© Mike Egerton / imago
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WM 2030 und 2034 FIFA muss sicherstellen, dass die Menschenrechte bei Fussballweltmeisterschaften geschützt sind

Medienmitteilung 31. Oktober 2023, Bern – Medienkontakt
Die FIFA muss von den Bewerberstaaten für die Ausrichtung der Fussballweltmeisterschaften der Männer 2030 und 2034 klare und verbindliche Zusagen einfordern, wie diese Menschenrechtsverletzungen im Zusammenhang mit diesen Grossereignissen verhindern wollen. Dies fordert die Sport & Rights Alliance, der auch Amnesty International angehört.

Die Warnung der Sport & Rights Alliance kommt kurz vor Ablauf der Bewerbungsfrist für die Fussballweltmeisterschaften 2034 heute um Mitternacht. Bis jetzt ist Saudi-Arabien der einzige Bewerberstaat für die Ausrichtung des Turniers 2034. Für die WM von 2030 zieht die Fifa einzig die Bewerbung von Marokko, Portugal und Spanien in Betracht.

«Da für jedes Turnier nur eine einzige Bewerbung vorliegt, hat die FIFA möglicherweise ein Eigentor geschossen. Die FIFA muss jetzt deutlich machen, wie sie von den Gastgeberländern die Einhaltung ihrer Menschenrechtspolitik erwartet.» Steve Cockburn, Leiter der Abteilung für wirtschaftliche und soziale Gerechtigkeit bei Amnesty International

Die Sport & Rights Alliance, ein globaler Zusammenschluss von Nichtregierungsorganisationen und Gewerkschaften, Spieler*innen und Fans, ist der Ansicht, dass der fehlende Wettbewerb um die Ausrichtung der Turniere den Einfluss der FIFA, namentlich was die Massnahmen zur Verhinderung von Menschenrechtsverstössen angeht, untergraben könnte. Es ist daher entscheidend, dass der Weltfussballverband die Führung übernimmt, verbindliche Menschenrechtsgarantien von den Bewerber*innen einfordert und dafür sorgt, dass es bei Nicht-Einhalten der Garantien zu Konsequenzen kommt.

«Da für jedes Turnier nur eine einzige Bewerbung vorliegt, hat die FIFA möglicherweise ein Eigentor geschossen. Die FIFA muss jetzt deutlich machen, wie sie von den Gastgeberländern die Einhaltung ihrer Menschenrechtspolitik erwartet. Sie muss auch darauf vorbereitet sein, den Bewerbungsprozess zu stoppen, wenn ernsthafte Menschenrechtsrisiken nicht glaubwürdig angegangen werden», sagte Steve Cockburn, Leiter der Abteilung für wirtschaftliche und soziale Gerechtigkeit bei Amnesty International. 

«Die beste Chance für die FIFA, verbindliche Garantien zum Schutz der Rechte von Arbeiter*innen, zur Gewährleistung der Meinungsfreiheit und zur Verhinderung von Diskriminierung im Zusammenhang mit der Weltmeisterschaft zu erhalten, ist während des Auswahlverfahrens − und nicht, nachdem der Ausrichterstaat bereits feststeht und die Turniervorbereitungen begonnen haben. Menschenrechtsverpflichtungen müssen mit den potenziellen Gastgeberländern vereinbart werden, bevor die endgültige Entscheidung über die Durchführung der Turniere getroffen wird.»

Risiken müssen berücksichtigt werden

Der Bewerbungsprozess für die Weltmeisterschaft 2030 sollte eigentlich bei einer Sitzung des FIFA-Rates im Juni offiziell eingeleitet werden, wurde aber verschoben, um «zusätzliche Konsultationen mit allen wichtigen Interessengruppen zu gewährleisten». 

Am 4. Oktober gab der FIFA-Rat überraschend bekannt, dass nur die Bewerbung Marokkos, Portugals und Spaniens für die Weltmeisterschaft 2030 in Frage kommt. Einige wenige Spiele werden in Argentinien, Paraguay und Uruguay ausgetragen, die zuvor ihre Absicht bekundet hatten, sich um die Ausrichtung des gesamten Turniers zu bewerben.

Bei der gleichen Sitzung im Oktober kündigte die FIFA an, dass das Bewerbungsverfahren für die Weltmeisterschaft 2034 sofort beginnen würde, wobei nur Bewerbungen aus Asien und Ozeanien in Betracht kämen. Nur Saudi-Arabien hat innerhalb einer Frist von nur 27 Tagen seine Absicht erklärt. 

Eine von Amnesty International im Juni veröffentlichte Umfrage unter mehr als 17‘000 Erwachsenen in 15 Ländern ergab, dass die Mehrheit der Befragten bei der Auswahl des Ausrichters eines grossen Sportereignisses wie der Fussballweltmeisterschaft auf Menschenrechtsstandards Wert legt. In der Schweiz sind gar 68 Prozent der Ansicht, dass Menschenrechte ein Hauptkriterium bei der Vergabe von sportlichen Veranstaltungen sein müssen.

«Das Versäumnis der FIFA im Jahr 2010, bei der Vergabe der WM 2022 an Katar auf den Schutz der Menschenrechte zu bestehen, ist ein wesentlicher Grund dafür, dass ernsthafte Reformen so lange auf sich warten liessen und so oft nur unzureichend umgesetzt und durchgesetzt wurden», sagte Ronan Evain, Geschäftsführer von Football Supporters Europe.  «Die FIFA ist nun nach ihren eigenen Menschenrechtsregeln verpflichtet, diese Lehren ernst zu nehmen und entschiedene Massnahmen zu ergreifen. Das wäre ein erster Schritt, um den bereits angeschlagenen Ruf der Weltmeisterschaften 2030 und 2034 zu retten.»

Nach den von der FIFA veröffentlichten Richtlinien müssen sich alle Länder, die sich um die Ausrichtung der Weltmeisterschaften 2030 oder 2034 bewerben, zur «Achtung der international anerkannten Menschenrechte» verpflichten und verlangen, dass «die Menschenrechte und Arbeitsnormen von den sich bewerbenden Mitgliedsverbänden, den Regierungen und anderen an der Organisation der Turniere beteiligten Stellen umgesetzt werden». 

Als Teil ihrer offiziellen Bewerbungen müssen die Länder eine unabhängige Risikobewertung im Bereich der Menschenrechte durchführen und veröffentlichen sowie einen Plan vorlegen, in dem dargelegt wird, wie die Menschenrechtsrisiken angegangen werden. Zu diesen Risiken gehören beispielsweise Verstösse gegen Arbeitsrechte, Zwangsvertreibungen, Diskriminierung, Einschränkungen der Meinungsfreiheit oder Korruption. 

Es ist wichtig, dass die FIFA sicherstellt, dass die Risikobewertungen im Bereich der Menschenrechte wirklich unabhängig sind. In der Vergangenheit konnten die sich bewerbenden Fussballverbände vorschlagen, wer diese Bewertungen durchführte, was das Verfahren anfällig für Voreingenommenheit oder Missbrauch machte. 

Würde die FIFA ihre eigenen Richtlinien vollständig umsetzen, könnten Bewerbungen, die als «hohes Risiko» eingestuft werden, theoretisch abgelehnt oder Korrekturpläne vereinbart werden. In jedem Fall sollte die FIFA einen kontinuierlichen Dialog mit der Sport & Rights Alliance und anderen relevanten Akteur*innen führen, um Risiken und Möglichkeiten zur Vermeidung von Menschenrechtsverletzungen zu ermitteln.

Zu den Partner*innen der Sport & Rights Alliance (SRA) gehören Amnesty International, The Army of Survivors, Committee to Protect Journalists, Football Supporters Europe, Human Rights Watch, ILGA World (The International Lesbian, Gay, Bisexual, Trans and Intersex Association), der Internationale Gewerkschaftsbund, die World Players Association und UNI Global Union. Als globaler Zusammenschluss führender Nichtregierungsorganisationen und Gewerkschaften arbeitet die SRA daran, sicherzustellen, dass Sportorganisationen, Regierungen und andere relevante Interessengruppen eine Welt des Sports schaffen, die internationale Standards für Menschenrechte, Arbeitsrechte, das Wohlergehen und den Schutz von Kindern sowie die Korruptionsbekämpfung schützt, respektiert und erfüllt.