkt gegenüber der Fabrik, 150 Meter entfernt. Drei meiner Schwestern, zwei Brüder und meine Eltern starben in der Nacht. Meine Schwester, mein älterer Bruder und ich waren die einzigen Überlebenden», erklärt Sanjay Verma, der in einem Waisenhaus aufgewachsen ist. Der 30-Jährige ist mit dem Bhopal-Bus, der von Amnesty International unterstützt wird, unterwegs durch Europa, um auf die Katastrophe nach der Katastrophe aufmerksam zu machen.

Noch immer verseucht

30 Jahre nach der Tragödie ist das Gelände immer noch verseucht, obwohl die Kosten für eine Dekontaminierung gemäss einer Greenpeace-Studie nicht mehr als 30 Millionen Dollar betragen würden. Zehntausende von Menschen trinken nach wie vor vergiftetes Wasser. Mehr als 100‘000 Menschen leiden an unheilbaren, chronischen Krankheiten wie Atembeschwerden, Störungen des Nervensystems oder Krebs. Die Überlebenden warten noch immer auf Entschädigung und Wiedergutmachung. Auch Sanjay Verma, der zum Zeitpunkt des Unglücks sechs Monate alt war, muss heute Medikamente nehmen. «2005 hatte ich einen Schlaganfall, was für Menschen in meinem Alter ungewöhnlich ist, meinen die Ärzte.»

Die Reaktion von Union Carbide auf die Katastrophe von Bhopal wirft für Amnesty International grundsätzliche Fragen zu Verantwortung, Rechenschaftspflicht und Ethik von Unternehmen auf. Während in Bhopal Tausende von Menschen ihr Leben verloren, weil rund 54 Tonnen Methylisocyanat (MIC) und weitere Reaktionsprodukte ausgetreten sind, behaupteten Verantwortliche des Chemiemultis in den USA gleichzeitig immer noch, MIC sei nicht giftig. Bis heute hat sich UCC – die 2001 von Dow Chemical übernommen worden ist – geweigert, die Reaktionsprodukte zu nennen, die mit MIC ausgetreten sind. Dadurch wird eine korrekte Behandlung der Überlebenden verunmöglicht.

Gravierende Fehler

Union Carbide hatte schon vor dem verhängnisvollen Unglück vom 3. Dezember 1984 gravierende Fehler gemacht. Während die Firma in den USA ein Alarmsystem zur Information der Bevölkerung eingerichtet hat, fehlte es in Bhopal. Durch derartige unternehmerische Doppelstandards werden häufig Menschenrechte der armen Bevölkerung in Entwicklungsländern verletzt, kritisiert Amnesty International. Aber auch die indische Regierung hat versagt: Sie hat in einen Vertrag mit zu geringen Kompensationszahlungen eingewilligt, das Gelände nicht reinigen lassen und nicht für eine wirksame Behandlung der Erkrankten gesorgt.

Amnesty International fordert von Dow Chemical und der indischen Regierung, dass das verseuchte Gelände sofort gereinigt wird und die Bevölkerung von Bhopal Zugang zu sauberem Trinkwasser und einer guten medizinischen Versorgung erhält.

Kurzbericht «Indien, Bhopal: 25 Jahre nach der Katastrophe. Regierungen und Unternehmen entziehen sich ihrer Verantwortung.» 6 Seiten.

Kurzbericht «Dodging responsibility. Corporations, governments and the Bhopal disaster.» Mai 2009. 4 Seiten