Nigeria Klage gegen Shell wegen irreführender Informationen zur Ölverschmutzung

26. Januar 2011
Amnesty International und Friends of the Earth International haben am 25. Januar 2011 eine Klage gegen den Öl-Giganten Shell eingereicht. Shell wird beschuldigt, die Grundsätze der verantwortungsvollen Unternehmensführung, wie sie von der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) ausgearbeitet wurden, gebrochen zu haben.

Die Auswirkungen der Ölverschmutzung auf das Wasser, Ogoniland, Nigeria, 2008. © Kadir van Lohuizen/NOOR

Die beiden Organisationen werfen Shell vor, zweifelhafte und irreführende Information verbreitet zu haben, um die Schuld für die Öl-Verschmutzung im Nigerdelta grösstenteils auf Sabotageakte abzuschieben. Dieses Verhalten ist eine Missachtung der OECD Guidelines für Multinationale Unternehmen. Die Klage wurde beim britischen, sowie beim niederländischen OECD-Kontaktpunkt eingereicht.

Am 26. Januar 2011 muss sich Shell vor dem niederländischen Parlament wegen des Vorwurfs der Umweltverschmutzung und Missachtung der Menschenrechte bei ihren Geschäftsaktivitäten in Nigeria verantworten. Mitte der Neunzigerjahre gab Shell zu, einen Grossteil der Öl-Verschmutzung im Nigerdelta selbst verursacht zu haben. Mittlerweile behauptet Shell hingegen, dass Sabotageakte durch lokale Gemeinschaften und Kriminelle hauptsächlich für die Umweltverschmutzung verantwortlich seien. Mittels irreführender Zahlen will Shell davon überzeugen, dass bis zu 98 Prozent der Öllecks durch Sabotage zustande kam.

Keine Haftung – keine Kompensation

Sabotage ist tatsächlich ein Teil des Problems im Nigerdelta. Amnesty International und Friends of the Earth haben Shell jedoch wiederholt auf die Problematik ihres Umgangs mit solchen Zahlen hingewiesen, welche auch von Umweltorganisation scharf kritisiert werden. Wenn Öl-Verschmutzung auf Sabotage zurückgeführt wird, haftet Shell gemäss nigerianischem Gesetz nicht und muss somit auch keine Kompensation an die Betroffenen zahlen.

«Die Zahlen von Shell sind völlig unglaubwürdig», sagt Audrey Gaughran von Amnesty International. «Grossflächige Öl-Verschmutzung ist das Hauptproblem der Ölindustrie im Nigerdelta und dennoch entbehren die Untersuchungen der Verschmutzung jeglicher Unabhängigkeit.» Sowohl Friends of the Earth als auch Amnesty International halten fest, dass Ölfirmen in vielen Fällen einen grossen Einfluss auf die Klassifizierung der vermeintlichen Ursachen für Ölverschmutzung haben.

Nnimmo Bassey, Geschäftsleiter von Friends of the Earth Nigeria und Vorsitzender von Friends of the Earth International sagt dazu: «Wir überwachen die Ölverschmutzung regelmässig. Unsere Resultate widersprechen den Informationen von Shell. Zahlreiche Studien sehen den Grossteil der Schuld für die Umweltverschmutzung im Nigerdelta bei den Ölfirmen, vor allem bei Shell. Shell muss Verantwortung übernehmen und den Schaden, den sie in unserem Land angerichtet haben, wieder gut zu machen.»

Fragwürdige Berechnungen

Trotz wiederholter Anfragen hat es Shell bis anhin versäumt, öffentlich zu machen, welche Daten ihren Berechnungen zugrunde liegen und wie diese erhoben wurden. Zudem liegen Amnesty International und Friends of the Earth Fälle vor, in denen Shell die Schuld für die Öllecks Sabotageakten zuschiebt, was jedoch im Nachhinein von Ermittlern oder Gerichten in Frage gestellt wurde.

2009 musste sich Shell verpflichten, irreführende Informationen bezüglich der Ursachen für Öllecks zu korrigieren. Nachdem wiederholt behauptet wurde, dass 85 Prozent der Öllecks im Jahre 2008 durch Sabotage entstanden seien, gab Shell zu, dass die Zahlen sich eher im Bereich um die 50 Prozent bewegten. Weder die eine, noch die andere Behauptung wurde bis anhin bewiesen. Zudem hat sich Shell in keinster Weise bemüht, die durch die weitverbreitete Verwendung der Zahl 85 Prozent entstandenen, falschen Eindrücke, zu korrigieren.

Das Erbe von Shell

Nach über einem halben Jahrhundert der Geschäftstätigkeiten im Nigerdelta haben tausende Öllecks ein entsetzliches Erbe an Umweltverschmutzung hinterlassen. Wasser, welches zum Fischen und als Trinkwasser verwendet wird, ist mit Öl verschmutzt, landwirtschaftliche Nutzflächen und Ernten wurden zerstört.

Fehlinformationen bezüglich der Ursachen der Ölverschmutzung und das Versagen seitens von Shell und der Regierung, gerechte und glaubwürdige Untersuchungen durchzuführen, setzen die Menschenrechtsverletzungen fort, indem den Betroffenen weder Gerechtigkeit noch Kompensation zugestanden werden.