Nigeria Gerichtsakten beweisen Falschaussage des Ölkonzerns Shell

13. November 2014
Am 13. November 2014 veröffentlichte Amnesty International Gerichtsakten, die belegen, dass Shell in Bezug auf zwei grosse Ölunfälle im nigerianischen Bodo wiederholt falsche Aussagen über das Ausmass und die Auswirkungen gemacht hat, um möglichst wenig Entschädigungen zahlen zu müssen. Die Dokumente zeigen auch, dass Shell seit Jahren über den schlechten Zustand der alten Pipelines im Nigerdelta Bescheid wusste.
Grob fahrlässig

Sollten andere Ölunfälle in ähnlicher Weise heruntergespielt worden sein, sind möglicherweise hunderttausende von Betroffenen um ihre Entschädigungen ganz oder teilweise betrogen worden. Die unwiderlegbaren Beweise stammen aus einem Gerichtsverfahren, das 15'000 betroffene NigerianerInnen in Grossbritannien angestrengt hatten. Shell musste schliesslich zugeben, das wirkliche Ausmass in mindestens zwei Fällen heruntergespielt zu haben. «Amnesty International ist fest davon überzeugt, dass Shell wusste, dass die Bodo-Informationen falsch waren. Und wenn nicht, dann war das Verhalten der Firma grob fahrlässig, denn wir haben Shell mehrfach Beweise dafür geliefert, dass sie das Ausmass der Katastrophe dramatisch unterschätzen», sagt Audrey Gaughran, Leiterin des Bereichs Global Issues bei Amnesty International.

Mehr als 100'000 Barrel Öl ausgelaufen

«Shell hat das Gespräch mit uns immer verweigert. Erst jetzt vor Gericht sind sie gezwungen die Wahrheit sagen.» Der offizielle Untersuchungsbericht über den ersten Ölunfall in Bodo, der in Zusammenarbeit mit Shell erstellt wurde, spricht von insgesamt 1'640 Barrel Öl, die im Nigerdelta ausgelaufen seien. Auf Basis eines unabhängigen Gutachtens der US-amerikanischen Firma Accufacts Inc. errechnete Amnesty International, dass insgesamt mehr als 100'000 Barrel Öl ausgelaufen waren. Shell hielt dennoch an den eigenen, deutlich niedrigeren Zahlen fest.

Shell gibt Falschaussagen zu

In den Gerichtsakten gibt Shell nun zu, dass die gemachten Angaben falsch sind und zwar in Bezug auf beide Ölunfälle in Bodo. Dieses Eingeständnis lässt Zweifel aufkommen, ob Shell in Zusammenhang mit Hunderten von weiteren Ölunfällen in Nigeria, die in der gleichen Art und Weise untersucht worden sind, korrekt informiert hat. «Über Jahre hat Shell die Angaben in den Untersuchungsberichten über die ausgelaufenen Ölmengen und das Ausmass der Schäden bestimmt; heute sind diese Berichte nicht einmal mehr das Papier wert, auf dem sie geschrieben sind», stellt Andrey Gaughran fest.

Betrogene Gemeinschaften

«Mit diesen Untersuchungsberichten wurden ganze Gemeinschaften um ihre rechtmässigen Entschädigungszahlungen betrogen.» Die Berichte, kurz JIV genannt für Joint Investigation Visit, dienen als Entscheidungsgrundlage dafür, ob und in welcher Höhe eine Gemeinschaft entschädigt wird und in welchem Umfang Reinigungsarbeiten notwendig sind.
Die BewohnerInnen von Bodo hatten die Möglichkeit, in Grossbritannien rechtliche Schritte einzuleiten. Tatsache ist jedoch, dass die Mehrheit der betroffenen NigerianerInnen nie in der Lage sein wird, den Ölriesen zur Rechenschaft zu ziehen. «Die von Shell verursachten Ölverschmutzungen haben die Lebensgrundlage vieler Familien zerstört», erklärt Audrey Gaughran.

Fehlendes Vertrauen

Shells Geständnisse zeigen klar, dass die JIV-Formulare, in denen der Grund, die Ölmenge und die Auswirkungen festgehalten werden, keine zuverlässige Informationsquelle sind. Audrey Gaughran: «Shell wird auch weiterhin die katastrophale Bilanz in Nigeria beschönigen, indem das Unternehmen falsche Informationen liefert und Öldiebe für das ausgelaufene Öl verantwortlich macht. Diese Behauptungen beruhen allerdings einzig und allein auf den – wie Shell jetzt zugeben muss – unzuverlässigen Informationen der JIV-Berichte.»

Seit Jahren sind die Pipelines marode

Die Gerichtsakten zeigen auch zum ersten Mal, dass Shell bereits seit Jahren von den maroden Zuständen der Pipelines und der Gefahr von Öllecks wusste. Zu den Akten gehört ein internes Memo, das Bezug auf eine Studie aus dem Jahr 2002 nimmt: «Die Lebensdauer der meisten grossen [Shell-] Leitungen ist nur noch kurz oder gleich null und einige Abschnitte bergen grosse Risiken und Gefahren.» In einem anderen internen Shell-Dokument vom 10. Dezember 2009 warnt ein Mitarbeiter: «[Die Gesellschaft] geht als Unternehmen ein Risiko ein, weil die Ölleitungen im Ogoniland nicht korrekt unterhalten und seit über 15 Jahren nicht mehr auf ihren Zustand überprüft worden sind.»
«Es ist ungeheuerlich, dass Shell weiterhin Saboteure für die meisten Ölunfälle verantwortlich macht, obwohl die Firma sehr genau weiss, in was für einem miserablen Zustand ihre Pipelines sind», sagt Audrey Gaughran. «Mit ihren Falschaussagen hat sich die Firma völlig diskreditiert.»

Hintergrund

Shell hat immer behauptet, dass beim ersten Ölunfall in Bodo 1'640 Barrel Öl ausgelaufen sind und beim zweiten 2'503 (total etwa 4'000 Barrel). Diese Angaben basieren auf den Informationen der JIV-Berichte. Amnesty International hat diese Informationen wiederholt angezweifelt und der Firma Foto-, Video- und Satellitenaufnahmen zugestellt, die zeigen, dass die JIV-Informationen nicht korrekt sind.
Dennoch hat Shell an den Zahlen festgehalten. Zum Beispiel räumte der Geschäftsführer von Shell Nigeria in einem Brief an die britische Financial Times im März 2012 ein, «dass aufgrund einer Betriebsstörung total etwa 4'000 Barrel Öl ausgelaufen seien». Als Reaktion auf Beweismaterial, das Amnesty International 2012 veröffentlichte und das zeigt, dass der Ölunfall in Bodo heruntergespielt worden ist, teilte Shell der britischen Zeitung The Guardian mit: «Die beiden betreffenden Ölunfälle wurden in einem Verfahren [JIV] untersucht und wir halten an den Untersuchungsergebnissen [von 1’640 Barrel] fest.»