Interview mit Ursula Hohler «Wir gründen Amnesty in der Schweiz!»

April 2011
Wenn sie heute zurückblickt, kann Ursula Hohler kaum glauben, dass sie die Schweizer Sektion von Amnesty International mitgegründet hat. Die Psychologin erinnert sich an die dynamischen Anfänge, aufreibende Unterschriftensammlungen, die Arbeit in ihrer Amnesty-Gruppe und viele Anlässe, bei denen Geld gesammelt wurde.

Ursula Hohler. © AI

Wie wurden Sie auf Amnesty International aufmerksam?
Ursula Hohler:
Ich hörte 1969 eine Sendung im Radio über Amnesty International. Zwei andere Leute wurden ebenfalls durch die Medien auf die Organisation aufmerksam. Gemeinsam mit diesen beiden Kollegen Klopfstein und Füglistaller beschlossen wir: Wir gründen Amnesty International in der Schweiz! Klopfstein wurde Präsident, Füglistaller Aktuar und ich Kassierin. Irgendwann merkten wir, dass es in Genf schon eine Gruppe gibt.

Wie ging es dann weiter?
1970 gab es gemeinsam mit der Genfer Gruppe eine Gründungsversammlung der Schweizer Sektion. Danach entstanden immer mehr Gruppen in den verschiedenen Gemeinden. Ich war in der Gruppe Herrliberg, denn wir wohnten damals in Uetikon am See. Wir organisierten alle möglichen Aktivitäten, schrieben Briefe für Gefangene. In dieser Anfangszeit besuchte uns Martin Ennals, der damalige Generalsekretär von Amnesty International, mehrmals. Er hatte Bekannte in der Schweiz und war deswegen oft hier. Das war sehr motivierend. Ennals war ein sehr eindrücklicher Mensch!

Es herrschte Pionierstimmung?
Ennals war mutig, sehr engagiert und gut vernetzt. Er sagte uns immer: Die Gefangenen, die ihr jetzt betreut, sind in manchen Ländern vielleicht die nächsten Regierungschefs.

Was interessierte Sie an Amnesty International?
Für mich standen Themen wie Meinungsfreiheit und Gewissensfreiheit im Vordergrund. Ich fand und finde immer noch, dass wir in der Schweiz sehr privilegiert sind. Es trieb mich um, dass es Länder gab, in denen Menschen wegen ihrer Meinung im Gefängnis waren. Anlass für die Gründung von Amnesty war ja, dass zwei Studenten, die in Portugal auf die Freiheit angestossen hatten, ins Gefängnis gesteckt wurden. Solche Geschichten machten mich sehr wütend.

Diese Wut war der Anlass für Ihr Handeln?
Ja, die Motivation kam aus dieser Emotion heraus. Ich war sehr motiviert. Wir waren regelmässig für Gewissensgefangene und gegen Folter aktiv. Wir wollten die Gefangenen unterstützen und die Menschen hier informieren. Denn das Bewusstsein für die Probleme war nicht immer da. Einmal, als wir Unterschriften sammelten, sagte uns eine Frau: «Aber ich war gerade in Argentinien und habe nichts davon gemerkt, dass dort Leute unterdrückt werden. Das stimmt doch nicht.» Dabei herrschte dort damals grosse Unterdrückung! Eine solche Aussage ist doch unglaublich.

Wie sahen Ihre Aktionen aus?
Wir haben viele Anlässe veranstaltet: Konzerte (zum Beispiel von meinem Mann Franz Hohler zusammen mit Mani Matter), Sommerfeste, Theaterauftritte und Lesungen (zum Beispiel mit Peter Bichsel, Kurt Marti und Jörg Steiner). In Herrliberg organisierten wir Unterschriftensammlungen, Basare, Kerzenziehen und ähnliches.

Haben Sie sich besonders zu gewissen Ländern engagiert?
Jede Gruppe betreute Gefangene aus drei verschiedenen Ländern. Ich kann mich erinnern, dass wir uns für eine Iranerin einsetzen. Nachdem sie von der Geheimpolizei des Schahs zu Tode gefoltert worden war, wollten wir in einer Zürcher Tageszeitung eine Todesanzeige für sie publizieren. Doch die Zeitung war nicht bereit, eine solche Anzeige zu drucken.

Konnten Sie rasch neue Leute für Amnesty International begeistern?
In Zürich gab es rund um die Bekannten von Martin Ennals schon einen Kreis motivierter Leute, so entstanden in und um Zürich bald neue Gruppen. Andere Gruppen entstanden in und um Bern und später in der ganzen Schweiz. Ich war nach der ersten Zeit ein Mitglied der Gruppe Herrliberg. Weil ich damals kleine Kinder hatte und auch noch berufstätig war, dachte ich nie daran, ein Amt für die Schweizer Sektion zu übernehmen.

Wie wurde es in Ihrem Umfeld aufgenommen, dass Sie sich für Amnesty engagieren?
Ein Teil meines Umfeldes waren Künstler, Kollegen meines Mannes. Die fanden es gut. Ich gab damals Deutschunterricht am Seminar Küsnacht, das es heute nicht mehr gibt. Dort habe ich in der Lehrerschaft sondiert, ob es Interessenten gibt. Das war aber ein eher konservatives Umfeld; ich kam nicht sehr weit. Die Schüler haben sich interessiert, aber ich wollte sie nicht indoktrinieren. Die Gruppe Herrliberg hatte eine sehr schöne Atmosphäre, was wir wohl auch ausgestrahlt haben. Weil wir ein paar Jahre hintereinander ein Kerzenziehen mit einer Kindermalwand organisierten, kamen wir schnell in der Gemeinde ins Gespräch.

War Amnesty International damals den Schweizern und Schweizerinnen schon ein Begriff?
Nein. Es gab Anfang der 1970er-Jahre schon Leute, die Amnesty kannten, aber die meisten wussten nicht, was das ist. Wir haben uns immer wieder bemüht, Amnesty bekannt zu machen. Mit der Zeit steigerte sich die Bekanntheit.

Wie lange waren Sie aktiv?
Etwa zehn Jahre. Danach war ich nur noch sehr sporadisch bei einer Aktion dabei. Wir zogen nach Zürich, deshalb musste ich mich von meiner «Kuschelgruppe» in Herrliberg verabschieden. Ich habe damals noch ein Psychologiestudium absolviert. Mich begann die Frage zu interessieren, ob ich einem gewissen Teil von mir selber keine Menschenrechte gebe. Mit meinem damaligen Analytiker und anderen KollegInnen habe ich später eine neue psychologische Schule gegründet, die sich intensiv mit und Themen wie Rassismus, Sexismus und sozialen Rollen wie Mehrheit und Minderheit befasst. Denn für mich ist klar: Wer seine Minderheiten einsperrt, verliert etwas. Schon Jung betonte die Rolle der Ganzheit. Dass sich alle Teile einer Gesellschaft äussern können, ist wichtig für unsere Sicherheit. So gesehen blieb ich ein Leben lang sehr engagiert. Das zentrale Thema ist für mich immer noch, dass es für den Einzelnen und für die ganze Gesellschaft sehr wichtig ist, dass alle Meinungen, alle Gefühle, alle Bedürfnisse geäussert werden.

Wie hat sich Amnesty in den zehn Jahren Ihres Engagements verändert?
In meinen Augen nicht sehr; die Basis hat sich aber verbreitert. Amnesty war nicht so gross und durchorganisiert wie jetzt. Heute muss man mit Amnesty rechnen, wie mit dem Roten Kreuz. Das war nach meiner Wahrnehmung damals nicht so. Es gab seither einen grossen Professionalisierungsschub. Manchmal denke ich: «Oh mein Gott, diese Organisation habe ich mitgegründet, das ist ja unglaublich.»

Seither ist viel passiert.
Ja, es gab eine gewaltige Entwicklung. Als ich im Internet las, wie viele Mitglieder und Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter die Sektion jetzt hat, war ich total happy. Das ist grossartig!

Wie sehen Sie Amnesty International heute?
Die Ausweitung des Mandats auf die wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Rechte unter der ehemaligen Generalsekretärin Irene Khan finde ich einerseits wichtig und nahvollziehbar, anderseits wäre es schade, wenn sich die Kräfte zu sehr verzetteln würden. Für mich ist das Herzstück von Amnesty immer noch der Schutz der Menschenrechte, vor allem der Meinungs- und Gewissensfreiheit.